
Von Olga Samofalowa
Infolge der EU-Sanktionen gegen Russland und aufgrund des Rückgangs des Grenzhandels seien die Volkswirtschaften der baltischen Staaten und Finnlands in finanzielle Schwierigkeitengeraten, berichtet Politico. Nun fordern sie von der Europäischen Kommission finanzielle Unterstützung. Dies wird auf dem Gipfeltreffen der östlichen EU-Mitgliedstaaten am 16. Dezember in Helsinki thematisiert werden.
Dem litauischen Minister für europäische Angelegenheiten Sigitas Mitkus zufolge, sei die Region auf besondere Aufmerksamkeit angewiesen, da sich die geopolitische Lage negativ auf Investitionen und die Geschäftsentwicklung ausgewirkt habe. Der estnische Finanzminister Jürgen Ligi erklärte:
“Die estnische Wirtschaft wurde durch den Krieg am stärksten beeinträchtigt. Es gibt zahlreiche Probleme im Zusammenhang mit Investitionen und Arbeitsplätzen.”
Die Europäische Kommission ist zwar bereit, finanzielle Unterstützung zu leisten. Dieser Förderplan wird vom Kommissar für Regionalpolitik, Raffaele Fitto, geleitet. Allerdings dürfen die baltischen Staaten und Finnland in den nächsten Jahren nicht darauf rechnen, dass sie großzügige Finanzhilfen erhalten werden. Der EU-Haushalt ist fast erschöpft, und das neue mehrjährige Finanzprogramm tritt erst 2028 in Kraft. Nach Einschätzung von Diplomaten ist eine groß angelegte finanzielle Unterstützung in den nächsten Jahren nicht zu erwarten.
Laut Politico sind die genannten Regionen besonders stark von einem Rückgang des Tourismus, der Investitionen sowie einem drastischen Abschwung im Grenzhandel betroffen.
Jaroslaw Kabakow, Leiter der Strategieabteilung bei der Investmentfirma “Finam”, sagt dazu:
“Die Volkswirtschaften der baltischen Staaten und Finnlands stehen seit 2022 vor einer Kombination mehrerer wirtschaftspolitischer Schocks – dem Verlust von Transitströmen und Geschäftsbeziehungen mit Russland, steigenden Energiekosten aufgrund des Verzichts auf russische Ressourcen sowie einem Rückgang der Investitionen und des Tourismusaufkommens vor dem Hintergrund geopolitischer Unsicherheiten.”
Nach Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine verloren diese europäischen Reiseziele sofort ihren wichtigsten Tourismusmarkt – Russland und die Ukraine. So erreichte der Anteil russischer Touristen, die in die an Russland angrenzenden europäischen Regionen reisten, bis zu 20 Prozent. Nach Februar 2022 sank die Zahl der Touristen aus Russland um 80 Prozent.
Darüber hinaus vermeiden auch “einheimische” Touristen – also Reisende aus anderen EU-Ländern – die baltischen Staaten aus Angst, Territorien zu bereisen, in deren Nähe ein militärischer Konflikt stattfindet. In den Jahren 2022 und 2023 wurden bereits gebuchte Reisen in diese Länder von europäischen Touristen massenhaft storniert. Nun werden die baltischen Staaten schlichtweg ignoriert. Dies wirkt sich negativ auf die Tourismusbranche aus: Hotels sind nicht ausgelastet, einige müssen sogar ihren Betrieb einstellen. Auch Kreuzfahrten auf der Ostsee sind davon betroffen. Die Situation in diesen Ländern ist noch schlechter als im Jahr 2020, das von der COVID-Pandemie geprägt war.
Auch Investoren meiden jetzt die baltischen Staaten und Finnland. Zum einen war Russland für diese Länder jahrzehntelang ein wichtiger Investor. Zum anderen wollen die Europäer selbst keine Investitionen in diesen Regionen tätigen.
Zudem ist der Grenzhandel mit Russland nach Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine vollständig zum Erliegen gekommen.
Natalia Miltschakowa, leitende Analystin bei Freedom Finance Global, erläutert:
“Es gibt zahlreiche Probleme in den Wirtschaften dieser Länder. Eines der größten Probleme besteht jedoch darin, dass sie den russischen Markt für den Export ihrer Waren verloren haben, sowohl aufgrund ihrer eigenen Sanktionen gegen Russland als auch aufgrund des russischen Lebensmittelembargos. Bis 2014 erzielten Litauen und Lettland gute Einnahmen aus dem Export ihrer Lebensmittel nach Russland sowie aus der Verpachtung von Häfen und Hafeninfrastruktur an russische und weißrussische Unternehmen. Besonders hohe Erträge erzielten sie mit dem Transport russischer und weißrussischer Mineraldünger. Auch der Warentransport von westlichen Gütern nach Russland brachte erhebliche Einnahmen. Darüber hinaus erzielte Litauen Einnahmen durch den Schienen- und Straßentransport von Gütern und Passagieren nach Kaliningrad.”
Die am stärksten betroffenen Sektoren seien die Logistik und das Hafengeschäft: Der Umsatzrückgang in einer Reihe der größten Häfen, der in den Jahren 2023–2024 zu verzeichnen war, sei eine direkte Folge der Umgestaltung der Handelsrouten und der Beschränkungen für russische Fracht gewesen, so Jaroslaw Kabakow.
Allein im Jahr 2023 sei das Frachtvolumen in den Häfen der baltischen Staaten um 10 Millionen Tonnen zurückgegangen. Gleichzeitig hätten sich auch interne Strukturprobleme verschärft – Arbeitskräftemangel, demografischer Druck, steigende Verteidigungsausgaben, was zu zusätzlichen fiskalischen Belastungen führe, fügt der Experte hinzu.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Lebens- und Geschäftskosten gestiegen sind: Es ist die Entscheidung, auf kostengünstigeres russisches Gas zu verzichten und stattdessen teureres Flüssiggas (LNG) zu beziehen, sowie die Abtrennung der baltischen Staaten vom einheitlichen Energiesystem BRELL seit Februar 2024. Letzteres ermöglichte es einst, die Stromkapazitäten zwischen fünf Ländern – Weißrussland, Russland, Estland, Litauen und Lettland – zu verteilen. Während die baltischen Staaten zuvor bei Bedarf günstigen russischen und weißrussischen Strom beziehen konnten, müssen sie diesen nun zu deutlich höheren Preisen auf lokalen Handelsplätzen erwerben. Nach dem Austritt aus BRELL sind die Strompreise in diesen drei Ländern um 50 Prozent gestiegen. Und die Preise steigen jedes Mal, wenn es kalt und windstill ist, da die erneuerbaren Energiequellen dies nicht verkraften können. In Estland ist sogar geplant, ab 2026 eine Gebühr für die “sicherere Stromversorgung” einzuführen, um die Stromkosten in Zeiten geringer Erzeugung aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Dies also ist der Preis für die “Energieunabhängigkeit” von Russland.
Kabakow betont in diesem Zusammenhang:
“Nach 2022 gab es in dieser Region Phasen mit stark steigenden Gas- und Strompreisen und hoher Volatilität. Dies wurde teilweise durch Sanktionsbeschränkungen und eine notfallmäßige Diversifizierung der Lieferungen verursacht. Die Energieumstrukturierung war für diese Länder mit hohen Kosten verbunden: Sie erhöhte die Produktionskosten und bremste somit die Investitionen in die Produktion. Infolgedessen hat sich in der Wirtschaft ein im Vergleich zu den Vorkrisenerwartungen geringeres Wachstumstempo etabliert, und eine Reihe von Regionen im Baltikum – insbesondere solche, die vom Handel und der Hafenlogistik abhängig sind – stehen unter langfristigem Druck, was deren Einnahmen und Beschäftigungslage betrifft.”
Natalia Miltschakowa fügt hinzu:
“Nachdem diese drei Länder alle wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland abgebrochen hatten, verschlechterte sich ihre eigene Wirtschaftslage. Das Wachstum liegt auf sehr niedrigem Niveau und die Wirtschaft stagniert. In einigen Bereichen trat anstelle des schwachen Wachstums bereits eine Stagnation oder ein zwar geringfügiger, aber dennoch negativer Rückgang ein. Im Jahr 2024 verzeichnete von den drei baltischen Republiken nur Litauen ein Wachstum (um 2,7 Prozent), aber es handelte sich eher um ein Erholungswachstum nach dem Rückgang im Jahr 2023. Das BIP Estlands sank um 0,3 Prozent, das Lettlands um 0,4 Prozent. Im dritten Quartal 2025 wuchs die litauische Wirtschaft um 1,7 Prozent im Jahresvergleich, jedoch sind solche Wachstumsraten für dieses Land sehr niedrig. Die estnische Wirtschaft wuchs nur um 0,6 Prozent im Jahresvergleich, während das BIP Lettlands um 0,3 Prozent im Jahresvergleich zurückging.”
In Finnland sieht die Situation ähnlich aus – auch dort stagniert die Wirtschaft.
Estland und Lettland kommen mit der Situation offenbar noch schwerer zurecht. Vor kurzem wurde bekannt, dass sich die Einwohner Estlands nicht mehr in gleichem Umfang wie bisher Lebensmittel leisten können. Nach Angaben von Eurostat ist Estland unter den 25 EU-Ländern aufgrund sinkender Verkaufszahlen auf den letzten Platz zurückgefallen (im Vergleich zwischen September 2025 und dem gleichen Monat im Jahr 2024). Diese Tendenz, immer weniger und immer billigere Lebensmittel zu kaufen, wird auch von den Lebensmittelketten bestätigt. Der Grund dafür sind steigende Steuern und Preise.
Peter Raudsepp, Direktor des Estnischen Instituts für Konjunkturforschung, kommentiert diese von Eurostat veröffentlichten Daten wie folgt:
“Aufgrund der gestiegenen Steuern und Preise können es sich unsere Bürger nicht mehr leisten, Lebensmittel in gleichem Umfang wie zuvor zu erwerben. Es ist wieder einmal eine Situation, in der wir an der Spitze einer negativen Rangliste stehen. Die Suche nach Rabatten und der Ersatz gewohnter Produkte durch günstigere Alternativen gehören seit vielen Jahren zu den alltäglichen Sparmaßnahmen der Bürger.”
Seinen Angaben zufolge dauert der Rückgang der Lebensmitteleinzelhandelsumsätze im Land bereits seit dreieinhalb Jahren an – seit dem zweiten Quartal 2022.
Abschließend bemerkt Jaroslaw Kabakow:
“Vor diesem Hintergrund scheint die Forderung der baltischen Staaten und Finnlands nach zusätzlicher Finanzunterstützung durch die EU durchaus berechtigt: Die kleinen und zugleich offenen Volkswirtschaften der Region tragen unverhältnismäßig hohe Kosten aufgrund der geopolitischen Spaltung und sind gezwungen, gleichzeitig in Energiesicherheit und Verteidigung zu investieren.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 28. November 2025 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
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