
Von Anton Gentzen
Seit über zehn Jahren leben wir – aus der gewohnten und funktionierenden Normalität herausgerissen – in einem permanenten Ausnahmezustand. Für Russland und die Ukraine begann der Weg an den Rand des Abgrunds im Jahr 2013, Deutschland geriet zwei Jahre später im Zuge der Migrationskrise aus den Fugen. Es folgten die Corona-Krise und, als diese gerade abzuklingen begann, die Eskalation der Ukraine-Krise samt europäischem Sanktionskrieg gegen Russland, der seitdem nicht nur einfachen Russen das Leben schwer macht, sondern vor allem in Europa selbst an der wirtschaftlichen Substanz nagt.
Danach kamen noch der Gaza- und der Iran-Krieg dazu, die weitere Schichten der Bevölkerung traumatisierten.
Viele Jahre schon gibt es in Deutschland keinerlei Nachdenken über die Lage, nicht erst seit vier Jahren wird keiner der Eskalationsschritte auf Effektivität und Verhältnismäßigkeit überprüft. Die eskalatorischen Schritte akkumulieren sich, die Einzelsanktionen werden von Paket zu Paket weitergeschleppt, wachsen in der Zahl und in den Auswirkungen in den Himmel, und die europäische wie deutsche politische Maschinerie kennt keinen Rückwärtsgang.
Stattdessen dreht sich die deutsche Justiz- und Repressionsmaschine immer schneller. Strafverfahren für Verhaltensweisen, die noch wenige Jahre zuvor rechtens und akzeptiertes Verhalten waren, mehren sich, teilweise mit mehrjährigen Freiheitsstrafen.
So was zehrt an jeder Gesellschaft, ruiniert Menschenleben, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zehn Jahre Dauerstress, Zukunfts- und Abstiegsangst, Zermürbung: Deutschland ist ein gespaltenes Land mit Millionen traumatisierter Menschen.
Weitergehen kann es so nicht. Wo genau der Punkt liegt, an dem eine Gesellschaft zerbricht, weiß niemand, doch viele Anzeichen sprechen dafür, dass Deutschland diesem Punkt bedrohlich nahegekommen ist.
Es ist höchste Zeit innezuhalten, zu deeskalieren und den sprichwörtlichen Rückwärtsgang einzulegen. Hat man sich erstmal den Vorsatz gesetzt, die Wunden zu heilen und die Risse, die durch die Gesellschaft gehen, zu kitten, wird es keiner Hexenküche bedürfen, auf die dafür erforderlichen Maßnahmen zu kommen.
Diesen Vorsatz zu fassen, ist der schwerste Schritt. Er setzt die Bereitschaft der Politik, von Regierung wie Opposition, voraus, Einsicht ins Versagen zu haben. Daran fehlt es vor allem, weil die meisten im Mainstream damit ein Ende ihrer Karrieren verbinden.
Hier wäre es an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass Deutschland kulturell christlich geprägt ist. Einsicht und Reue sind im Christentum keine Schande, sie sind eine Tugend. Daran sollten sich beide Seiten erinnern und erinnert werden. So wenig man mit den Verantwortlichen der Dauerkrise sympathisieren muss, so sehr sollte der anderen Seite die Bereitschaft signalisiert werden, auf Rache und Repression zu verzichten, was auch ihre Abstiegsängste reduziert. Unter der Voraussetzung natürlich, dass die Eskalation endet und ab nun nur noch an Entspannung und Heilung gearbeitet wird.
Es gibt historische Beispiele, wie Gesellschaften aus Jahren der Spaltung herauskamen und sogar das Trauma von Bürgerkriegen überwanden. Eines gehörte immer dazu: eine Amnestie für die häufigsten Taten der einen wie der anderen Seite. Nur besonders Himmelschreiendes wurde davon ausgenommen. Ähnliches braucht auch Deutschland: ein Amnestiegesetz für alles außer Kapitaldelikten und den schlimmsten Korruptionsfällen, die zwischen 2015 und jetzt verbrochen (ohne Anführungszeichen) oder “verbrochen” (in Anführungszeichen) wurden, wenn es im Zusammenhang mit den zwischenzeitlichen Krisen und Konflikten stand.
Sind durch eine weitreichende Amnestie erst einmal die dringendsten Ängste der Betroffenen beider Seiten entschärft, lässt sich ein offener Dialog organisieren, der der Aufarbeitung dient, aber auch eine Art Massentherapie darstellt. Beispiele dafür, wie effektiv Derartiges für Heilungsprozesse ist, lieferten – bei weitaus Schlimmerem – die Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika. Im deutschen Fall müssen es nicht zwingend formalisierte Verfahren sein – eine offene Debattenkultur und die Verpflichtung der Medien, beide Sichtweisen darzustellen, würden schon einen Großteil tun.
Der Ton muss sich natürlich entscheidend ändern, damit Dialog funktioniert. Ausgerechnet ein Russe, der große Fjodor Dostojewski hatte dafür im Roman “Die Dämonen” den passenden Rat parat:
“Lassen Sie Ihren Tonfall und nehmen einen menschlichen! Fangen Sie wenigstens ein Mal im Leben mit menschlicher Stimme zu reden. Nicht meinentwegen bitte ich Sie darum, sondern Ihrer selbst wegen.”
Wenn Dialog zwischen den Verfeindeten erstmals seit Jahren wieder möglich wird, wenn Andersdenkende all der Krisen der letzten Jahre nicht pauschal als “Schwurbler”, “Nazis”, “russische Propagandisten” oder “Antisemiten” abgekanzelt werden, werden sich auch Lösungen für die angehäuften Probleme finden lassen. Ich glaube an die Kraft der Argumente und daran, dass die Wahrheit (und damit auch der erfolgversprechende Lösungsansatz) im Streit geboren wird. Im gesitteten Streit, natürlich.
Parallel dazu müssen natürlich dringend Maßnahmen ergriffen werden, um Deutschland vor dem wirtschaftlichen Verfall zu retten. Revision der Sanktionen, diplomatische Bemühungen, Wiederaufnahme pragmatischer Energie- und Wirtschaftspolitik, offener und respektvoller Dialog auch nach außen.
Wird es zu all dem kommen? Es ist wenig wahrscheinlich – wirken doch im Hintergrund mächtige Interessen, die unser aller Verderben um ihrer Bereichung und ihrer Allmacht wegen in Kauf nehmen. Warum das verblendete Fußvolk dieser Interessen nicht in die aus heutiger Sicht glückselige Zeit vor Angela Merkel zurückwill, bleibt mir ein Rätsel. Deutschland war damals noch normal, warum kehren wir nicht in die Normalität zurück, versuchen es wenigstens?
Ein Ruf in der Wüste ist es. Doch manchmal muss man denen, die sich verrannt haben, den Ausweg zeigen, auch wenn die Chance gering ist, dass sie ihn nutzen.
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