
In einem Interview für Emma anlässlich des vierten Jahrestages des Beginns der russischen Militäroperation hat Brigadegeneral a.D. Erich Vad sein Unverständnis über die Haltung der Bundesregierung zum Ukraine-Krieg geäußert, die eine Eskalation in Kauf nehme, welche in Deutschlands Zerstörung resultieren könnte.
Zunächst konstatierte der ehemalige militärpolitische Berater von Kanzlerin Angela Merkel, dass all die westlichen Waffenlieferungen zu keinem Zeitpunkt der medial oft beschworene “Game Changer” gewesen seien und die militärische Gesamtlage nicht zugunsten der Ukraine hätten verändern können.
“Dieser Krieg war aufgrund der Kräfteverhältnisse nie auf dem Schlachtfeld zu gewinnen. Unsere Politik der puren Waffenlieferungen ohne Verhandlungen war und ist unsinnig. Das ist nun deutlich zu sehen.”
Angesichts des “sinnlosen Blutvergießens” äußerte der Brigadegeneral a.D. sein Verständnis für die rund 300.000 ukrainischen Männer im wehrfähigen Alter, die sich nach Deutschland abgesetzt haben. Denn wer wolle schon in einen Krieg ziehen, “von dem alle wissen, dass es keine militärische Lösung gibt”, fragt sich Vad.
Aber wenn gleichzeitig über die Entsendung deutscher Soldaten diskutiert werde, sei das “hoch unmoralisch”.
“Weil die ukrainische Armee aufgrund hunderttausender Fahnenflüchtiger nicht mehr genug Soldaten hat, kommt es sogar zu verzweifelten Zwangsrekrutierungen, über die im Westen kaum berichtet wird”, führte Vad aus und kritisierte, dass deutsche Politiker und Leitmedien diesen “sinnlosen Krieg” immer noch “befeuern”.
“In Debatten, in Talk-Shows, selbst auf Kirchentagen wird der Krieg angeheizt, von Leuten, die nicht in die Todeszone hineinmüssen und sich das Inferno weder vorstellen können noch wollen”, moniert der ehemalige Merkel-Berater.
Vor allem kritisiert Vad, dass aus Europa und Deutschland in Sachen Friedensinitiativen “rein gar nichts” kam.
“Die Europäer waren und sind sogar stolz darauf, nicht mit den Russen zu reden.”
Es sei zwar verständlich, dass man helfen wolle, wenn ein Land angegriffen werde, sagte Vad, als er zu den deutschen Interessen gefragt wurde.
“Aber warum wir entgegen unserer nationalen Interessenlage für ein anderes Land dermaßen ‘all in’ gehen, erschließt sich mir nicht. Wir stellen deutsche Sicherheitsinteressen hinten an und nehmen sogar die Eskalation in einen europäischen Krieg in Kauf. Ein möglicher Krieg in Europa, vor allem mit Deutschland als Aufmarschgebiet und logistische Drehscheibe der NATO, würde alles zerstören, was wir uns in den letzten 80 Jahren aufgebaut haben.”
Der pensionierte General weist zudem darauf hin, dass der “Operationsplan Deutschland” kein Plan sei, der Deutschland schütze, sondern ein Plan, wie Deutschland im Rahmen einer NATO-Verteidigung funktionieren soll.
“Wenn aus diesem Plan Wirklichkeit würde, gingen wir damit in den Untergang. Weil die Aufmarschzentren und Bewegungsachsen, die quer durch Deutschland führen, im Falle eines Krieges auch angegriffen würden. Wir stehen dann flächendeckend unter Feuer. In Deutschland bliebe kein Stein auf dem anderen.”
Da Russland auch nach dem Ukraine-Krieg nicht von der Landkarte verschwinden werde und als Nachbar erhalten bleibe, müsse man mit den Russen in den Dialog kommen, forderte Vad.
“Die Russen wollten keine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und keine westlichen Waffen an ihren Grenzen. Sie wollen keine westlichen Soldaten in der Ukraine und sie wollen ein Mindestmaß an Kontrolle über die Ukraine als Pufferstaat gegenüber dem Westen – aus ihrer Sicht betrachtet. So wie die anderen Großmächte es an ihren Grenzen auch wollen”, so der 69-Jährige.
Vad verweist in diesem Zusammenhang auf die USA, die nicht wollen, dass Chinesen und Russen beispielsweise in Venezuela oder Panama politisch und wirtschaftlich Fuß fassen. Und darum sei es auch schon 1962 während der Kuba-Krise gegangen. Genau aus demselben Grund werde China niemals eine stärkere Einflussnahme Washingtons auf Taiwan oder das Südchinesische Meer akzeptieren.
“Die Großmächte stecken ihre Gebiete ab. Sie wahren ihre sicherheitspolitischen und strategischen Interessen. Und das ist Geopolitik. Da geht es um nationale Sicherheit, Interessen und Macht. Nicht um Moral”, analysierte Vad.
Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich die Beziehungen zu Russland wiederbeleben lassen, sagte der Brigadegeneral a.D. unter Verweis auf den Zweiten Weltkrieg.
“Nach 1945 dachte man nach rund 27 Millionen [sowjetischen] Kriegstoten und einem verwüsteten Land auch, dass das nie wieder was wird.”
Doch zehn Jahre später sei Bundeskanzler Konrad Adenauer mit einer großen Delegation nach Moskau gereist und habe damit den Grundstein für die neuen deutsch-russischen Beziehungen gelegt.
“Von Willy Brandt bis Angela Merkel haben alle deutschen Kanzler einen direkten, wenn auch nicht immer spannungsfreien, Draht in den Kreml gehabt. Da müssen wir mit Blick auf unsere Interessenlage wieder hinkommen”, so Vad abschließend.
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