
Von Atul Chandra und Tings Chak
Am 3. Januar 2026 haben die USA nicht nur ein souveränes Land bombardiert und dessen Präsidenten gefangen genommen. Sie haben damit auch ganz eindeutig ihre völlige Missachtung der internationalen Nachkriegsordnung bekundet, an deren Schaffung sie selbst beteiligt waren.
Als US-Spezialeinheiten den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau, die Abgeordnete der Nationalversammlung Cilia Flores, in Caracas gefangen nahmen und sie in ein Gefängnis in Brooklyn brachten, haben sie nicht nur die Souveränität Venezuelas verletzt. Sie erklärten, dass die Souveränität selbst für jede Nation, die sich der Unterordnung unter den US-Imperialismus verweigert, kein Gewicht hat.
Wie Nicolás Maduro Guerra, der Sohn des Präsidenten, vor der Nationalversammlung Venezuelas erklärte:
“Wenn wir die Entführung eines Staatsoberhauptes normalisieren, ist kein Land mehr sicher. Heute ist es Venezuela. Morgen könnte es jede Nation sein, die sich weigert, sich zu unterwerfen.”
Die Reaktion auf diese Tat wird, unabhängig von der politischen Ausrichtung oder der Meinung über die Regierung Maduro, darüber entscheiden, ob die Konzepte des Völkerrechts, des Multilateralismus und der Selbstbestimmung der Völker im 21. Jahrhundert noch irgendeine Bedeutung haben.
Dies ist keine Frage, die nur die Linke betrifft. Es ist eine Frage für jede Nation, jede Regierung und jeden Bürger, der glaubt, dass die Welt nicht nach dem Prinzip “Macht gibt Recht” regiert werden sollte.
Die Logik des Hyperimperialismus offengelegt
Was die aktuelle Phase der US-Außenpolitik von früheren Interventionsphasen unterscheidet, ist ihre Unverfrorenheit. Als die CIA 1954 den Sturz des guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Árbenz orchestrierte, gab Washington vor, auf kommunistische Subversion zu reagieren. Als US-Streitkräfte 1989 in Panama einmarschierten, um Manuel Noriega zu fassen, wurde dies mit einem Diskurs über Strafverfolgung begründet.
Die Geschichte der US-Interventionen in Lateinamerika umfasst laut dem Harvard-Wissenschaftler John Coatsworth mehr als 40 erfolgreiche Regime Changes in etwas weniger als einem Jahrhundert.
Aber Trumps Ankündigung, dass die USA Venezuela “regieren” werden, stellt etwas qualitativ anderes dar. Hier gibt es keine Vorwände. Als Trump zu der Operation befragt wurde, berief er sich auf die Monroe-Doktrin und sagte, dass diese nun als “Donroe-Doktrin” bezeichnet werde, womit er signalisierte, dass die westliche Hemisphäre weiterhin eine Zone der US-Herrschaft bleibt – eine Aussage, die in der im November 2025 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie klar zum Ausdruck kommt.
Die anschließende Klarstellung von Außenminister Marco Rubio, dass die USA lediglich politische Veränderungen und Zugang zu Öl erreichen wollten, konnte die Offensichtlichkeit des imperialistischen Vorhabens nicht abschwächen.
Dies entspricht dem, was wir vom Tricontinental: Institute for Social Research als “Hyperimperialismus” bezeichnet haben: eine gefährliche und dekadente Phase des Imperialismus. Angesichts der Erosion seiner wirtschaftlichen und politischen Dominanz und des Aufstiegs alternativer Machtzentren (vor allem in Asien) stützt sich der US-Imperialismus zunehmend auf seine unangefochtene militärische Stärke.
Die Analyse von Chatham House ist eindeutig: Dies stellt eine erhebliche Verletzung der Souveränität Venezuelas und der UN-Charta dar. Es gab weder ein Mandat des Sicherheitsrates noch wurden irgendwelche Ansprüche auf Selbstverteidigung geltend gemacht.
Die internationale Ordnung nach 1945 legte den formalen Grundsatz fest, dass Staaten souverän und gleichberechtigt sind und dass Gewalt gegen die territoriale Integrität eines anderen Staates verboten ist. Artikel 2(4) der UN-Charta wurde eigens geschaffen, um die Mächtigen daran zu hindern, die Welt als ihr Eigentum zu behandeln, was die USA nun offen ignorieren.
Der Test für die Solidarität des Globalen Südens
Die Entführung von Präsident Maduro stellt eine existenzielle Frage für den Diskurs der “Multipolarität”. Zwar mögen die Keime einer multipolaren Weltordnung vorhanden sein (Chinas wirtschaftlicher Aufstieg, die zunehmende politische Selbstsicherheit der Länder des Globalen Südens, die BRICS-Staaten und ihre Expansion, der zunehmende Handel in lokalen Währungen), doch haben sich diese angesichts der einseitigen Gewaltanwendung der USA als äußerst begrenzt erwiesen. Das ist eine unbequeme Wahrheit.
Die ersten Reaktionen der Regierungen weisen auf die Schwierigkeit hin, von rhetorischer Verurteilung zu materiellem Druck überzugehen.
Der brasilianische Präsident Lula da Silvahat die Lage richtig eingeschätzt, als er die Entführung als “unakzeptable Grenzüberschreitung” verurteilte und warnte, dass”„Angriffe auf Länder unter flagranter Verletzung des Völkerrechts der erste Schritt in Richtung einer Welt voller Gewalt, Chaos und Instabilität sind.” Kolumbiens Präsident Petro lehnte “die Aggression gegen die Souveränität Venezuelas und Lateinamerikas” ab. Die mexikanische Präsidentin Sheinbaum erklärte, dass “Amerika keiner Doktrin und keiner Macht gehört.” Chinas Außenminister Wang Yi verurteilte die militärische Intervention der USA und forderte die Freilassung von Präsident Maduro mit den Worten:
“Wir glauben nicht, dass irgendein Land als Weltpolizei agieren kann.”
Die Welle der Ablehnung steht vor einem strukturellen Problem: Die Institutionen, die solche Aktionen verhindern sollen, sind nicht in der Lage, die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates einzuschränken. Die USA können jede Resolution, die ihr Verhalten verurteilt, mit einem Veto blockieren. Die auf Antrag Venezuelas und Kolumbiens einberufene Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates führte zu Verurteilungen, aber zu keinem Durchsetzungsmechanismus.
Jede Regierung, die sich um eine unabhängige Entwicklung bemüht, die versucht, ihre eigenen natürlichen Ressourcen zu kontrollieren, die sich einer Unterordnung unter Washington widersetzt, muss erkennen, dass das, was in Venezuela geschehen ist, auch ihr passieren könnte. Trumps Drohungen gegen Kuba und Kolumbien unterstreichen diesen Punkt.
Souveränität, Ressourcen und das Recht auf Selbstbestimmung
Das Muster ist bekannt: Staatschefs werden gestürzt, wenn sie versuchen, eine Landreform durchzuführen, wie Árbenz in Guatemala, oder wenn sie nationale Ressourcen verstaatlichen, wie Allende in Chile und Mosaddegh in Iran. Diese Linie setzt sich bis zur gegenwärtigen Situation in Venezuela fort.
Venezuela verfügt über die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven, die auf 303 Milliarden Barrel geschätzt werden. Trump machte keinen Hehl aus der zentralen Bedeutung des Öls und kündigte an, dass US-Unternehmen die venezolanische Ölindustrie wieder aufbauen werden und die USA “Öl verkaufen werden, wahrscheinlich in viel größeren Mengen.” Die Seeblockade vor der Militäroperation diente ausdrücklich dem Zweck, das Land wirtschaftlich zu strangulieren.
Doch bereits die gesamte Entwicklung der US-Politik gegenüber Venezuela seit 2001, von der Finanzierung oppositioneller Gruppen über den Putschversuch 2002 bis hin zur Operation Gideon im Jahr 2020 und den Sanktionen im Rahmen der Politik des “maximalen Drucks”, zielte darauf ab, Venezuela daran zu hindern, freie Entscheidungen zu treffen. Der Angriff beschleunigte sich, nachdem Venezuela 2001 sein Kohlenwasserstoffgesetz verabschiedet hatte, mit dem es die souveräne Kontrolle über seine Ölressourcen geltend machte.
Fazit
Die Entführung von Nicolás Maduro und der Abgeordneten der Nationalversammlung, Cilia Flores, sollte zu einer grundlegenden Neubewertung des Zustands der internationalen Ordnung führen. Die formalen Institutionen und rechtlichen Regelungen, die eigentlich dazu dienen sollten, Aggressionen von Großmächten zu verhindern, haben es nicht geschafft, Washingtons imperialistische Aggressionen einzudämmen. Dies bringt eine enorme Verantwortung für die Regierungen und Völker des Globalen Südens mit sich.
Die Debatten um Multipolarität, BRICS, Süd-Süd-Kooperation und Entdollarisierung werden zu akademischen Diskussionen, wenn sie nicht in die praktische Fähigkeit umgesetzt werden, Handlungen wie die Invasion Venezuelas mit Kosten zu belegen. Schließlich hat die imperialistische Aggression gegen Venezuela Auswirkungen auf Regierungen und Völker auf der ganzen Welt, unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung oder ihrer Haltung gegenüber der Maduro-Regierung.
Die realen Grenzen der “Multipolarität” in dieser Phase des US-Hyperimperialismus liegen offen zutage. Wir müssen unsere kollektive Widerstandsfähigkeit weiter aufbauen. Die Verteidigung der Souveränität des venezolanischen Volkes ist letztendlich eine Verteidigung der Souveränität aller unserer Nationen.
Mehr zum Thema – US-Vertreter kündigen Kontrolle der venezolanischen Ölverkäufe an, PDVSA bestätigt Verhandlungen
Übersetzt aus dem Englischen von Olga Espín.
Atul Chandra und Tings Chak sind Mitarbeiter des Tricontinental: Institute for Social Research.







