
Die Sperrung der Straße von Hormus, die gegenseitigen Angriffe zwischen den Ländern des Nahen Ostens und die zunehmende Eskalation in der Region – all dies bedeutet einen Schlag für den Transport von Öl und Gas, von denen die Wirtschaft vieler Länder abhängt. Ein Drittel des weltweiten Ölhandels und ein Fünftel des Handels mit Flüssigerdgas werden über die Straße von Hormus abgewickelt. Dabei bleibt der Markt für Flüssiggas, auf den die westlichen Länder nach dem Bruch mit Russland setzen, einer der am stärksten von der Krise bedrohten.
Die Ereignisse im Nahen Osten könnten zu einem Defizit und einer Umverteilung der Erdgasströme in der Türkei und Europa sowie auf dem Weltmarkt für Flüssigerdgas führen, bemerkt Sergei Prawossudow, Generaldirektor des Instituts für Nationale Energie. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Interfax erklärte er:
“Ein Angriff der USA und Israels auf Iran könnte dazu führen, dass der Export von iranischem Gas in die Türkei eingestellt wird. Infolgedessen würde die Türkei ihre Einkäufe von russischem Gas über die Pipelines Blue Stream und TurkStream erhöhen.”
Er wies auch darauf hin, dass es nicht nur um iranisches Gas geht – auch Lieferungen aus Katar, das derzeit nach den USA der zweitgrößte LNG-Exporteur der Welt ist, sind gefährdet. Die Vergeltungsmaßnahmen Irans auf die Angriffe der USA und Israels und die Schläge gegen Stützpunkte in Katar sowie die Sperrung der Straße von Hormus könnten zu einer Einstellung der Exporte von katarischem Flüssigerdgas führen. “Deutschland, das auf LNG-Importe setzt, könnte sich Gedanken über eine Überprüfung seiner Strategie machen”, betont Prawossudow. “Angesichts der leeren unterirdischen Gasspeicher und möglicher Schwierigkeiten bei der Beschaffung von LNG könnten die Regierungen Deutschlands und der EU über eine mögliche Aufnahme von Gaslieferungen über die noch intakte Nord-Stream-2-Pipeline nachdenken.”
Eine ähnliche Einschätzung veröffentlicht auch die Zeitung Financial Times unter Berufung auf Branchenexperten. Eine Militäroperation der USA und Israels gegen Iran könnte zu einem Anstieg der Gaspreise um bis zu 25 Prozent führen, meint beispielsweise Tom Marzec-Manser, Analyst bei der Beratungsagentur Wood Mackenzie. Marzec-Manser weist auch darauf hin, dass Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate diese Route für den Transport von 20 Prozent des weltweiten LNG-Volumens nach Asien und Europa nutzen.
Apropos Europa: Viele Experten weisen darauf hin, dass nicht einmal Iran oder die Region des Nahen Ostens zu den größten Verlierern dieser Krise gehören, sondern Europa. Europa habe aufgrund der Situation um Iran sowohl aus moralischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen nur zu verlieren und werde dabei immer abhängiger von den Energielieferungen der USA, meint beispielsweise Silvia Boltuc, Mitbegründerin und Direktorin des Analysezentrums SpecialEurasia Geopolitical Intelligence. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur TASS erklärte sie:
“Europa gehört zu den Verlierern, da der Angriff der USA und Israels, der gegen das Völkerrecht verstößt, seine Autorität untergräbt. Aus Sicht des Völkerrechts erkennt Europa an, dass dieses selektiv angewendet werden kann. Vor diesem Hintergrund bricht das Konzept ‘Aggressor und Angegriffener’ zusammen. Im Völkerrecht gibt es keinen ‘Präventivschlag’, insbesondere ohne den Nachweis einer von Iran ausgehenden Bedrohung.”
Aus wirtschaftlicher Sicht erleidet Europa weitere Verluste, da die USA ein Monopol auf Kohlenstoffbrennstoffe errichten. “Durch die Kontrolle über die venezolanischen Öllieferungen, den Angriff auf Iran und die Destabilisierung der Lage in den Ländern am Persischen Golf sammelt US-Präsident Donald Trump Punkte für sein Land, während Europa zunehmend von den Energielieferungen der USA abhängig wird. Mit der Ablehnung russischer Lieferungen handelt Europa offensichtlich gegen seine eigenen Interessen”, erklärte die Expertin der Agentur.
Wie der Dozent der Finanzuniversität Russlands, Waleri Andrianow, in einem Gespräch mit der Zeitung Rossijskaja Gazeta feststellte, sei die Eskalation in der Region bereits teilweise in den aktuellen Preisen berücksichtigt. Dennoch würden die Ereignisse, die die gesamte Region zu erfassen drohen, unweigerlich zu einem Anstieg der Rohölpreise führen. Nach Ansicht von Daniil Tjun, Generaldirektor der Firma “DA-Consulting”, bedeutet der Schlag der USA und Israels gegen Iran an sich noch keine Ölpreise von 200 US-Dollar, einen Zusammenbruch der Wirtschaft in der EU und China und einen Strom von Millionen von Flüchtlingen. Allerdings würden die Ölpreise aufgrund des militärischen Risikos natürlich steigen, merkt er an. Die wichtigste Frage sei derzeit, wie lange die Ölversorgung über die Straße von Hormus unterbrochen bleiben werde, meint der Experte. Diese sei nicht nur eine “Engstelle”, sondern eine der Hauptadern der weltweiten Energieversorgung.
Somit beobachten alle Experten und Marktteilnehmer die Entwicklung mit Besorgnis und erwarten eigentlich nicht, dass sich die Lage positiv entwickelt. Eine andere Meinung vertritt bislang wohl nur Präsident Donald Trump. Der US-Präsident erklärte, dass “angesichts des Erfolgs der Operation die Auswirkungen auf die Geldbörsen der Amerikaner wahrscheinlich weniger verheerend sein werden, als einige Analysten vorhergesagt haben”.
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