
Von Astrid Sigena
Wer schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, dürfte sie noch kennen: die röhrenden Hirsche in den “guten Stuben” und Schlafzimmern der Großeltern oder anderer älterer Verwandter. Sei es als Ölgemälde, als Farbdruck oder als Porzellanfigur dienten sie als areligiöse Alternative zu den ebenfalls beliebten Schutzengelbildern. Heute sind sie als Musterbeispiel für kitschige Trivialkunst verschrien und aufgrund ihrer offensichtlichen sexuellen Anspielung verlacht.
In ihrer Blütezeit stellten die als Wandschmuck dienenden Cerviden die kleinbürgerliche Variante zu den Hirschskulpturen dar, die sich die Mächtigen gerade in deutschen Landen über Jahrhunderte gönnten. Von den absolutistischen Herrschern des 18. Jahrhunderts über die “Ausstellungsparks” und Stadtparks zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum “Kronenhirschen” auf dem Landgut der Nazi-Größe Hermann Göring. Aus den Zeiten des adeligen Jagdprivilegs stammend, lassen sich die “röhrenden Hirsche” auch als Symbol bürgerlicher Selbstermächtigung deuten.
Im Jahr 2019 wollte die ukrainische Stadtverwaltung den Bürgern der Donbass-Stadt Pokrowsk etwas Gutes tun und stellte ihnen ebenfalls einen röhrenden Hirsch in die “gute Stube” ihrer Stadt, nämlich in den frisch renovierten Jubileiny-Park. Der Beton-Hirsch in Origami-Optik kam auf einem Sockel zu stehen, auf dem zuvor noch eine aus Sowjetzeiten stammende Suchoi Su-7 platziert gewesen war. Es war den ukrainischen Behörden gelungen, sie in den 90er-Jahren erfolgreich verrosten zu lassen.
Das Werk der Künstlerin Schanna Kadyrowa, das in Zusammenarbeit mit ihrem Künstlerkollegen Denys Ruban entstand, sollte als friedliches Waldtier und typische Parkskulptur einen Gegenentwurf zum militaristischen Atomwaffenträger des Sowjetimperiums von einst symbolisieren, so die Intention. Auch eine Anspielung auf die Origami-Kraniche des japanischen Atombombenopfers Sadako Sasaki kann man in dem Kunstwerk sehen.
Eine weitergehende Ukrainisierung des Pokrowsker Jubiläums-Parks, der nach dem bekannten Komponisten (“Schtschedryk”) und Tscheka-Opfer Mykola Leontowytsch benannt werden sollte (er hatte vor der Revolution dreieinhalb Jahre im damaligen Grischino verbracht), wies eine Internet-Umfrage unter den Prokrowsker Bürgern in die Schranken.
Ende August 2024, als die russische Armee näher an Pokrowsk heranrückte, wollte man es nicht zulassen, dass der Hirsch als Kriegsgefangener in russische Hände fiel. Eine NGO namens “Museum Open for Renovation” organisierte die Demontage der Betonfigur und ließ sie ins sichere Winniza verbringen. Eine historische Absurdität am Rande: Der Origami-Hirsch konnte nur als Begleitung einer Leontowytsch-Bronzefigur evakuiert werden, deren Rettung das Hauptanliegen der ukrainischen Verwaltung war.
Es war der NGO-Mitarbeiter und Historiker Leonid Maruschtschak, der das propagandistische Potenzial des Hirsches erkannte. Zusammen mit der Kuratorin und früheren Leiterin des ukrainischen Nationalpavillons auf der Biennale, Ksenia Malykh, entwickelte Maruschtschak das Projekt “Sicherheitsgarantien“. Die einstige Parkfigur sollte nun als Kriegsopfer und Ukraine-Flüchtling durch Europa touren, um schließlich auf der 61. Biennale auf die angebliche Wortbrüchigkeit Russlands bezüglich des Budapester Memorandums aus dem Jahr 1994 hinzuweisen. Damals hatte die Ukraine das auf ihrem Territorium stationierte Atomwaffenarsenal an die Russische Föderation als Nachfolgestaat der UdSSR abgegeben, im Gegenzug für die Garantie der Unverletzlichkeit ihrer Souveränität und ihrer Grenzen.
Seit seiner Entfernung aus Pokrowsk fährt nun der Hirsch als antirussisches Mahnmal durch die Lande. Zunächst wurde er in mehreren ukrainischen Städten ausgestellt: Die Stationen waren Kiew, Lemberg, Iwano-Frankiwsk und Jassinja. Weiter ging es dann im Jahr 2026 ins polnische Białystok, nach Warschau, Wien, Prag und Berlin. Nach weiteren Zwischenstationen in Brüssel und Paris soll das Betontier Ende März zur Biennale in Venedig ankommen. Dort soll das “Origami Deer” zwischen Mai und November von einem Kran hängen und auf die prekäre Lage der Ukraine hinweisen.
Die Präsentation des durch Europa wie in einer Prozession gezogenen Kunstwerks nimmt mittlerweile beinahe religiöse Züge an. Der Betrachter fühlt sich unweigerlich an den Kult um den keltischen Hirschgott Cernunnos erinnert. Oder an eine Pervertierung des Hirsches als Symboltier des heiligen Hubertus. Noch heute stellen katholische Kirchengemeinden mit einem Kreuz geschmückte Hirschgeweihe in ihren Gotteshäusern auf oder ziehen – wie am oberbayerischen Tegernsee – einen zur Hubertusmesse erlegten Hirschen auf einem Schlitten zur Kirche.
Der Bericht über die Begrüßung des Hirsches vor dem Brüsseler EU-Parlament gibt einen Vorgeschmack darauf, welche propagandistische Ausschlachtung das Kunstwerk auf der Biennale erwarten könnte. Der lettische Vizepräsident des EU-Parlaments, Roberts Zīle, erklärte: “Vor uns steht nicht nur eine Skulptur, sondern die Verkörperung von Ideen und Emotionen. ‘Origami Deer’ erinnert uns auch an die Zerbrechlichkeit. Gleichzeitig ist es ein Symbol für Widerstandsfähigkeit, denn die Stärke der Ukraine liegt nicht nur in der Verteidigung, sondern auch in der Fähigkeit, ihre Kultur, Identität und ihren Geist zu bewahren.” Zu sehen ist auf den Bildern der Beton-Hirsch, umgeben von einer Ukraine- und EU-Flagge.
Ksenia Malykhs und Leonid Maruschtschaks Traum ist es, dass der Hirsch, nachdem er durch Europa gereist ist und “seine Geschichte” erzählt hat, nach Möglichkeit an seinen ursprünglichen Standort zurückkehrt. Dieser Wunsch der ukrainischen Kunsthistorikerin sollte erfüllbar sein. Die stellvertretende Ministerpräsidentin für Fragen der humanitären Politik und Kulturministerin der Ukraine, Tetjana Bereschna, gab gegenüber Radio Svoboda als Ziel der ukrainischen Kulturpolitik an, den russischen Pavillon auf der Biennale in Venedig in ukrainischen Besitz zu bringen. Schließlich sei er im Jahr 1914 mit den Mitteln eines ukrainischen Mäzens errichtet worden. Sollte Bereschna ihr Ziel erreichen, wäre eine russische Gegenreaktion durchaus möglich.
Noch ist der Raum Pokrowsk umkämpft, auch wenn sich schon russische Truppen in der Stadt befinden. Nach einer Konsolidierung der russischen Verwaltung in dieser Gegend ist es jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Stadt Pokrowsk Malykhs und Maruschtschaks Wunsch erfüllt und den Origami-Hirschen zurückverlangt. Nach einer mehrjährigen propagandistischen Odyssee durch ganz Europa wäre es dem röhrenden Hirschen von Pokrowsk zu wünschen, dass er in seinem heimatlichen Jubileiny-Park zur Ruhe kommt. Idealerweise mit einer grazilen Beton-Origami-Hindin neben ihm.
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