{"id":83081,"date":"2025-05-02T06:00:00","date_gmt":"2025-05-02T04:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/nach-dem-9-mai-1945-mein-leben-nach-dem-krieg-in-thueringen\/"},"modified":"2025-05-02T06:00:00","modified_gmt":"2025-05-02T04:00:00","slug":"nach-dem-9-mai-1945-mein-leben-nach-dem-krieg-in-thueringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/nach-dem-9-mai-1945-mein-leben-nach-dem-krieg-in-thueringen\/","title":{"rendered":"Nach dem 9. Mai 1945: Mein Leben nach dem Krieg in Th\u00fcringen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/now-news.de\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/05\/680bab0a48fbef334b5f480e.png\" \/><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_1 \">\n                Das Kriegsende und der Beginn der Besatzungszeit konnten auch das Ende der Kindheit markieren. Pl\u00f6tzlich mussten Jugendliche, wenigstens zeitweise, an die Stelle der abwesenden oder gestorbenen Erwachsenen treten. Der harte Alltag der Nachkriegsjahre bestimmte das Leben der Heranwachsenden und pr\u00e4gte ihre Pers\u00f6nlichkeit mit.\n            <\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_5 ArticleView-text ViewText-root \">\n<p><em><a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/242720-nach-9-mai-1945-erinnerungen\/\">Folge 1<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/242729-nach-9-mai-1945-erinnerungen\/\">Folge 2<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243171-nach-9-mai-1945-vom\/\">Folge 3<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243193-nach-9-mai-kriegswirren-und\/\">Folge 4<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243197-nach-9-mai-befreiung-in\/\">Folge 5<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243194-nach-9-mai-1945-erinnerung\/\">Folge 6<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243418-nach-9-mai-1945-bayern\/\">Folge 7<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243315-nach-dem-9-mai-1945-dresden-2025-mein-leben-mit-meinen-freunden\/\">Folge 8<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243310-nach-9-mai-1945-ueber-nachkriegs-berlin-russisch-lernen-und-freundschaften-in-der-udssr\/\">Folge 9<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243321-nach-9-mai-1945\/\">Folge 10\u00a0<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Von Dr. Werner Siegmund, L\u00fcbbenau<\/em><\/p>\n<p>Als der Krieg 1945 zu Ende ging, war ich noch keine 14 Jahre und meine Schwestern zehn und acht Jahre alt. Meine Mutter, Tagel\u00f6hnerin bei einem Gro\u00dfbauern, verstarb im November 1942 an Krebs, nachdem mein Vater kurz vorher schwer krank (Asthma) nach einer Versch\u00fcttung im Frankreich-Feldzug nach Hause gekommen war. Zuerst \u00fcbernahm meine Tante Luise mit ihren zwei Kindern unsere Betreuung. Mein Vater wurde wieder zum Garnisonsdienst in Erfurt einberufen. Dort lernte er unsere k\u00fcnftige Stiefmutter mit ihren zwei Kindern kennen. Nach der Heirat normalisierte sich unser Leben den Umst\u00e4nden entsprechend.<\/p>\n<p>Der Stiefvater meiner Stiefmutter war Kommunist und wurde 1944 aus dem Zuchthaus entlassen. Gespr\u00e4che mit ihm wurden unter strengster Verschwiegenheit gegen\u00fcber uns Kindern gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Umzug nach Ruhla<\/strong><\/p>\n<p>Leider verschlechterte sich der Gesundheitszustand meines Vaters so sehr, dass die \u00c4rzte um sein Leben bangten. Immer mehr wurde ein Luftwechsel aufgrund des starken Asthmas erforderlich, und ein Umzug nach Ruhla im Th\u00fcringer Wald, in die Heimatstadt meines Vaters, wurde ernsthaft erwogen. Mein Onkel hatte das Haus meiner Gro\u00dfeltern geerbt, in dem noch Platz, wenn auch wenig, f\u00fcr uns vorhanden war. Dazu reisten meine Eltern nach Ruhla und kl\u00e4rten alles N\u00f6tige. In dieser Zeit musste ich die Versorgung von uns Kindern \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Am 7. April 1945, einem Sonnabend, die amerikanischen Streitkr\u00e4fte standen bereits unmittelbar vor Eisenach in Artilleriereichweite, vollzogen wir den Umzug nach Ruhla, ein Industriest\u00e4dtchen am Rennsteig, damals mit circa 10.000 Einwohnern. Die Fahrt von Stotternheim nach Ruhla, ungef\u00e4hr 50 Kilometer, war mit Hindernissen gespickt. Zun\u00e4chst mussten wir mit einem Lkw, dessen Treibstoff Holzgas war, Umwege durch den Th\u00fcringer Wald nutzen, um uns vor den amerikanischen Kampfflugzeugen zu sch\u00fctzen, deren Motorger\u00e4usche st\u00e4ndig zu h\u00f6ren waren und die Jagd auf alles machten, was sich am Boden bewegte. Kurz vor Ruhla, von Winterstein kommend, war am Abzweig Ruhla\/Bad Liebenstein eine Panzersperre errichtet. Hier endete der Umzug mit Auto. Alles musste umgeladen und mit Pferdewagen das letzte St\u00fcck des Weges, circa 5 Kilometer, zur\u00fcckgelegt werden. Dieser Umzug war auch der Abschied von der Kindheit.<\/p>\n<p><strong>Als Heranwachsender auf Hamstertour zu den Bauern<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten erzwungene Ferien. Diese Zeit mussten wir nutzen, um f\u00fcr die Familie in umliegenden Bauernd\u00f6rfern zu &#8220;hamstern&#8221;. Diese waren nur in einem Fu\u00dfmarsch von zwei bis drei Stunden zu erreichen. Das Betteln war f\u00fcr mich deprimierend. Denn es kam nicht selten vor, dass wir Kinder mit St\u00f6cken oder gar mit Hunden vertrieben wurden. Die Ausbeute war meistens gering. Der Hunger blieb. Noch nachhaltiger wirkte auf mich die Arbeit bei einem Bauern in Gro\u00dfenlupnitz, einem Dorf n\u00f6rdlich der H\u00f6rselberge. Um zu Kartoffeln f\u00fcr unsere gro\u00dfe Familie zu gelangen, mussten ich \u2013 mit 14 Jahren \u2013 und mein Bruder, der \u00fcber ein Jahr j\u00fcnger war, f\u00fcr circa vier Wochen bei einem Gro\u00dfbauern arbeiten. Wir schliefen \u00fcber dem Pferdestall unter fast unzumutbaren Bedingungen. Die Arbeitszeit begann mit Tagesanbruch und h\u00f6rte bei Einbruch der Dunkelheit auf. Freizeit gab es nicht. Dieses pers\u00f6nliche Erlebnis gestaltete sich als weiterer g\u00fcnstiger Boden f\u00fcr meine sp\u00e4tere Entwicklung und \u00dcberzeugungsbildung.<\/p>\n<p><strong>Wieder in der Schule und Lehrzeit<\/strong><\/p>\n<p>Der Schulbeginn befreite uns von dieser f\u00fcr uns fast \u00fcbermenschlichen Anforderung. Wieder zog der Schulalltag in unser Leben ein. Neu war f\u00fcr mich nicht nur die Schule, sondern auch die Sch\u00fcler, die Lehrer und auch neue Stoffgebiete kamen hinzu. An Einzelnes kann ich mich nicht mehr erinnern. Geblieben ist nur die Erinnerung, dass mir diesmal das Lernen Spa\u00df machte und ich trotz Dorfschule nicht der schlechteste Sch\u00fcler war. Schnell hatte ich die vielen kriegsbedingt ausgefallenen Unterrichtsstunden aufgeholt und das Niveau der anderen Sch\u00fcler ann\u00e4hernd erreicht.<\/p>\n<p>Nach dem Abschluss der achten Klasse begann f\u00fcr mich ein neuer Lebensabschnitt, die Lehre, die ich am 15. September 1946 begann. Mein Wunsch bestand zun\u00e4chst darin, technischer Zeichner zu werden. Ich bekam jedoch keine entsprechende Lehrstelle. Deshalb begann ich meine Lehre als Elektroinstallateur. Im September 1946 begann ich also meine Lehre im &#8220;Elektrizit\u00e4tswerk&#8221; in Ruhla. So wurde das Umspannwerk genannt, das daneben auch Reparaturst\u00fctzpunkt f\u00fcr Freileitungen, Elektroger\u00e4te, elektrische Anlagen und Rundfunkger\u00e4te war. Sp\u00e4ter geh\u00f6rte unser Betrieb zum VEB (Volkseigener Betrieb beziehungsweise VVB, Vereinigung Volkseigener Betriebe; Anm. d. Red.) Energiebezirk S\u00fcd.<\/p>\n<p>Oft musste ich neben meiner Ausbildung als Elektroinstallationslehrling defekte Elektroger\u00e4te reparieren \u2013 daf\u00fcr gab es nach dem Krieg einen gro\u00dfen Bedarf \u2013 und bei Havarien der \u00dcberlandleitungen auch dort mit Hand anlegen, und wenn es nur das Spannen der Freileitungen mit Flaschenzug betraf. Dabei waren Improvisation und Kreativit\u00e4t gefragt, denn es mangelte an vielem.<\/p>\n<p><strong>Erste Berufserfahrungen<\/strong><\/p>\n<p>Meine Lehrgesellen, Lothar Simon und Erhard Schr\u00f6n, waren solide Fachleute und nur wenige Jahre \u00e4lter als ich. Trotz ihrer Strenge bestand ein herzliches Verh\u00e4ltnis zwischen uns. Sie achteten sehr auf exakte Arbeit und f\u00f6rderten eine hohe Selbstst\u00e4ndigkeit. So bekam ich bereits im zweiten Lehrjahr meinen eigenen Auftrags- und Rechnungsblock und war damit auch selbst f\u00fcr die Arbeitsorganisation und das Ableisten und Abrechnen der Arbeitsstunden verantwortlich.<\/p>\n<p>Von Anfang an wurde ich mit einer durchdachten, t\u00e4glichen Arbeitsplanung vertraut gemacht. Jeden Tag zu Arbeitsbeginn erhielten wir unsere Reparaturauftr\u00e4ge, wenn wir nicht an einem gr\u00f6\u00dferen Auftrag arbeiteten. Nach Auftragserhalt begannen wir unseren Weg, der durch die Gegebenheiten Ruhlas bergauf und bergab f\u00fchrte. Kleine Reparaturen wurden sofort ausgef\u00fchrt, gr\u00f6\u00dfere begutachtet, der Umfang der Zeit und des Materials eingesch\u00e4tzt und die Zeit der Reparatur vereinbart. Nachdem so eine erste Sichtung erfolgt war, wurde das entsprechende Material empfangen und die Reparaturen ausgef\u00fchrt. Oft wurde ich auch deshalb mit Aufgaben betraut, die eigentlich einem Gesellen zustanden, weil die Lehrlingsstunde bedeutend billiger war als eine Gesellenstunde. Das spielte f\u00fcr manchen in der Nachkriegszeit eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>So lernte ich Landschaft und Leute von Ruhla und Umgebung kennen und m\u00f6gen. Auch mich lernten die &#8220;R\u00fchler&#8221; kennen, denn ich bewegte mich mit Rucksack und in Holzschuhen durch die Stadt. Es mangelte 1946 auch an Schuhen. So lernte ich, auch aus Schuhen von Erwachsenen Schuhe f\u00fcr meine Gr\u00f6\u00dfe anzupassen. Das Oberleder wurde zugeschnitten, auf an die eigenen F\u00fc\u00dfe passende Leisten gezogen und danach schrittweise fertiggestellt. Dazu war der Umgang mit Schustermesser, Schusterhammer, Holzstiften und Ahle erforderlich.<\/p>\n<p>Oft denke ich an meine solide Lehrausbildung zur\u00fcck. Neben der praktischen Ausbildung spielte auch die Theorie eine gro\u00dfe Rolle. sonnabendvormittags nahm der Betriebsleiter, ich kann mich nur noch an einen Herrn Koch erinnern, uns Lehrlinge zusammen und besprach mit uns die Arbeiten der vergangenen Woche, dabei mussten wir unser Berichtsheft vorlegen. Jedes Mal stand auch ein theoretisches Thema auf der Tagesordnung. Tiefen Eindruck und viele handwerkliche F\u00e4higkeiten haben auch meine dreimonatige Ausbildung in einer benachbarten Schmiede und Schlosserei im Winter hinterlassen.<\/p>\n<p><strong>Konfirmation und weltanschauliche Pr\u00e4gung<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Schulabschluss war f\u00fcr mich eine Besonderheit verbunden. Ich musste ein Jahr warten und wurde erst 1947 gemeinsam mit meiner Schwester Marianne und meinem Stiefbruder Lothar konfirmiert. Das Unangenehme f\u00fcr mich bestand darin, dass ich w\u00e4hrend der Lehre zum Religionsunterricht musste. F\u00fcr meine Eltern bedeutete dies jedoch nur, eine Feier auszurichten, und auch die &#8220;Einkleidung&#8221; f\u00fcr die Konfirmation war 1947 g\u00fcnstiger als ein Jahr zuvor. Ich musste mich den Umst\u00e4nden beugen. Jahre sp\u00e4ter trat ich aus der Kirche aus.<\/p>\n<p>Die Lehrzeit hatte wesentlichen Einfluss auf meine \u00dcberzeugungsbildung. Obwohl zu Beginn der Lehre die Vereinigung von SPD und KPD politisch vollzogen war, pr\u00e4gten die ideologischen Auseinandersetzungen im Arbeitskollektiv zwischen den Mitgliedern dieser Parteien das geistige Klima. Es war ein sehr offenes, kameradschaftliches Klima, und ich f\u00fchlte mich darin sehr wohl. Hier lernte ich kennen, was das Wort Genosse bedeutete.<\/p>\n<p>Zumeist ging es um historische Fragen und auch um Schuldzuweisungen, die den Faschismus und den Krieg betrafen. So wurde viel \u00fcber den Verfassungsentwurf f\u00fcr ein demokratisches Deutschland, \u00fcber den Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland, die Aktionen zur Enteignung der Kriegsverbrecher und die \u00dcberf\u00fchrung deren Besitzes in Volkseigentum gesprochen. Betroffen machte uns dabei das Veto der westlichen Besatzungsm\u00e4chte in unserem Nachbarland Hessen und in Schleswig-Holstein gegen Ma\u00dfnahmen zur \u00dcberf\u00fchrung der Grundstoffindustrie in die H\u00e4nde des Volkes.<\/p>\n<p><strong>Teilung Deutschlands macht sich bemerkbar<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich mich auch nicht mehr an alle Details erinnern kann, die Teilnahme an der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung des Volksbegehrens im Mai\/Juni 1948 f\u00fcr eine unteilbare Deutsche Demokratische Republik \u2013 wir hatten dazu einen Lautsprecherwagen eingerichtet \u2013 hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Meine Entt\u00e4uschung \u00fcber die separate W\u00e4hrungsreform in den westlichen Besatzungszonen wenige Wochen sp\u00e4ter und die damit vollzogene faktische Spaltung Deutschlands ist kaum zu beschreiben.<\/p>\n<p>Vieles wurde durch obiges Dokument im Nachhinein klarer und vor allem f\u00fcr die Beurteilung des Imperialismus sehr wertvoll. Deshalb damals die Einbeziehung aller Kr\u00e4fte aus Wirtschaft und Milit\u00e4r, egal ob sie Faschisten oder Kriegsverbrecher waren. So wurde die antikommunistische Entwicklung in Westdeutschland in der Nachkriegszeit durch die USA, trotz \u00fcbernommener Verpflichtungen in Potsdam, forciert und gefestigt.<\/p>\n<p>Wir wurden mit dem Marshall-Plan konfrontiert. Wer von uns wusste aber zu dieser Zeit schon etwas vom Nationalen Security Act vom 26. Juli 1947, der die US-amerikanische Nachkriegsgeschichte au\u00dferordentlich beeinflusste?<\/p>\n<p>Mit diesen Entscheidungen bezeugten die USA endg\u00fcltig den Wandel vom Partner im Zweiten Weltkrieg zu einem der Todfeinde der Sowjetunion; und die Truman-Regierung bekr\u00e4ftigte mit ihrem im Mai des gleichen Jahres als &#8220;Truman-Doktrin&#8221; beschrittenen Kurs die Konfrontation mit dem &#8220;kommunistischen Lager&#8221; im Kalten Krieg.<\/p>\n<p><strong>Mit 17 \u2013 Entschluss zum Eintritt in die Partei<\/strong><\/p>\n<p>In unserem Arbeitskollektiv herrschte ein gutes, offenes politisches Klima, und viele Probleme dieser Zeit wurden besprochen. Auch auf den Wegen zur Arbeit oder zu den Kunden wurden die Gespr\u00e4che fortgesetzt. Auch \u00fcber den sogenannten Marshall-Plan wurde heftig diskutiert.<\/p>\n<p>So kam Stein f\u00fcr Stein zu einer immer st\u00e4rkeren Parteinahme f\u00fcr die Politik der SED. Die Verk\u00fcndung des Zweijahresplanes Ende 1948, der ein Lichtblick f\u00fcr die Entwicklung in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone und f\u00fcr uns Jungen darstellte, war der letzte Anlass f\u00fcr mich, meinen Aufnahmeantrag f\u00fcr die Mitgliedschaft in der SED zu stellen. Am 15. Januar 1949, nachdem ich 17 Jahre alt geworden war, nahm mich dann die Mitgliederversammlung der Grundorganisation des VEB Energieversorgung S\u00fcd, Ruhla, als Mitglied der SED auf.<\/p>\n<p>Bedeutsamen Einfluss auf meine \u00dcberzeugungsbildung hatte der Stiefvater meiner Stiefmutter, Paul Stange. Er war Kommunist und kam nach einer zehnj\u00e4hrigen Zuchthausstrafe nach Hause. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie geheimnisvoll damit umgegangen wurde, um uns Kinder zu sch\u00fctzen. Nach 1945 setzte er sich voll f\u00fcr den Aufbau in Erfurt ein. Ein Herzinfarkt bereitete seiner aktiven, aber nicht seiner geistigen T\u00e4tigkeit ein Ende. Bei Besuchen in Erfurt, er wohnte zu dieser Zeit im Pf\u00f6rtnerhaus des heutigen Flugplatzes Erfurt-Bindersleben, diskutierten wir oft bis in die sp\u00e4te Nacht hinein. Besonders wertvoll f\u00fcr mich waren seine Kenntnisse \u00fcber die Geschichte und seine Geschichtsauffassung.<\/p>\n<p><strong>Zur Volkspolizei<\/strong><\/p>\n<p>Er gab mir auch den Rat, mich bei der Wahl meines weiteren Lebensweges f\u00fcr die Laufbahn eines Volkspolizisten zu entscheiden. Mir sind seine Worte im Ged\u00e4chtnis geblieben, als er sagte, dass eines Tages die Rote Armee Deutschland verlassen w\u00fcrde und dass dann Arbeiters\u00f6hne diese Stelle einnehmen m\u00fcssten, um den Schutz unserer antifaschistisch-demokratischen Ordnung zu gew\u00e4hrleisten. Dabei bezog er sich immer auf die Entwicklung in Westdeutschland und die Politik der Besatzungsbeh\u00f6rden. Auch die Wiederbewaffnung Westdeutschlands spielte dabei eine Rolle. Aber vieles konnte auch er zu dieser Zeit nicht wissen. So kam es dann, dass ich mich bei einem Besuch in Erfurt im Juni 1949 freiwillig zur Volkspolizei meldete. F\u00fcr diese Entscheidung gab es nat\u00fcrlich weitere Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p><strong>Harte Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Mein Vater hatte 1946 ein &#8220;Fuhrgesch\u00e4ft&#8221; in Ruhla er\u00f6ffnet. Um die Mittel dazu zu erhalten, verkaufte er sein Motorrad. Er begann mit zwei Ochsen als Zugtieren, sp\u00e4ter schaffte er sich zwei Pferde an. Das bedeutete f\u00fcr unsere Familie \u00dcberleben in dieser schweren Zeit. Andererseits war das f\u00fcr uns Jungen mit einer erheblichen Belastung verbunden. Dieses Fuhrgesch\u00e4ft war ja im Wesentlichen ein Familienbetrieb mit einem zus\u00e4tzlichen Arbeiter als Kutscher. Die Fahrauftr\u00e4ge bestanden vorrangig im Langholzfahren und -schleppen \u2013 \u00fcber zehn Meter lange Fichtenst\u00e4mme vom Holzeinschlag bis an die Ladestelle bei jedem Wetter zu schleppen, und das oft bei steilen Gef\u00e4llen.<\/p>\n<p>Eine zweite Schicht begann f\u00fcr uns oft nach unserer Arbeitszeit. Oder wir mussten am Wochenende liegen gebliebene Auftr\u00e4ge \u00fcbernehmen, wenn mein Vater ans Bett gebunden war. Das kam durch seine Krankheit h\u00e4ufig vor. Doch Geld musste verdient werden. Auch brauchten die Ochsen beziehungsweise Pferde Futter. Dazu war Feldarbeit erforderlich. Die f\u00fcr uns noch angenehmste T\u00e4tigkeit bestand darin, nach Feierabend die Tiere in den Wald zu f\u00fchren, damit sie sich am saftigen Gras satt fressen konnten.<\/p>\n<p><strong>An die ABF!<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Zeit reifte durch meine berufliche Entwicklung und auch durch meine Leistungen in der Berufsschule \u2013 sie fand zweimal in der Woche in Eisenach statt \u2013 der Entschluss, nach der Lehre an einer Arbeiter- und Bauern-Fakult\u00e4t zu studieren.<\/p>\n<p>So einfach, wie ich mir das damals vorstellte, war es jedoch nicht. Ich bewarb mich in Erfurt um eine Arbeitsstelle. Das einzige Angebot, das ich erhielt, bestand in einer T\u00e4tigkeit bei der Wismut-AG. Aber Bergmann wollte ich nicht werden. So entschied ich mich f\u00fcr die Volkspolizei.<\/p>\n<p>Mein Vater war in dieser Zeit \u00fcberzeugter Pazifist. Er vertrat die Meinung, dass jedem, der eine Waffe anfasst, die H\u00e4nde abfaulen sollen. Nun hatte ich die Absicht, das zu tun, was er verurteilte. So hatte ich keine Chance, von ihm dazu die Einwilligung zu erhalten, da ich zu dieser Zeit noch nicht vollj\u00e4hrig war. Meine Stiefmutter gab mir die Unterschrift.<\/p>\n<p>Mit ungutem Gewissen warteten wir auf meine Einberufung. Ich war an einem Augusttag gerade auf dem Feld, um mit der Sense Getreide zu hauen, da wir keine Maschinen daf\u00fcr besa\u00dfen und durch die gro\u00dfen Steilh\u00e4nge auch nicht h\u00e4tten einsetzen k\u00f6nnen, als meine Schwester kam, ich solle sofort nach Hause kommen. Dort erwartete mich ein Donnerwetter. Viele b\u00f6se Worte fielen. Am tiefsten trafen mich die Worte: &#8220;Hier hat der Maurer ein Loch gelassen. Wenn Du hier durch bist, ist es f\u00fcr Dich verschlossen.&#8221; Meine Stiefmutter packte mir neben meinen Sachen noch ein Brot f\u00fcr den Weg ein. So verlie\u00df ich Ruhla und mein Elternhaus, um auf eigenen Beinen stehen zu lernen und mein weiteres Leben selbst zu gestalten.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> &#8211;\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/inland\/243366-nach-ausgrenzung-kommt-degemuetigung-russischer-botschafter-wird-elbe-tag-massiv-attackiert\/\">Nach Ausgrenzung kommt Dem\u00fctigung: Russischer Botschafter wird am Elbe-Tag massiv attackiert<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v6qbpdv\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/243391-nach-9-mai-1945-thueringen\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kriegsende und der Beginn der Besatzungszeit konnten auch das Ende der Kindheit markieren. 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