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Die Furcht vor dem digitalen Schatten

rtnews by rtnews
05/04/2026
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Mit dem Fernandes-Fall haben wir gerade erst eine weitere orchestrierte Kampagne erlebt, und wieder standen Menschen auf der Straße, um noch mehr Kontrolle zu fordern. Warum funktioniert diese Empörungsmobilisierung überhaupt?

Von Dagmar Henn

Wenn man betrachtet, mit welchem Eifer gerade versucht wird, über gesetzliche Maßnahmen in die Kommunikation in sozialen Medien einzugreifen, mit Klarnamenpflicht und Strafandrohungen für veränderte Darstellungen (die, auch wenn sie digitale Karikaturen sind, doch Karikaturen bleiben), und wie leicht die lenkbare Empörung dafür mobilisiert wird, fragt man sich doch, welche Art Persönlichkeit darauf anspringt.

Schließlich ist auch dieser digitale Schatten, gleich, welche Gestalt er annimmt, nichts anderes als das, was auch früher schon über Personen in deren Abwesenheit gesprochen wurde. Sei es Lob, Klatsch oder Schmährede – jeder Mensch hat einen gesellschaftlichen Schatten, den er nicht kontrollieren kann. Noch nie kontrollieren konnte. Die einzige Methode, seine Existenz zu unterbinden, ist, sich völlig aus der Gesellschaft zurückzuziehen und zum Einsiedler zu werden. Was aber bekanntlich kein der Gesundheit zuträglicher Zustand ist.

Sicher, jeder hat schon einmal Momente erlebt, in denen er sich fragte, was da hinter seinem Rücken getuschelt wird, und ob es dabei vielleicht um ihn geht. Viele Scherze beruhen darauf; wenn in der Schule beispielsweise jemandem ein Zettel auf den Rücken geklebt wird … Der nur durch die Reaktion der Umgebung überhaupt wahrgenommen werden kann. Und ja, diese unzugängliche, verborgene Kommunikation kann in einer intriganten Umgebung durchaus zur Bedrohung werden, sobald das, was man selbst über sich vermitteln kann, schwächer wird als das, was andere gezielt verbreiten.

Und dennoch – es ist nur extrem selten existenziell, und dann greift bereits das vorhandene Strafrecht. Das, was derzeit geradezu zelebriert wird, was sich etwa rund um § 188 Strafgesetzbuch abspielt, der extra geschaffen wurde, um Beleidigungen von Politikern zu ahnden, ist etwas anderes. Denn da fließen zu einen das Bestreben, zu erfahren, was da hinter dem Rücken gesprochen wird, und das, negative Äußerungen zu ahnden, in eins, und zum anderen wird die gesamte Wertigkeit verschoben. Als wäre das Gesprochene das Getane. In letzter Konsequenz hieße das dann, jemanden, der ausruft “ich bringe dich um”, so zu verurteilen, als hätte er das getan. Und man kann noch nicht einmal mehr beeiden, dass das übertrieben sei; schließlich steigen die Strafen für die albernsten Meinungsdelikte von Jahr zu Jahr, während Strafen für ganz reale Gewalttaten oft verblüffend niedrig sind. Es ist vor allem im Bereich des geschriebenen Worts, in dem das Strafrecht massiv ausgeweitet wurde, mit demensprechendem Aufwand an Personal (bei dem man die unzähligen Meldestellen noch mit hinzunehmen muss zu den vielen Stunden, die diese Fragen bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten erfordern).

Dabei geht § 188 eigentlich sogar weiter als die alte Majestätsbeleidigung. Schließlich ging es bei der Majestätsbeleidigung nicht um die Privatperson, sondern um das Amt, und zwar um genau das eine Amt, das für den Staat, für das Land selbst steht. Also um eine Verletzung auf einer symbolischen und öffentlichen Ebene, einer öffentlichen Funktion, und nicht um private Gekränktheiten (und man möchte sich gar nicht vorstellen, eine Marie-Agnes Strack-Zimmermann beanspruchte, symbolisch für ganz Deutschland zu stehen). Die Beleidigung der privaten Person ist mit § 185 StGB eigentlich abgedeckt.

Aber es genügte nicht. Dabei sollte man eigentlich davon ausgehen, dass jeder Mensch, der einen Schritt in eine breitere Öffentlichkeit tut, also Tätigkeiten ausübt, die Gesicht und teilweise auch Lebensführung mehr Menschen bekannt machen, als im Durchschnitt üblich, diesen Schritt bewusst tut und sich darüber im Klaren ist, dass der gesellschaftliche Schatten notwendigerweise mitwächst.

Als ich mit 16 wegen einer Stoppt-Strauß-Plakette eine Auseinandersetzung mit dem bayerischen Staat hatte und mein Bild mit Baskenmütze und Plakette über die dpa in ganz Deutschland verteilt wurde, machten mich einige kostenlose Werbeblätter z. B. im Ruhrgebiet zur Zwölfjährigen. Was hätte ich tun sollen? So ist das nun einmal. Informationen verbreiten sich immer mit Verlust, das lernt eigentlich jeder in dem Kinderspiel “Stille Post”. Man kann bestimmte Botschaften senden, aber wie sie ankommen, ist nur bedingt kontrollierbar, und wie sie sich im Weiteren verändern, gar nicht.

Es gibt immerhin auch ein Gegengewicht. Je klarer man weiß, wer man ist, desto weniger fürchtet man das, was andere über einen denken. Oder andersherum – je unsicherer man ist, desto stärker ist der Wunsch, dieses fremde Denken zu kontrollieren. Denn wenn da in der eigenen Mitte nichts ist, bleibt nichts anderes als das, was von Außen zurückgeworfen wird; dann scheint aber plötzlich eine negative Spiegelung eine existentielle Bedrohung.

Wie verbreitet diese Donut-Identität inzwischen ist, zeigte sich schon am Anfang der Debatte um “Hass und Hetze”. Der Mord am hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke war der Anlass, eine stärkere Zensur im Internet zu fordern; dass da im Hintergrund ein Plan der EU existierte, die Meinungsfreiheit immer weiter einzuschränken, ist das eine, aber wenn das nicht einer größeren Gruppe in der Bevölkerung eingeleuchtet hätte, ja, völlig natürlich erschiene, dann hätte das nicht funktioniert.

In der wirklichen Welt (und das ist nicht die, in der sich die deutsche Politik der letzten Jahre bewegt) ist es die Schwelle vom Wort zur Tat, die entscheidend ist, und psychologisch ist das Verhältnis zwischen diesen beiden Bereichen komplexer, als es in dieser Debatte dargestellt wurde – es ist vielfach eher das Nicht-aussprechen-Können oder das Nicht-aussprechen-Dürfen, das Gewalt auslöst, mitnichten das Aussprechen. Einer der üblichen Schritte, um gewalttätiges Verhalten zu bekämpfen, besteht darin, das Sprechen auch über Probleme und über negative Gefühle einzuüben. Die Zensur bewirkt als Sprechverbot also genau das Gegenteil dessen, was sie vermeintlich bewirken soll.

Das ist keine sensationell neue Erkenntnis, und dennoch spielte sie in der Debatte keine Rolle. Das kann nur geschehen, wenn nicht nur innerhalb der medialen Blase, sondern auch außerhalb derselben eine Menge Leute sind, für die dieser gesellschaftliche Schatten alles bedeutet. Für die er deckungsgleich ist mit ihrem Selbst. Oder andersherum, die fürchten, nicht zu sein, wenn sie nicht als gut gesehen werden, wenn das Gespräch hinter ihrem Rücken unfreundlich wird.

Wie kommt es dazu, dass die Donut-Identität so verbreitet wurde? Das hat mit Sicherheit mit der seltsamen Verschiebung sozialer Kontakte ins Digitale zu tun, sofern das überhaupt echte soziale Kontakte sind. Den meisten Menschen, die solide, persönliche Beziehungen haben, echte, fleischliche Freundschaften, oft über Jahrzehnte, die vielleicht noch etwas tun, womit sie sich identifizieren können, die womöglich sogar Kinder haben, ist der gesellschaftliche Schatten, von wenigen Ausnahmesituationen abgesehen, relativ egal. Denn das, was wahr und wirklich ist, bestimmt sich durch diese realen Kontakte, und bei langjährigen Freundschaften fragt man sich nicht mehr, was der andere hinter dem Rücken redet.

Aber das bedeutet Kontakte, die nicht oberflächlich sind. Und schon gar nicht virtuell, denn mittlerweile ist ja, nach einer kurzen Blüte in den 1990ern, das Briefeschreiben auch digital nicht mehr in Mode; dafür geriet das lange Telefonieren aus der Mode. Die kurzen Kommunikationsformen, die heute üblich sind, oder die sehr einseitigen, wie irgendwelche Videoschnipsel, simulieren nur Kontakt und können die reale Umgebung nicht ersetzen. Gleichzeitig arbeiten mehr Leute in Jobs, also in einer vorübergehenden Betätigung, die keine Erfüllung bietet. Und viele langjährige, stabile, kollektive Strukturen, von der Kirchengemeinde bis zum Fußballverein, sind verschwunden.

Gleichzeitig hat die soziale Entwicklung, das zunehmende Auseinanderstreben bei Einkommen und Vermögen, die räumlich Trennung zwischen Arm und Reich, die Abstiegssorgen der immer schmaler werdenden, einst in der BRD so gepriesenen “Mittelschicht”, dazu geführt, dass ebendiese ständig signalisieren muss, wer sie ist. Die Erfindung neuer Pronomen, samt der zugehörigen Dressur, ist gewissermaßen die Instantvariante des vornehmen Bestecks, bei dem der Gebrauch von Butter- und Fischmesser verrät, wer dazu gehört, und wer sich als Aufsteiger eingeschmuggelt hat.

Der bürgerliche Habitus, mit dem sich Eigene und Fremde voneinander trennen lassen, ist längst nicht mehr so subtil, wie er noch vor Jahrzehnten war, als ihn Pierre Bourdieu beschrieben hat, sondern liegt geradezu penetrant an der Oberfläche. Und während die Unterwerfung unter ihn häufiger denn je eingefordert wird (ja, auch die Corona-Maskennummer folgte diesen Muster, nur zur Erinnerung) und die Verweigerung sofort den vermeintlichen Klassenfeind identifiziert (weil die “Mittelschicht” ihn immer am falschen Ende der Gesellschaft sucht), bewegt sich der einzelne Angehörige dieser Gruppe in einer beständigen Unsicherheit. Denn je mehr sichtbare Zeichen eingefordert werden, desto größer ist die Angst, zu fehlen, ein falsches Signal auszusenden, versehentlich neben dem Falschen zu stehen; und desto größer das Bedürfnis, irgendwie die Kontrolle über diese in Unterwerfungsakte fragmentierte Existenz zu behalten.

Da ist es kein Wunder, dass die Reaktionen, die sichtbar werden, immer hysterischer werden. Schließlich geht die Anhäufung von Unterwerfungshandlungen Hand in Hand mit stetig wachsenden Strafen, die längst, wie beim Debanking, von jeder rechtsstaatlichen Kontrolle befreit sind, sodass die Alternative zum zwanghaften Sammeln von Bonuspunkten nicht nur die gesellschaftliche, sondern die materielle Vernichtung ist. Der Eifer, nach Anerkennung zu streben, Aufmerksamkeit zu heischen, wird also gerade bei der dafür empfänglichen Klientel stetig weiter verstärkt.

Das wirkliche Problem liegt nicht im Internet, auch nicht in der Kommunikation dort. Das wirkliche Problem ist, dass der wirtschaftliche Druck durch den zunehmenden Abstand zwischen Arm und Reich so groß ist, dass die Mitte nicht nur ökonomisch, sondern auch mental zerrieben wird. Dass all das, was auffangen könnte, was eine stabile Identität zu schaffen vermag (was bei manueller Tätigkeit zugegeben einfacher ist), immer rarer und durch eine virtuelle Variante ersetzt wird.

Und dass die Manipulierbarkeit, die durch dieses der eigenen Schöpferkraft völlig entfremdete Wesen entsteht, gerade gewünscht ist. Denn eigene, grundlegende Interessen durchzusetzen setzt eine gewisse Autonomie voraus – zu der auch gehört, negative Reaktionen, auch Anfeindungen auszuhalten. Von oben betrachtet ist nichts praktischer als eine atomisierte Menge möglichst unsicherer Individuen.

Die alte Arbeiterbewegung, also das, was einmal im vorvergangenen Jahrhundert entstanden war und wenig mit der hysterischen Linken der Gegenwart zu tun hat, wurde von zwei Dingen getragen: dem Selbstbewusstsein, die Wahrnehmung für die Bedeutung der eigenen Arbeit zu stärken (Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht!), und der Kraft des gemeinsamen Handelns. Auf dieser Grundlage entstand eine eigene Kultur, von Wohngenossenschaften über Arbeitersportvereine bis zu Volkshochschulen. Dieses nervöse Ringen um die Außenwahrnehmung war dieser Umgebung fremd.

Aktuell ist es genau das, was als progressiv verkauft wird. Eine ins Gesetz gegossene Hysterie, die aber selbst bei maximaler Verschärfung niemals in der Lage sein kann, das Loch in der Mitte zu füllen. Ein Habitus ersetzt kein Selbst. Aber für eine menschliche Gesellschaft müssen sich Menschen begegnen, keine Masken.

Mehr zum Thema – “Virtuelle Vergewaltigung”: Und die einen stehn im Dunkeln, und die andern stehn im Licht …



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