Von Dmitri Petrowski
Während die Glocken der Kreml-Uhr an Silvester 2025/26 Mitternacht schlugen, brannte das ukrainische Militär mit seinen Angriffsdrohnen ein Café und ein Hotel in der Küstensiedlung Chorly nieder – diese liegt im Landkreis Skadowsk im Gebiet Cherson.
24 Personen verbrannten bei lebendigem Leib.
Sie alle haben diese Nachricht wohl bereits gelesen. Doch als ich diese Nachricht gelesen habe – da ging in meinem Inneren etwas zu Bruch. Das Ding ist nämlich: Ich kenne dieses Café und dieses Hotel.
Dass ein solches Hotel in einem Dorf stand, dessen Bevölkerung selbst vor dem Krieg weniger als 1.000 Menschen maß, ist eigentlich kaum zu glauben: vier Sterne, die sich auch in Moskau durchaus als solche hätten behaupten können – Marmorfliesen auf dem Fußboden, weiße Paneele an den Wänden, schöne Möbel und in jedem Zimmer ein Balkon mit gusseisernem Geländer. Und natürlich eine schöne Aussicht auf das Schwarze Meer.

Auch das “Café”, wie es jetzt in allen Nachrichten genannt wird, war in Wirklichkeit ein vollwertiges Restaurant mit unglaublich wohlschmeckenden Speisen. Das Spezialgericht des Lokals nannte sich schlicht “die Pfanne”: Fleisch und Kartoffeln, mit Zwiebeln in einer gusseisernen Pfanne gebraten. Klingt nach nichts Besonderem – doch sie schafften es, dieses Gericht schlicht göttlich hinzuzaubern.
Köche und Bedienungen des Restaurants waren Ortsansässige – und untereinander sprachen sie ausschließlich Ukrainisch.
Selbstredend war dieses Restaurant der Hauptanziehungspunkt für die Einwohner nicht nur von Chorly selbst – sondern von allen benachbarten Städtchen und Dörfern. Hier feierte man Hochzeiten und Geburtstage. Es war schlicht das Ausflugsziel an freien Tagen. Besucher fuhren mit ihren Autos hierhin – oder buchten gleich Klein- und Reisebusse. Man warf sich perfekt in Schale, nahm die Kinder mit, ließ die Speisehallen mit Luftballons schmücken.
Und selbstredend war auch zu Neujahr dort jedes Mal eine große Party – ja, wo denn auch sonst?
Herrscherin über dies alles war eine Frau namens Oksana, riesengroß und sehr breit. Jeden Morgen zog sie Runden durch ihr Reich und notierte sich alles, was ihr auffiel, auch jeden Kleinkram – und jeden Makel, Mangel und jede Unordnung. An Abenden mit besonders zahlreichem Besuch nahm sie persönlich Bestellungen entgegen – oder stellte ausfällige Gäste ruhig. Ist ja auch klar: Versuch’ mal zu randalieren, wenn in deiner Sichtweite auf einmal diese ukrainische Lady Dimitrescu auftaucht!
Bei einer unserer Unterhaltungen beklagte sie sich darüber, dass seit Beginn der militärischen Sonderoperation all ihre vorigen Freunde mit ihr nicht mehr sprechen – sie sagte, “weil ich prorussisch sei.” Ich sah davon ab, mich in Einzelheiten der politischen Ansichten Oksanas zu vertiefen. Doch ich habe den Verdacht, dass es nicht bloß diese Einzelheiten, sondern auch besagte politische Ansichten als solche schlicht nicht gab – sondern die Frau tat einfach das, was sie gut draufhatte: ein Hotel und ein Restaurant führen, dort Menschen unterbringen und lecker bewirten. Und wenn unter diesen Menschen jetzt Russen sind – ja bestens, die müssen doch auch essen und schlafen. Oksana war diese etwas stereotypische Ukrainerin, fast wie die Zauberin Solocha aus Nikolai Wassiljewitsch Gogols Märchen – mit Speis’, Trank und Bett.
Und dieser Ort existiert jetzt also nicht mehr. 24 Menschen, einschließlich zweier Kinder, sind ums Leben gekommen. Weitere 50 Personen befinden sich im Krankenhaus.
Sind denn die Kellnerinnen Olga und Vera noch am Leben, hat auch Oksana überlebt? Wenn sie überlebt hat, dann irrt sie wohl gerade durch die ausgebrannten Trümmer dessen, was sie ihr ganzes Leben lang aufgebaut und geschützt hatte.
Chorly wird aber nicht bloß als Ort des Geschehens einer schrecklichen Tragödie zurückbleiben – sondern das Wahrscheinlichste ist sogar, dass es das Dorf im Ganzen überhaupt nicht mehr geben wird: Oksanas Gästehaus war der einzige Daseinszweck der Ortschaft.
Ich versuche zu verstehen, warum gerade dieser Ort angegriffen und niedergebrannt wurde – und finde keine andere Antwort: wohl einfach deshalb, weil die Menschen hier lebten. Weil sie Neujahr “unter russischer Besatzung” und nach russischer Uhrzeit feierten und glücklich waren.
Übersetzt aus dem Russischen.
Dmitri Petrowski ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Publizist sowie Autor der Bücher “Affäre mit Sturmgewehr” und “Liebling, ich bin zu Hause”.
Diesen Beitrag verfasste er exklusiv für RT.
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