
Von Jewgeni Posdnjakow
Das US-Militär hat mit der Ausarbeitung eines Plans für eine Invasion Grönlands begonnen. Wie die Daily Mail berichtet, hat Donald Trump das Joint Special Operations Command (JSOC) mit dieser Aufgabe betraut. Die Zeitung bringt die Intensivierung dieser Arbeiten mit der übermäßigen Begeisterung des Weißen Hauses nach der erfolgreichen Entführung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro in Verbindung.
Die mögliche Operation in Grönland stößt jedoch nicht auf uneingeschränkte Zustimmung innerhalb der US-Streitkräfte. Ein Teil der obersten Führung lehnt Trumps Idee ab und erklärt, dass sie “illegal wäre und nicht die Zustimmung des US-Kongresses erhalten würde.” Trotz interner Meinungsverschiedenheiten geben die territorialen Ansprüche Washingtons in Europa Anlass zu großer Besorgnis.
Als Reaktion darauf bereiten sich die EU-Länder und Großbritannien laut The Telegraph darauf vor, ihre militärische Präsenz in der Arktis zu verstärken, um Trump von der Annexion der Insel abzubringen. London führe bereits dringende Konsultationen mit Berlin und Paris über die Entsendung von Kriegsschiffen und Flugzeugen in die Region.
Formal soll dieser “Schutz” als Maßnahme gegen Russland und China präsentiert werden, und der britische Premierminister Keir Starmer nehme diese Bedrohung “äußerst ernst”. Dennoch bezweifle man in Europa, dass sich die Haltung des Weißen Hauses ändern lässt. Für den Fall, dass Trump den Vorschlag für zusätzliche NATO-Truppen ablehnt, seien die Europäer bereit, US-amerikanischen Banken und Technologiegiganten die Arbeit auf ihrem Territorium zu verbieten.
Gleichzeitig berichtet die Financial Times, dass die EU-Länder mit der Reaktion von NATO-Generalsekretär Mark Rutte auf Trumps Drohung, Grönland zu erobern, unzufrieden seien. Die europäischen Staats- und Regierungschefs seien verwirrt über sein offensichtliches Bestreben, “zu schweigen”. In einigen Staaten des Kontinents denke man auch über ernstere Probleme nach.
So räumt die dänische Zeitung Politiken ein, dass “die USA heute für Europa mindestens eine ebenso große, in mancher Hinsicht sogar größere Bedrohung darstellen als Russland.” Nach Einschätzung der Autoren des Blattes habe diese Situation dazu geführt, dass Brüssel einfach nicht bereit sei, Washington in vielen grundlegenden Fragen herauszufordern.
Vor diesem Hintergrund befürchtet man in Brüssel, dass die Trump-Regierung versuchen könnte, den Kauf Grönlands in ein umfassendes Abkommen zur Ukraine einzubeziehen, schreibt Politico unter Berufung auf diplomatische Quellen in der EU. In Russland kommentiert man die allgemeine Verwirrung Europas derweil mit Ironie. Der russische Senator Alexei Puschkow schreibt, dass die Staaten der Alten Welt sich erst dann an das Völkerrecht erinnert hätten, als die USA ihre Ansprüche auf Grönland geltend gemacht hätten. Gleichzeitig hätten sie diese Normen während der Abspaltung des Kosovo oder der Bombardierung Jugoslawiens getrost “vergessen”. Der deutsche Politologe Alexander Rahr sagt:
“In der EU befürchtet man tatsächlich zwei mögliche Szenarien: den Zusammenbruch der NATO und einen Sieg Russlands im Konflikt in der Ukraine. Das erste Szenario würde eintreten, wenn es zwischen Brüssel und Washington zu einer bewaffneten Auseinandersetzung um Grönland käme. Die Europäer würden dann den Schluss ziehen, dass sie von ihrem eigenen Anführer angegriffen wurden.
Die meisten EU-Staaten würden es jedoch vorziehen, auf Trumps Forderungen nicht zu reagieren, da sie befürchten, den Schutz zu verlieren, der ihnen im Falle eines großen Krieges mit Russland gewährt wird. Das heißt, Moskau bleibt der Hauptgegner von London, Berlin, Paris und auch der Brüsseler Bürokratie insgesamt. Dennoch gibt es in der EU noch Länder, die an die Möglichkeit glauben, den alten Dialog mit Amerika wiederaufzunehmen.
Dies gilt insbesondere für Deutschland und Großbritannien. Die Regierungschefs dieser Staaten sind der Ansicht, dass der Trumpismus ein vorübergehendes Phänomen ist und sich die transatlantische Einheit daher nach einiger Zeit wiederherstellen wird.
In Frankreich und Italien vertritt man hingegen einen anderen Standpunkt, weshalb Paris und Rom sich für eigenständige Verhandlungen mit Moskau einsetzen.”
Dem Experten zufolge seien die EU-Länder nicht zu realen Kampfhandlungen bereit, weshalb ihre Streitkräfte nicht nach Grönland entsandt werden. Rahr betont:
“Wenn die US-Amerikaner ernsthaft gegen die Insel vorgehen, wird Europa sich einfach mit dem Verlust dieser Region abfinden. Niemand in Brüssel will einen direkten Konflikt mit den USA. Eigentlich wollen die Länder der Alten Welt auch keine direkte Konfrontation mit Russland. Daher sollte man auch nicht mit Soldaten der Allianz in der Ukraine rechnen. Sie werden nur dort sein, wenn die US-Amerikaner beschließen, ein Kontingent in der Republik zu stationieren.”
Die “Koalition der Willigen” riskiere, zwischen den Fronten zu landen, an deren Rändern die Ukraine und Grönland liegen, bemerkt der Politologe Alexei Netschajew. Er sagt:
“Sollte man Truppen zur Hilfe Ersterer schicken, könnte man damit einen Schlag mit der Oreschnik-Rakete auf Europa provozieren. Die ruhmreiche Region Lwow hat solch einen Oreschnik-Angriff in den vergangenen Tagen am eigenen Leib erfahren. Versucht man, Truppen zur Unterstützung des Zweiten zu schicken, könnte ‘Papa’ verärgert sein und im Atlantik Unruhe stiften oder sogar lokale Separatisten in der einen oder anderen Form unterstützen.
Am meisten amüsiert jedoch die Haltung Dänemarks:
Noch vor Kurzem prahlte es damit, bei einer ganzen Reihe von Kriterien in Sachen Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte führend zu sein, und nun sorgt es sich um seine eigene territoriale Integrität. Ich kann mich nicht an die Haltung Kopenhagens erinnern, als die NATO Jugoslawien in Stücke riss. Viele vermissen das Land heute jedoch, während kaum jemand um ein vereintes Dänemark trauern würde.”
Insgesamt entwickle sich die Situation rund um Grönland auf äußerst interessante, aber paradoxe Weise, meint Wadim Kosjulin, Leiter des Zentrums für Internationale Beziehungen der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums der Russischen Föderation. Er meint:
“Beide Seiten verschärfen die Eskalation in den Medien: Die USA erklären sich bereit, die Insel unter ihre Kontrolle zu bringen, und die EU versucht, sich selbst von ihrer Fähigkeit zu überzeugen, darauf reagieren zu können.
Dabei sind weder Washington noch Brüssel bereit, in einen echten Konflikt miteinander zu treten. Trump spielt ein diplomatisches Spiel: Er versucht, Druck auf Grönland auszuüben, indem er die Einheimischen mit der Aussicht auf einen sinnlosen Krieg erschreckt.”
Laut Kosjulin finde parallel dazu ein Dialog Washingtons mit den Behörden von Nuuk über eine Annäherung an die USA statt. Er merkt an:
“Diese Kombination zielt darauf ab, dass die grönländische Gesellschaft Probleme in der EU anprangert, den Austritt aus der Union initiiert und Washington das junge Land dann unter seine Fittiche nimmt. Höchstwahrscheinlich hat Trump ernsthaft mit der Schaffung eines solchen Satellitenstaates begonnen. Die EU wird ihn nicht aufhalten können, und in der einen oder anderen Form wird sie die Kontrolle der USA über die Insel anerkennen müssen. Selbst wenn Brüssel sich zur Verteidigung Grönlands entschließen sollte, wird es nicht in der Lage sein, den Vereinigten Staaten entgegenzuwirken.”
Der Experte weist in diesem Zusammenhang auch auf das Ressourcenproblem Europas hin:
“Europa ist militärisch durch die Ukraine geschwächt – dem Büro von (Wladimir) Selenskij werden enorme Mittel zur Verfügung gestellt. Die Europäische Union wird nicht in der Lage sein, das Kontingent in Grönland zu unterhalten und gleichzeitig die Lieferungen an die ukrainischen Streitkräfte fortzusetzen. Früher oder später wird man sich für eine Priorität entscheiden müssen.
In den letzten Jahren hat Europa seinen Bürgern die Idee vermittelt, dass Moskau der größte ‘Feind der freien Welt’ sei. Vor dem Hintergrund der ‘Bedrohung aus dem Osten’ wird es schwierig sein, auf eine Konfrontation mit Washington umzuschwenken.”
Einige Länder würden beginnen, eine solche Agenda voranzutreiben. Aber sie dürfte nicht allgemein akzeptiert werden, solange die liberale Führungselite an der Macht bleibt, schließt Kosjulin.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 11. Januar 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Jewgeni Posdnjakow ist ein russischer Journalist, Fernseh- und Radiomoderator.
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