
Von Oleg Issaitschenko
Vor dem Hintergrund der Aggression Israels und der USA gegen Iran und der raschen Ausweitung des Konflikts auf das Territorium der Golfstaaten hat Russlands Präsident am 2. März eine Reihe von Telefonaten mit den Oberhäuptern der nahöstlichen Staaten – Bahrain, Katar, Vereinigte Arabische Emirate und Saudi-Arabien – geführt.
Wladimir Putin besprach die Lage mit dem Präsidenten der VAE, Muhammad bin Zayid Al Nahyan. Die Gesprächspartner verwiesen auf “beispiellose tragische Ereignisse” und betonten die Notwendigkeit eines schnellstmöglichen Waffenstillstands und einer Rückkehr zur politisch-diplomatischen Regulierung des Konflikts. Putin betonte zudem den gemeinsamen Beitrag von Moskau und Abu Dhabi zur friedlichen Lösung von Angelegenheiten im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm.
Der Kreml hob hervor, dass “vorhandene Errungenschaften durch den Akt der unprovozierten bewaffneten Aggression gegen einen souveränen Mitgliedsstaat der UNO” zunichte gemacht worden seien. Der Präsident der VAE verwies seinerseits darauf, dass der Konflikt sein Land bereits erfasst habe und Zivilisten bedrohe, wobei die VAE “nicht als Aufmarschplatz für Angriffe gegen Iran” genutzt würden. Putin äußerte die Bereitschaft, die vorhandenen Signale an Iran zu übermitteln.
Ein weiterer Dialog fand mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani statt. Die Gesprächspartner äußerten gemeinsam ihre Sorgen bezüglich des Risikos der Einbeziehung von Drittstaaten in den Konflikt. Zudem dankte Katars Emir Moskau für die Unterstützung der Staaten der Region in der gegenwärtig schwierigen Lage.
Außerdem führte Putin ein Gespräch mit dem König von Bahrain, Hamad bin Isa Al Chalifa. Moskau und Manama erklärten, dass die gegenwärtige Lagenentwicklung eine direkte Sicherheitsbedrohung für zahlreiche arabische Staaten darstelle, die mit Russland durch freundschaftliche Beziehungen verbunden sind. In diesem Zusammenhang bekräftigte Putin seine Bereitschaft, alle vorhandenen Möglichkeiten zur Stabilisierung der Lage in der Region zu nutzen.
In einer ähnlichen Tonalität verlief das Gespräch mit dem Erbprinzen von Saudi-Arabien, Mohammed bin Salman Al Saud: nach dessen Meinung könne Russland “in diesen Tagen eine positive stabilisierende Rolle im Hinblick auf seine freundschaftlichen Beziehungen sowohl zu Iran, als auch zu den Ländern des Persischen Golfs” spielen.
Für eine Deeskalation und eine Rückkehr zum politisch-diplomatischen Prozess sprach sich auch Russlands Außenministerium aus. Der stellvertretende Leiter der Behörde, Georgi Borissenko, traf sich mit dem Botschafter Irans in Moskau, Kazem Dschalali. Zentrales Thema des Gesprächs war die Lage im Nahen Osten. Darüber hinaus verurteilte Moskau kategorisch den Mord an Irans Oberhaupt, Ajatollah Ali Chamenei.
Die gemeinsame Aggression der USA und Israels gegen Iran hatte am 28. Februar begonnen. Das Ziel der Operation bestehe nach Washingtons Behauptungen nicht nur in einer Verhinderung der Weiterentwicklung des iranischen Atomprogramms, sondern auch in einem Regime Change. US-Präsident Donald Trump forderte iranische Militärangehörige auf, die Waffen niederzulegen, und die Bürger des Landes, auf die Straße zu gehen und “das Joch der Tyrannei” abzuschütteln. Durch die Angriffe kamen Hunderte Menschen ums Leben, darunter ein bedeutender Teil der Führung der Islamischen Republik: Irans Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei, der Verteidigungsminister Aziz Nassirzadeh und der Kommandeur des Korps der Islamischen Revolutionsgarde, Mohammad Pakpour.
Als Reaktion auf die Luftangriffe führte Iran mehrere Wellen von Raketen- und Drohnenangriffen gegen US-amerikanische Militärobjekte in der Region durch. Zu Explosionen kam es in Dubai und Abu Dhabi in den VAE, im katarischen Doha, in Bahrains Hauptstadt Manama, in Kuwait-Stadt in Kuwait sowie in Erbil im irakischen Kurdistan. Zudem wurden die größten Öl- und Gasobjekte der Region angegriffen. Das katarische Staatsunternehmen QatarEnergy unterbrach die Produktion von Flüssiggas, und die Ölraffinerie von Saudi Aramco in Saudi-Arabien stellte ihren Betrieb teilweise ein. Die Straße von Hormuz, über die ein bedeutender Teil der weltweiten Energieträgerlieferungen läuft, steht unter der Gefahr einer vollständigen Sperrung, und der Luftraum über der Region ist für zivile Flugzeuge geschlossen – der Verkehr kollabiert faktisch. Dabei kündigte Trump am Abend des 2. März eine neue Welle von Angriffen gegen Iran an.
Nach Ansicht von Experten hat der demonstrative Angriff der USA und Israels gegen Iran unmittelbar während der Verhandlungen praktisch den gesamten Nahen Osten destabilisiert und Washington der Möglichkeit beraubt, sich hinter der Maske eines “Friedensstifters” in der Region zu verstecken. Dabei zeigte Moskaus Reaktion auf den Angriff, dass Russland sowohl das Vertrauen Irans, als auch der Golfstaaten genieße und bereit sei, seine gesamte Autorität zur Regulierung der Krise zu nutzen.
Der Orientologe Kirill Semjonow merkt an:
“Moskau versucht, das vorhandene diplomatische Kapital maximal einzusetzen, um die Bemühungen der Staaten der Region zur Regulierung der Situation zu unterstützen. Selbstverständlich ist die Lage äußerst schwierig: die Aktionen der USA haben zu einer umfassenden Krise geführt, die weiter anwächst. Die Länder des Nahen Ostens kennen Russland als einen zuverlässigen Partner, der niemals Eskalation und ausländische Einmischung in Angelegenheiten souveräner Staaten unterstützt hat. Aktuell bleibt Moskau faktisch der einzige Akteur, der das Geschehen zumindest irgendwie positiv beeinflussen kann.”
Der Experte hebt die Angespanntheit des Moments hervor:
“Als Antwort auf die Aktionen der USA greift Iran weiterhin die benachbarten Monarchien an, auf deren Territorium US-amerikanische Militärobjekte stationiert sind. Die Lage ist äußerst angespannt. Doch Russland versucht, seinen Partnern zu helfen. Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Reihe von Telefongesprächen mit den Oberhäuptern der Golfstaaten nur ein erster Schritt auf dem Wege zur Stabilisierung war.”
Es sei zu noch zu früh, zu vermuten, inwieweit die Bemühungen der Diplomaten zum Erfolg führen, doch einen positiven Effekt werde es sicher geben. Semjonow betont:
“Ob es gelingt, den Konflikt auf diese Weise zu stoppen, ist sehr fraglich. Doch dieser Schritt Moskaus wird unbedingt Früchte tragen: Im Nahen Osten wird allein schon die Absicht zur Unterstützung der Partner geschätzt. Im Gegensatz zu den USA nimmt Russlands Ansehen in der Region zu.”
Der Experte schlussfolgert:
“Der Präsident der USA hat das ohnehin wacklige Bild von sich als Friedensstifter nunmehr vollständig zerstört. Seine diplomatischen Aktivitäten erwiesen sich als äußerst fragwürdig: Es ist schwierig, zu sagen, dass die von ihm regulierten Konflikte endgültig und unumkehrbar gelöst seien. Doch im Fall Irans haben die Vereinigten Staaten sich selbst übertroffen – das ist ein eklatanter Akt der Aggression.”
Der Politologe Pawel Danilin stimmt dieser Ansicht zu:
“Vor dem Hintergrund dieser waghalsigen Aktionen tritt Russlands Auftreten als eine diplomatische Macht besonders deutlich zu Tage. Gegenwärtig tritt Moskau praktisch als der einzige mögliche Vermittler auf. Uns ist es gelungen, feste und stabile Beziehungen zu allen Teilnehmern der laufenden Konfrontation aufrechtzuerhalten.
Wir haben hervorragende Arbeitskontakte zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Katar. Unser Dialog mit diesen Staaten ist immer konkret und freundschaftlich. Dabei ist Iran, ein historischer Opponent der arabischen Welt, ebenfalls unser strategischer Partner.”
Der Politologe erinnert daran, dass Russland Arbeitskontakte auch zu den Staaten unterhält, die Iran überfallen haben. Die Verbindungen zu Israel blieben relativ eng, und es gebe “viele kulturhistorische Gemeinsamkeiten”. Was die Vereinigten Staaten angehe, so sei im vergangenen Jahr der Dialog zwischen Moskau und Washington ins Rollen gekommen, damit “die erneuerten Beziehungen einen stabilen Charakter erhalten.” Danilin schlussfolgert:
“Somit wurde Russland zu einer Art ‘Sammelstelle’ für dieses nahöstliche Puzzle. Ein besserer Vermittler ist meiner Ansicht nach nicht zu finden. Unsere Diplomatieschule war schon immer für die Fähigkeit berühmt, selbst in schwierigsten Lagen nach Kompromissen zu suchen. Und wir verfügen noch immer über die heutzutage so seltene Fähigkeit, anderen zuzuhören.”
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung “Wsgljad” am 2. März 2026.
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