
Von Fjodor Lukjanow
“Shock and awe” (“Schock und Furcht”) war der Begriff, mit dem die US-Operation gegen den Irak im Frühjahr 2003 beschrieben wurde. Rückblickend markierte sie einen Wendepunkt. Die rasche Niederlage des Baath-Regimes und der Sturz Saddam Husseins erweckten den Eindruck, die USA hätten die Fähigkeit erlangt, ganze Regionen nach Belieben umzugestalten.
Die Realität sah anders aus. Der Krieg brachte zwar Veränderungen, aber nicht die Art, die seine Architekten sich vorgestellt hatten. Die alte Ordnung im Nahen Osten brach zusammen und wurde nicht durch Stabilität, sondern durch eine Kette von Krisen ersetzt, deren Eindämmung enorme Ressourcen erforderte und nur bedingt erfolgreich war. Der Schlag für Amerikas globales Ansehen erwies sich als nachhaltig.
Ende Februar 2026 starteten die USA und Israel die Operation “Epic Fury” (“Epische Wut”) gegen Iran. In gewisser Weise ist Irans Aufstieg zum Hauptgegner beider Länder eine direkte Folge des Irak-Einsatzes zwei Jahrzehnte zuvor. Ob die heutigen Angreifer schnelle und entscheidende Ergebnisse erzielen können, bleibt ungewiss. Iran ist der ernsthafteste Gegner, dem die USA seit Jahrzehnten direkt gegenüberstehen. Selbst wenn ein militärischer Erfolg schnell erzielt wird und selbst wenn ein Nachkriegschaos wie im Irak durch das Vermeiden einer Besetzung verhindert wird, dürften die weiterreichenden Folgen enttäuschend sein.
Der unmittelbare Auslöser der aktuellen Eskalation ist Israels Entschlossenheit, eine einzigartige Konstellation von Umständen auszunutzen. Aus der Sicht Tel Avivs bietet sich jetzt die Gelegenheit, mit Unterstützung Washingtons eine dominante regionale Position zu sichern. Die Vision ist eine auf Israel zentrierte regionale Ordnung, der sich andere – ob freiwillig oder unfreiwillig – anpassen müssen.
US-Präsident Donald Trump und die Ideologen, die seine Nahostpolitik prägen – viele von ihnen sind zugleich Verwandte und Geschäftspartner – verfolgen ihre eigenen Ziele. Israels militärische Überlegenheit, verbunden mit den sich vertiefenden Handelsbeziehungen zwischen Israel und den Golfmonarchien, würde es den USA ermöglichen, wirtschaftliche Vorteile vorrangig für sich selbst zu nutzen.
Wichtige geoökonomische und logistische Projekte, die für China, Russland und Indien von Interesse sind, würden von US-amerikanischer Aufsicht abhängig werden. Washington würde seine Kontrolle über Schlüsselmärkte ausweiten, insbesondere über Rohstoffe und militärtechnische Zusammenarbeit. Gleichzeitig würde die vermeintliche Ineffektivität von Gruppierungen, die ohne US-Beteiligung entstanden sind, allen voran die BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, offengelegt.
Das Motiv ist durchsichtig. Die Frage ist die Machbarkeit.
Auch der Irakkrieg begann mit Parolen zur regionalen Umstrukturierung im Namen der Sicherheit, durchzogen von unverkennbaren wirtschaftlichen Interessen – man denke nur an den damaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney und dessen Verbindungen zum US-Ölkonzern Halliburton. Doch die zentrale Rechtfertigung war ideologischer Natur: der Export von Demokratie. Trump und sein Umfeld haben die Ideologie in den Hintergrund gedrängt und stattdessen materielle Gewinne in den Vordergrund gestellt. Der frühere Ansatz scheiterte nicht nur, weil sich die demokratische Transformation als Illusion erwies, sondern weil die anhaltende Instabilität es unmöglich machte, die erhofften Gewinne zu erzielen.
Das neue, offen transaktionsorientierte Modell mag pragmatischer erscheinen, birgt aber eigene Risiken. Rein kommerziell begründeter externer Zwang kann eine starke ideologische Gegenreaktion hervorrufen und Kräfte mobilisieren, die gerade durch ihre Ablehnung einer aufgezwungenen Ordnung vereint sind.
Trump hat eine großangelegte Militäroperation ohne Zustimmung des Kongresses, gegen den Willen der Öffentlichkeit und mit der Aussicht auf reale Verluste begonnen. Er braucht einen Triumph, um die ungünstigen innenpolitischen Entwicklungen umzukehren. Gelingt dies, könnte das Weiße Haus zu dem Schluss kommen, dass die Geschichte und sogar Gott auf seiner Seite stehen und zu einem selbstbewussteren Auftreten im In- und Ausland ermutigen. Andernfalls droht eine Eskalation, da Aggression an die Stelle von Ergebnissen tritt.
So oder so tritt der Nahe Osten in eine neue Phase der Turbulenzen ein, deren Folgen weit über die Region hinausreichen werden. Und das verheißt für alle Beteiligten nichts Gutes.
Übersetzt aus dem Englischen.
Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur von “Russia in Global Affairs”, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai.
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