
Von Dagmar Henn
Es ist nicht einfach, aus dem politischen Verhalten der US-Regierung einen Sinn zu lesen. Denn auch wenn der Angriff gegen Venezuela erfolgreich war und die Blockade Kubas aktuell funktioniert – diese samt und sonders völkerrechtswidrigen Handlungen beruhen auf dem Einsatz einer militärischen Macht, die begrenzt ist und mit der es nicht dauerhaft möglich ist, Russland und China zu attackieren, die die eigentlichen Ziele sind.
Die relative Passivität etwa nach der Kaperung der Aquila II im Indischen Ozean, die nicht nur Öl für China transportierte, sondern auch chinesischen Eignern gehört, beruht weitgehend auf der strategischen Überlegung, dass ein abrupter Absturz der USA mit einem vorstellbaren Zerfall der staatlichen Integrität nicht im Interesse der globalen Mehrheit sein kann. So unangenehm es ist, diesen ungehemmten Akteur weiter zu ertragen, ist das angestrebte, weil in Summe risikoärmste, Ziel eine “weiche Landung”.
Es sind vermutlich zwei Faktoren, die diese auf den ersten Blick irrationale Aggression erklären. Der erste: Die Variante der ökonomischen Erpressung, wie sie über die Zölle versucht worden ist, ist nicht so erfolgreich wie erwartet, da gerade die echten Konkurrenten wirtschaftlich nicht mehr erpressbar sind. Das gilt vermutlich selbst für Indien. Der zweite: Unterhalb der atomaren Bewaffnung ist die Marine das wirkungsvollste Mittel, das die USA noch haben, um ihre Interessen durchzusetzen; allerdings ist diese Wirksamkeit zeitlich begrenzt, da die chinesische Flotte dank des großen zivilen Schiffsbausektors mit atemberaubender Geschwindigkeit wächst und jetzt bereits zwar nicht in der Tonnage, aber in der Zahl der Schiffe deutlich vorne liegt. Diese Schiffe sind zudem im Schnitt nur zehn bis zwölf Jahre alt, während nur 25 Prozent der US-Schiffe nach 2010 in Dienst gestellt wurden. Zusammen mit der durch moderne Raketen deutlich gestiegenen Angreifbarkeit von Flugzeugträgergruppen heißt das, auch die US-Marine hat im Grunde nur noch dort einen Vorteil, wo sie “zu Hause” ist und mögliche Gegner durch die längeren Anfahrtswege einen nicht aufhebbaren Nachteil haben.
Die Nationale Sicherheitsstrategie, die vor einiger Zeit veröffentlicht wurde, erweckte mit der Konzentration auf die westliche Hemisphäre auch den Eindruck, auf genau diese Entwicklung zu reagieren. Aber schon der Angriff auf Venezuela war eigenartig. Schließlich hatte die US-Ölindustrie doch recht klar zu erkennen gegeben, nur begrenztes Interesse an den venezolanischen Ölvorkommen zu haben, da dort massive Investitionen erforderlich wären, und die Art und Weise, wie die Seeblockade fortgesetzt wurde, machte sichtbar, dass das Hauptziel im Grunde der Angriff auf die chinesische Energieversorgung war. Genau das bestätigt sich noch mal mit der Kaperung der Aquila II, die gar keinen anderen Zweck hatte, als zu zeigen, man könne selbst das.
Was nicht den Eindruck einer realistischen Strategie erweckt, denn letzten Endes ist es nur ein Pokern darauf, dass die andere Seite nicht reagiert. Der heikle Punkt wäre dabei der Untergang eines Flugzeugträgers; vermutlich ein Moment, den beide Seiten fast ebenso sehr zu vermeiden suchen wie eine nukleare Konfrontation. In diesem Fall wegen der symbolischen Wirkung eines solchen Ereignisses.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow hat jüngst gesagt, die USA versuchten, die globale Energieversorgung unter Kontrolle zu bringen. Danach sieht es tatsächlich aus. Wobei die größten Verlierer in diesem Spiel ausgerechnet die US-Verbündeten, die Europäer, sind, die durch den Verzicht auf die Pipelineversorgung aus Russland ihre eigene Energieversorgung gleich doppelt den USA ausgeliefert haben – nicht nur, weil das US-Frackinggas weitaus teurer ist, sondern auch, weil der Anteil der über das Meer angelieferten Energierohstoffe deutlich gestiegen ist, und eben dieser Lieferweg, wie nicht nur der Vorfall mit der Aquila gezeigt hat, hervorragende Erpressungsmöglichkeiten liefert.
Trotzdem – weder Russland noch China müssten sich auf Dauer derartige Eingriffe bieten lassen, und auch Indien besitzt eine Marine; selbst die US-Navy hätte da mit ihren Versuchen, die Seehandelswege zu chaotisieren, nur eine Chance, solange diese Akteure nicht zusammenarbeiten. Es kann also ein Versuch sein, aber nur für begrenzte Zeit.
Aber was, wenn es gar nicht um einen langfristigen Zustand geht? Wenn das eigentliche Ziel in einem ganz anderen Bereich liegt?
Es gibt einen massiven Verdacht, der sich einstellt, wenn man die erratischen Ausschläge der Trumpschen Außenpolitik länger beobachtet. Die meisten davon lösen nämlich irgendeine Reaktion an den Börsen aus. Und jede derartige Reaktion bietet eine Möglichkeit für Insiderhandel, vorausgesetzt, man gehört zu jenen, die vorab Kenntnis von anstehenden Ereignissen haben. Das deutlichste Anzeichen für einen Angriff der USA gegen den Iran dürften derzeit größere Bewegungen auf dem Optionsmarkt für Erdöl sein; denn man gewinnt den Eindruck, da ginge es in vielen Fällen mindestens ebenso sehr um derartige spekulative Momente wie um die Sicherung realer geopolitischer Macht. Was einen leisen Unterton von Panik hat, denn im Hintergrund lauern die Billionen Staatsschulden und die gigantischen Blasen an ebendiesen Börsen (wobei es zuletzt, also in den letzten zwei, drei Wochen, so aussieht, als stünde die derzeit größte, die KI-Blase, kurz vorm Platzen) – derartige Schachzüge also eher die Absicht verfolgen dürften, das eigene Polster vor dem Absturz noch etwas zu verstärken.
Bei vielen Analysen um die Folgen eines US-Angriffs auf den Iran ging es um die Auswirkungen auf die globale Wirtschaft, vermittelt durch eine mögliche Schließung der Straße von Hormus durch den Iran. Das könnte ein Augenblick sein, der den Stecker zieht. Einen abrupten Absturz einleitet, eine Finanzmarktkrise auf Meth gewissermaßen. Auf der anderen Seite – aus dem Blickwinkel eines Spekulanten ist auch eine solche Krise kein Problem, wenn man zuvor die richtigen Wetten abgeschlossen hat. Klar ist jedenfalls, das Hauptproblem, das sich in der Krise 2008 zeigte, das ungeheure Missverhältnis zwischen den vorhandenen realen Werten und den umlaufenden Ansprüchen darauf, in Gestalt von Krediten, Aktien, Optionen, wurde nicht gelöst. Denn genau an diesem Punkt waren die USA extrem verwundbar. Warum? Weil sich Kapital ungleichmäßig entwertet und Produktionsanlagen weitaus stabiler sind als beispielsweise Bankaktien oder Derivate. Es genügt ein Blick, um zu erkennen, wer im Fall einer massiven Entwertung die Nase vorn hätte: derjenige mit dem höchsten Anteil an realer Produktion.
Punkt zwei übrigens, an dem die Europäer verloren haben: Die Chancen, einen derartigen Sturm zu überstehen, haben sich durch die zunehmende Deindustrialisierung deutlich verschlechtert. Das wurde in den USA sehr wohl wahrgenommen, wie Deutschland damals die Finanzmarktkrise auf Kosten aller anderen überstanden hat; auch auf Kosten der USA übrigens, die mit den Milliarden, mit denen AIG gestützt wurde, in Wirklichkeit die Deutsche Bank über Wasser hielten.
Was also heißt es, wenn man das derzeitige Vorgehen der USA auf den Energietransportwegen mit dem Problem einer finanziellen Implosion und der massiven Spekulationsstruktur verknüpft? Vielleicht ist es gar nicht das Ziel, die Energieversorgung über längere Zeit zu kontrollieren. Es könnte absolut genügen, sie genau in dem Moment unter Kontrolle zu haben, in dem man die gigantische Blase gezielt platzen lässt (weil sie ohnehin platzen wird, Seedance 2 ist ein Menetekel dafür).
Die Folgen für China und Russland könnten sich noch in Grenzen halten, selbst wenn der Seehandel zuvor eine Zeit lang stranguliert würde. Der Hauptverlierer sind die europäischen Industrieländer, die zuvor schon durch die steigenden Energiepreise und die Deindustrialisierung geschwächt wurden und nun völlig auf das Wohlwollen der USA angewiesen sind, um noch funktionsfähig zu bleiben. Nachdem aber in Europa weit mehr “konkurrierendes” Kapital vernichtet würde als in Afrika oder Lateinamerika, könnte das genügen, um die USA als funktionsfähige Macht überleben zu lassen.
Ist das vorstellbar? Da lohnt es sich vielleicht, einen etwas anderen Blick in die Epstein Files zu werfen. Denn es ist erstaunlich, was da alles diskutiert wurde. “Pandemien” beispielsweise und “Impfungen”. Und dieser Satz: “Wie werden wir die armen Leute insgesamt los?” Samt Epsteins Antwort: “Ich habe diesbezüglich eine Antwort für dich.” Das Erschütternde daran ist, dass sich dieser Zirkel aus perversen Milliardären als Planungszelle entpuppt, deren Vorhaben tatsächlich realisiert wurden.
Es ist schon aufgefallen, dass die Regierung Trump eine ausgeprägte Neigung hat, alles durch die Brille des Immobilienspekulaten zu betrachten. Dazu kommen noch die Möglichkeiten des Insiderhandels. Übrigens wohl mit eine Folge dessen, dass 2008 nahezu gar keine Konsequenzen für diese Personenkreise hatte, die man schon gar nicht mehr “herrschende Klasse” nennen kann, weil sie nicht einmal ein Kreuzfahrtschiff füllen würden, bestenfalls einen Überseeflieger …
Jedenfalls, während nach 2029 (1929?) ziemlich massive Einschnitte erfolgten, ein Spitzensteuersatz von 95 Prozent beispielsweise in den USA, passierte nach 2008 so gut wie gar nichts. Die Oligarchen kamen ungeschoren davon und bündelten noch mehr Macht und Geld in ihren Händen. Aber eben die Gesprächsthemen in dem Zirkel um Epstein zeigen auch, dass sich diese Leute der grundlegenden Probleme bewusst sind und aktiv nach Optionen suchen, das kapitalistische Verwertungsmodell zu ersetzen. Und dass nur eines absolute Priorität hat: die Erhaltung ihres persönlichen Reichtums samt seiner politischen Reichweite.
Vor allem zwei Ereignisse der letzten Jahre werden – speziell in ihrer Wirkung auf die Politik im Westen – erst dann wirklich schlüssig, wenn man ein extrem spekulatives und korruptes Verhalten ansetzt: COVid-19 und die eigenartige politische Monokultur, die damit entstand, ließe sich durch Insiderhandel und Bestechung rund um die “Impfungen” erklären, so wie auch der Ukraine-Krieg und der Fanatismus, mit dem die europäische Politik an ihm festhält, geradezu den Gedanken erzwingen, dass da verdeckte Geldflüsse wieder zurück nach Europa laufen.
Vor diesem Hintergrund ist die Kombination aus Insiderhandel und gelenkter Destruktivität logisch und zur Krisenbewältigung für die kleine Gruppe der Akteure geradezu ideal. Irgendjemand muss schließlich die Rechnung bezahlen, wenn die Blasen platzen; ein derartiges Vorgehen erinnert an die Habeck-Variation “Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anders”. Auch wenn sich eine massive Entwertung nicht umgehen lässt – vielleicht entschlüsselt sich das Handeln der derzeitigen US-Regierung besser, wenn man beobachtet, welche kurzfristigen Vorteile für eine kleine Clique von Superreichen erzielt werden können, als wenn man versucht, eine langfristige Strategie herauszulesen.
Wir hätten es also mit dem Versuch zu tun, die US-Marine, solange das noch möglich ist, dazu einzusetzen, um den Moment abzusichern, an dem die ökonomische Destruktion gezündet wird, damit das reale Vermögen, das übrig bleibt, in den Taschen der besagten kleinen Gruppe von Oligarchen landet. Für die Welt außerhalb des Westens erwiese sich dann übrigens der Abbruch vieler wirtschaftlicher Beziehungen als Vorteil – je kleiner die Rolle des US-Dollars und je unwichtiger die Wirtschaftsbeziehungen in besagten Westen sind, desto schwächer sind die Erschütterungen, die die Grenze überschreiten.
Das ist jetzt noch keine gefestigte Hypothese. Nur das, was mir einfällt angesichts einiger Dinge, die mir nicht logisch erscheinen. Ein Knochen, auf dem noch etwas herumgekaut werden muss. Aber so ist das eben manchmal.
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