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Wirtschaftskrise: Jetzt sollen auch noch die Mütter schuld sein

rtnews by rtnews
31/05/2026
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Immer mehr Frauen in Teilzeit: Diesen neuen Aufreger nutzen deutsche Medien wieder einmal, um über Faulheit, Lifestyle und Vollzeitanreize zu fabulieren, als wären Betroffene daran selber schuld. Kein Wort indes über Ursachen und Realität: Lohndrückerei vor allem auf dem Rücken von Müttern.

Von Alexandra Nollok

Teilzeitarbeit sei in Deutschland auf einem Rekordhoch: Kaum hatte das Statistische Bundesamt seine Erkenntnis am Mittwoch der Öffentlichkeit präsentiert, produzierten diverse Leitmedien daraus den nächsten Aufreger, der nahtlos an die Faulheitsdebatte vom Jahresbeginn anknüpfte. Es ging um Phrasen wie “Lifestyle oder Selbstbestimmung”, Moral und “Arbeitsanreize” für Mütter und Senioren – ganz so als seien Kinder und Haushalt ein Klacks, Betreuungsplätze überall vorhanden und 70-Jährige unbeschränkt belastbar. Willkommen in der Fantasiewelt der “bürgerlichen Mitte”.

Neoliberale Tatsachenverdrehung

“So viele Beschäftigte in Teilzeit wie noch nie”, titelte das ARD-Meinungsschlachtschiff Tagesschau, um wenig später scheinheilig zu fragen:

“Lifestyle oder selbstbestimmtes Arbeiten?”

So verhalf die ARD einem Papier vom Januar der sogenannten “Mittelstands- und Wirtschaftsunion” (MIT) – eines Lobbyverbands, der sich vor allem aus betuchten CDU-Politikern speist – zu neuer Popularität. Es dürfe “keinen Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit” geben, heißt es darin zynisch.

Das MIT-Pamphlet ist ein Paradebeispiel für neoliberale Tatsachenverdrehung. Schuld an den vielen Teilzeitjobbern seien nicht etwa die Unternehmen, die solche Arbeitsplätze meist im Niedriglohnsektor anbieten. Schuld sei auch nicht der Staat, der Eltern oder Angehörigen von Pflegebedürftigen kaum dabei hilft, Familie und Lohnarbeit unter einen Hut zu bekommen. Stattdessen unterstellt die Lobbyorganisation den Teilzeitjobbern selbst, sie seien wohl einfach nur zu faul für Vollzeit.

Zwang durch “mehr Anreize”

Auch die Empörung über das Papier blieb an der moralingetränkten Oberfläche. Aus der SPD-nahen Hans-Böckler-Stiftung schallte es: Teilzeit sei doch “selbstbestimmtes Arbeiten in einem Umfang, der zu Lebensphasen und -entscheidungen passt.” Dass vor allem viele Mütter dazu gezwungen sind, um über die Runden zu kommen, und das für Löhne, die oft nicht mal für die Miete reichen, kam nicht zur Sprache.

Im Februar hatte die Tagesschau immerhin einen diskussionswürdigen Punkt eingebracht: Die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt habe zum “Teilzeitboom” mit beigetragen. Anstatt das aber ernsthaft zu analysieren, folgte ein Appell: Um dies zu ändern, brauche es “Anreize statt Appelle”. Gemeint ist damit wie immer die Peitsche: Der Staat solle etwa die Familienversicherung für Ehegatten abschaffen. So kann man freilich Mütter trotz Überlastung mit finanzieller Not an die Vollzeitarbeitsfront zwingen.

Hälfte der Frauen in Teilzeitjobs

Zugrunde liegt der neu entflammten Mediendebatte eine am Mittwoch veröffentliche Erhebung des Statistischen Bundesamtes. Der zufolge lag der Anteil von Teilzeitjobs bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im vergangenen Jahr bei knapp 32 Prozent – ein neuer Höchststand, wie die Behörde schreibt. Hauptgrund dafür sei die wachsende “Erwerbsquote” bei Frauen. Mehr als jede zweite weibliche Beschäftigte arbeitet demnach in Teilzeit – also je nach Branche weniger als 36 bis 40 Wochenstunden.

Nun ist bekannt, dass Teilzeitjobs meist vor allem eines sind: prekär und schlecht bezahlt. Man weiß, dass Mütter nicht immer aus purer Leidenschaft ihre Arbeitskraft dafür verkaufen. Viele müssen es trotz doppelter Belastung, weil das Partnereinkommen nicht für die Lebenshaltung reicht oder kein Partner vorhanden ist. Und noch etwas kommt hinzu: Selbst bei gleicher Arbeit verdienen Frauen bis heute im Schnitt sechs Prozent weniger als Männer – im Westen ist die Kluft höher als im Osten. 

Lohndrückerei auf dem Rücken von Müttern

Kinderbetreuungsplätze sind noch immer Mangelware in Deutschland. Statistischen Angaben zufolge fehlten letztes Jahr 300.000 Kindergarten–  und 150.000 Hortplätze für Grundschüler. Kurzum: Viele Mütter haben keine andere Chance als Lohnarbeit in Teilzeit. Zugleich sind sie dazu gezwungen, um ihre Familie mit zu ernähren. Und die Unternehmen nutzen die prekären Lagen trefflich aus. Die Teilzeitarbeitsquote steigt ja nicht, weil Mütter faul wären.

Es geht um Lohndrückerei unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung. Das Geschwätz westlicher Politiker davon war schon in der Vergangenheit vor allem von Kapitalinteressen motiviert: Billige weibliche Arbeitskräfte konnten rekrutiert und die Löhne der Männer weiter gedrückt werden.

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Frauen in der alten BRD noch bis 1958 nur mit Erlaubnis ihrer Ehemänner einen Arbeitsvertrag unterschreiben durften. Sogar bis 1977 konnten ihre Gatten noch gerichtlich dagegen vorgehen, wenn ihnen das nicht passte. Das Geschwätz der bürgerlichen Pseudofeministen von Gleichberechtigung durch Arbeit war stets eine Scheindebatte von einer Qualität, die heutigen Parolen ähnelt, deren Verkünder Frauen “gleichberechtigt” an die Kriegsfront schicken wollen.

Herbeigetrickste “Faulheit”

Nun ist die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt in Deutschland weiter fortgeschritten als in vielen anderen Staaten. Das zeigt bereits ein Blick auf EU-Daten: Während demnach in Deutschland gut 77 Prozent der Frauen lohnabhängig arbeiten, sind es in Griechenland nur 63 Prozent, in Italien sogar nur 58 Prozent.

Wenn viele Frauen in Teilzeit arbeiten müssen, weil es gar nicht anders geht, steigt freilich die Teilzeitquote. Das drückt wiederum den Mittelwert der Arbeitsstunden pro Beschäftigtem nach unten. Denn während teilzeitarbeitende Frauen in die Berechnung fallen, bleiben nicht arbeitende außen vor. Diesen Trick nutzte vor einem Jahr das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), um Arbeitern in Deutschland Faulheit vorzuwerfen. Es titelte damals:

“Griechen arbeiten 135 Stunden im Jahr mehr als Deutsche.”

Das diente wohl der ideologischen Vorbereitung auf den inzwischen laufenden Abbau vieler Sozial- und Arbeitsrechte.

Mehr Umverteilung nach oben

Den Irrsinn der Frage, ob die Leute in Deutschland zu wenig arbeiten würden, verdeutlicht eine amtliche Statistik über das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner. Das lag demnach im letzten Jahr bei genau 53.523 Euro, wohlgemerkt pro Kopf. Das ist so hoch wie nie. Vor zehn Jahren kamen auf jeden BRD-Bewohner noch knapp 38.000 Euro, vor 20 Jahren rund 28.600 Euro. Seit dem Jahr 2000 hat sich diese Summe mehr als verdoppelt – und steigt kontinuierlich weiter. Die meisten Einwohner allerdings bekommen davon nicht viel mit – im Gegenteil.

Anders ausgedrückt: Obwohl sich das deutsche BIP pro Einwohner seit der Jahrtausendwende zumindest nominal mehr als verdoppelt hat, kommt bei den meisten Leuten davon nichts an. Und Politiker wettern über angeblich leere Sozialkassen, zu hohe Renten- und Gesundheitskosten und “faule” Arbeiter. Sie kürzen an allen Ecken, lassen Armut und Obdachlosigkeit explodieren. Aber irgendwo, so viel ist sicher, landet das viele Geld am Ende doch – eben nur nicht bei denen, die dafür arbeiten. Es wird umverteilt – nach oben.

Bleibt noch zu fragen, was in unserem System als “richtige” Arbeit zählt. Die kurze Antwort lautet: Lohnarbeit, sonst nichts. Dabei wissen alle Mütter und Väter nur zu gut: Kinder zieht man nicht einfach nebenher groß. Wer Angehörige pflegt oder sich in einem Kindersportverein ehrenamtlich engagiert, arbeitet nicht wenig. All das ist definitiv mehr Dienst an der Gesellschaft, als ihn alle Rüstungskonzerne, Vermögensverwalter und Börsenspekulanten dieser Welt zusammen leisten.

Mütter sorgen überdies sogar für Arbeitskräftenachwuchs für all die profitierenden Konzerne, die so gerne über hohe Kosten klagen. Ihre unbezahlte Arbeit hat trotzdem einen Haken: Weil Kinder etwa 20 Jahre brauchen, um für den Arbeitsmarkt zu taugen, bringt ihre Erziehung den oberen Zehntausend nun einmal keinen schnellen Profit. Nur darum geht es im neoliberalen “Wertewesten” – und davon gerne immer mehr.

Mehr zum Thema – Mit Neid-Debatten zur Zwangsarbeit und 73-Stundenwoche



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Tags: auchdieJetztMutternochSchuldseinsollenwirtschaftskrise
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