
Von Pjotr Akopow
Jegliche Prognosen und Vorhersagen sind ein anmaßendes und undankbares Unterfangen. Auf der Weltbühne, die von einer Vielzahl bekannter Variablen und unbekannter Faktoren geprägt ist, ist es besonders schwer, wenn nicht sogar unmöglich, genaue Vorhersagen zu treffen – was jedoch nicht bedeutet, dass jegliche Prognosen zwangsläufig sinnlos sind. Denn es gibt klare Tendenzen und Prozesse, und in der Geopolitik sollte man sich genau an diesen orientieren, um den Lauf der Zeit zu verstehen, zu beschreiben und mitunter auch zu entschlüsseln.
Es ist verständlich, dass das Jahr 2026 in erster Linie als Fortsetzung des Jahres 2025 wahrgenommen wird. Doch was war eigentlich das vergangene Jahr? Sollte es lediglich als sechstes Jahr voller Turbulenzen betrachtet werden, wenn man seit Ausbruch der COVID-Pandemie und der Einführung von Quarantänemaßnahmen zählt? Oder war es vielmehr eine Vorbereitung bzw. ein Vorbote einer völlig neuen Phase, die sich gerade im aktuellen Jahr in ihrer ganzen Kraft entfalten wird?
Die “Scheidung” zwischen China und den USA schreitet voran – und obwohl sich die Präsidenten der USA und Chinas, Donald Trump und Xi Jinping, in diesem Jahr gegenseitig Staatsbesuche abstatten würden (sofern sich die Taiwan-Frage nicht weiter verschärft), ist es nicht mehr möglich, diese Tendenz rückgängig zu machen oder zu ändern. Washington und Peking bereiten ihre Streitkräfte und die ihrer Verbündeten auf den Kampf vor – die Verschlechterung der Beziehungen zwischen China und Japan würde sich fortsetzen, wobei der neue politische Kurs Tokios für sich genommen bereits zu einer erheblichen Verschlechterung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen beiträgt.
Nein, keine der beiden Seiten strebt einen Krieg an – jedoch wird China durch die USA hinsichtlich der Taiwan-Frage ständig provoziert, was dazu führen könnte, dass Peking die nächsten Schritte Washingtons nicht als Bluff, sondern als reale Eskalationsgefahr (in Form der Anerkennung der Unabhängigkeit Taiwans) interpretiert und zu militärischen Maßnahmen übergeht. Nein, dies würde im kommenden Jahr sicherlich nicht geschehen, aber Vorfälle dieser Art sind durchaus nicht auszuschließen.
Und nein, die Entschlossenheit von Xi Jinping hat nichts mit der US-Position zum Ukraine-Konflikt zu tun, denn eines der Lieblingsargumente der Atlantiker für die Unterstützung der Ukraine lautet, dass man sie nicht “Putin überlassen” dürfe, weil “Xi Jinping in diesem Fall zu dem Schluss kommen würde, dass er Taiwan einnehmen könne”. Es gibt jedoch auch eine gegenteilige Auffassung: China habe ein Interesse daran, den Konflikt in der Ukraine in die Länge zu ziehen, da dies “die USA vom asiatisch-pazifischen Raum ablenke und Peking die Vorbereitung auf die Eroberung Taiwans erleichtere”.
Beide Versionen halten keiner Kritik stand, da in der Taiwan-Frage die Vereinigten Staaten und nicht China den Ton angeben. Peking würde eine friedliche Wiedervereinigung vorantreiben, was jedoch nicht im Interesse Washingtons liegt. Mit seiner Politik der Eindämmung Chinas riskiert es (eher unbeabsichtigt), die heikle Grenze zwischen Krieg und Frieden zu überschreiten und einen chinesischen Präventivschlag zu provozieren.
Der europäische Kriegs- und Geopolitikschauplatz hat damit nichts zu tun, ganz zu schweigen davon, dass Europa in jedem Fall als Verlierer dastehen würde.
Sollte der Ukraine-Konflikt in diesem Jahr infolge einer Vereinbarung zwischen Russland und den USA beigelegt werden, würde Europa dies als eigene Niederlage betrachten – ebenso wie die übrige Welt. Sollten sich die Kampfhandlungen jedoch über das gesamte Jahr hinziehen, würde Europa gezwungen sein, noch mehr Kosten für die Unterstützung Kiews zu übernehmen. Allerdings befindet sich Kiew in der Situation einer sich immer deutlicher abzeichnenden Niederlage, was den Krieg bei den europäischen Wählern noch unpopulärer machen würde. Diese wiederum würden bei den Wahlen in Deutschland (vorerst auf Landesebene) und im Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich (wo die Präsidentschaftswahlen für das Frühjahr 2027 geplant sind) nichtsystemkonforme rechtsgerichtete Kräfte bevorzugen.
Dabei handelt es sich um genau jene politischen Kräfte, die von der Trump-Administration öffentlich unterstützt werden. Diese macht keinen Hehl aus ihrem Ziel, Europa neu zu gestalten. Dies betrifft sowohl einzelne europäische Staaten, in denen rechtsgerichtete, euroskeptische Konservative an die Macht kommen sollten, als auch die Europäische Union insgesamt.
Die Trump-Anhänger haben auch Großbritannien im Visier, wo sich beide etablierten Parteien in einer tiefen Krise befinden, aus der sie bis zu den Wahlen (die wahrscheinlich vorzeitig stattfinden werden) nicht herauskommen können. Weder Großbritannien noch Frankreich oder Deutschland droht 2026 ein Machtwechsel, jedoch deutet in den ersten beiden Ländern alles darauf hin, dass dieses Jahr das letzte Jahr der Herrschaft der traditionellen Parteien sein könnte. In Deutschland würde dieser Prozess etwas länger dauern, jedoch mit dem gleichen Ergebnis.
Trumps Amerika ändert nicht nur seine globale Positionierung, und zwar gleichzeitig im Osten (Europa und Naher Osten), Westen (Indo-Pazifik-Region) und Süden (Lateinamerika). Sein Hauptziel ist es, sich von innen heraus zu verändern. Im Sommer feiern die USA ihr 250-jähriges Bestehen: Dieser symbolische Meilenstein eignet sich hervorragend, um neue Ziele und Grundsätze zu verkünden (die dabei auch als Rückkehr zu alten, traditionellen, vergessenen Werten dargestellt werden könnten).
Die Zwischenwahlen im November würden nicht nur ein Machtkampf um die Kontrolle über den US-Kongress und eine Vorwegnahme der US-Präsidentschaftswahlen 2028 sein, sondern auch die letzten Wahlen in den USA, die nicht “schicksalhaft” sind. Denn 2028 geht es nicht um vier oder sogar acht Jahre Herrschaft im Weißen Haus, sondern um die Richtung, in die sich die USA bewegen werden. Die Trump-Anhänger sind nicht nur bestrebt, diese Wahlen zu gewinnen, sondern auch dafür zu sorgen, dass die US-Demokraten in absehbarer Zukunft keine Chance bekommen, ihnen die Macht zu entreißen. Die US-Demokraten verfolgen genau dieselbe Strategie. Nach den Ergebnissen der Wahlen im November werden wir sehen, in welcher Form beide Seiten ihre entscheidende “Schlacht” im Jahr 2028 führen werden.
Im leidvollen Nahen Osten würde der “ausgelagerte US-Bundesstaat” Israel seine Expansionspolitik fortsetzen und weiterentwickeln, da er sie als Erfolg im Konflikt mit den ihn umgebenden islamischen Ländern ansieht. Ein neuer Krieg mit dem Iran erscheint jedoch äußerst unwahrscheinlich: Denn Israel würde sich im Alleingang nicht zu einem Angriff auf den Iran entschließen, und Donald Trump ist offensichtlich nicht bereit, dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu (der zudem auf die Unterstützung der USA angewiesen ist, um die Parlamentswahlen zu gewinnen) erneut Beistand zu leisten.
Mehr noch: Der Druck auf Benjamin Netanjahu, ihn zur Einhaltung des Gaza-Abkommens zu zwingen, würde zunehmen – schließlich ist es für Donald Trump wichtig, den Staatschefs der islamischen Länder Fortschritte bei der Friedenslösung vorweisen zu können. Aus diesem Grund sollten in diesem Jahr Friedenstruppen nach Gaza entsandt werden und der Wiederaufbau des Sektors beginnen – doch eine Gewissheit über die Zukunft Gazas und des palästinensischen Staates ist nach wie vor nicht in Sicht.
Und insgesamt betrachtet bleibt der “Große” Nahe Osten die heißeste und problematischste Region der Welt: blutige Kriege im Sudan und im Jemen, Instabilität und Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien und Religionen in Syrien, Degradierung des Libanon, unklare Perspektiven für die Wiederherstellung der Einheit Libyens. Der geschwächte Iran würde seine Kräfte wieder aufbauen – und mit Unterstützung Russlands und Chinas versuchen, den Prozess der Wiederherstellung der Beziehungen zu den Saudis und der arabischen Welt insgesamt fortzusetzen. Die Türkei entwickelt sich immer mehr zum Hauptgegner Israels – genauer gesagt, Tel Aviv versucht, Erdoğan zum neuen “schrecklichen Feind” darzustellen. Im Großen und Ganzen ist zu erwarten, dass das Blutvergießen und das Chaos im Nahen Osten weiter zunehmen würden.
Im Hinblick auf kriegerische Auseinandersetzungen und Frieden scheint das Jahr 2026 eher ein Jahr des Friedens als ein Jahr des Krieges zu werden: Es ist eher mit der Beendigung alter Konflikte als mit dem Beginn neuer zu rechnen. Heißt das aber, dass die Welt in diesem Jahr ruhiger und friedlicher wird? Die Antwort lautet leider “nein” – alle Tendenzen deuten auf eine Zunahme von Konflikten, Feindseligkeiten und unauflösbaren Spannungen hin. Eine neue Weltordnung befindet sich im Prozess der schmerzhaften Entstehung.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 2. Januar 2025 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
Pjotr Akopow ist ein russischer Historiker und Geschichtsarchivar (Absolvent des Moskauer Staatlichen Geschichtsarchivarischen Instituts). Seit einer Geschäftsreise in die damalige Bürgerkriegszone Südossetien im Jahr 1991 schreibt er als Journalist für zahlreiche Medien: Golos, Rossijskije Westi, bis 1994 Nowaja Gaseta, ab 1998 Nesawissimaja Gaseta; seit Anfang der 2000er-Jahre als politischer Beobachter bei Nowaja Model und im entsprechenden Ressort der Iswestija. Er arbeitete als Sonderberichterstatter beim Chefredakteur des Polititscheski Journal, dessen Chefredakteur er selbst im Jahr 2007 wurde. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur von Wsgljad ist zudem ständiger politischer Beobachter bei RIA Nowosti.
Mehr zum Thema – Fragen der Geostrategie vor drohendem Krieg: Europa, quo vadis?







