{"id":82457,"date":"2025-04-20T18:07:35","date_gmt":"2025-04-20T16:07:35","guid":{"rendered":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/dagmar-henn-die-trostlose-kette\/"},"modified":"2025-04-20T18:07:35","modified_gmt":"2025-04-20T16:07:35","slug":"dagmar-henn-die-trostlose-kette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/dagmar-henn-die-trostlose-kette\/","title":{"rendered":"Dagmar Henn: Die trostlose Kette"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/now-news.de\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2025\/04\/6800f97eb480cc38d113b656.jpg\" \/><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_1 \">\n                Den folgenden Text hatte ich 2017 geschrieben und auf meinem Blog ver\u00f6ffentlicht. Inzwischen wird versucht, das beschriebene Vakuum mit mehr Floskeln zu \u00fcbert\u00fcnchen, w\u00e4hrend das Fundament weiter zerbricht. Gedanken zu Ostern.\n            <\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_5 ArticleView-text ViewText-root \">\n<p><em>Von Dagmar Henn<\/em><\/p>\n<p>Es war ein eigenartig leeres Ostern dieses Jahr. F\u00fcrs Eiermalen sind meine M\u00e4dels mittlerweile zu gro\u00df; ich dachte, es w\u00e4re an der Zeit, sich mit dem Mythos auseinanderzusetzen (und \u00e4hnlichen Mythen drum herum), und suchte einen einfachen Einstieg im Fernsehprogramm, stellte aber verwundert fest, dass es an Ostern inzwischen gar nicht mehr um Ostern geht.<\/p>\n<p>Nun sind wir Atheisten, und man sollte meinen, diese L\u00fccke erfreut mich. Wenn es um die Scharm\u00fctzel geht, die im \u00f6ffentlichen Raum stattfinden, ob man etwa &#8220;Das Leben des Brian&#8221; am Karfreitag im Kino zeigen d\u00fcrfe, ist meine Position klar; Gleiches gilt bezogen auf Kreuze in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden. Aber sie erfreut mich nicht; ich empfinde sie als Hinweis auf eine tiefere und bedrohliche Leere.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mich mit meinen T\u00f6chtern gerne \u00fcber die Frage unterhalten, welche Dinge ein menschliches Leben sinnvoll oder gar wertvoll machen, jenseits des Konsums; die Besch\u00e4ftigung mit solchen Fragen ist schlie\u00dflich die klassische Aufgabe Heranwachsender; aber ich stellte fest, dass in dem kulturellen Diskurs, den die Medien liefern, daf\u00fcr kein Raum ist. In fr\u00fcheren Jahren waren die Zeit vor Weihnachten und die Zeit vor Ostern zumindest noch eine vor\u00fcbergehende Unterbrechung im ausgiebigen Beschweigen sozialer Fragen, und es gab einen Ansatz daf\u00fcr, wahrzunehmen, dass der gew\u00f6hnliche Alltag nicht alles ist, was den Menschen ausmacht oder ausmachen sollte. Selbst dieses kleine Fenster hat sich mittlerweile geschlossen.<\/p>\n<p>Solche Irritationen verleiten mich immer, weiter nachzubohren. Warum macht mich die Entleerung dieser Feiertage alles andere als gl\u00fccklich? Was ist es, was mir fehlt an einem Ostern ohne Ostern? Ist es das Widerst\u00e4ndige, das sich aus der Ostergeschichte lesen l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Nein, es ist etwas anderes, und die L\u00fccke greift tiefer, bis an die Fundamente menschlicher Gesellschaft selbst.<\/p>\n<p>Um zu erl\u00e4utern, worauf ich stie\u00df, muss ich erst eine sprachliche Ungenauigkeit des Deutschen kl\u00e4ren. Das Deutsche bezeichnet die Sachverhalte, die das Englische mit &#8220;victim&#8221; (das Opfer wider Willen) und &#8220;sacrifice&#8221; (das willentliche Opfer) benennt, mit demselben Wort &#8220;Opfer&#8221; (im Lateinischen sind diese Begriffe auch unterschieden). Zum Einstieg m\u00f6chte ich also klarstellen, dass es hier um den Begriff des willentlichen Opfers geht. Das ist der Kern der Ostererz\u00e4hlung, auch der Kern des damit verbundenen rituellen Verhaltens (in der Fastenzeit). Dieses Bild des Opfers ist dabei, zu verschwinden und durch eine Weltsicht ersetzt zu werden, die nur noch T\u00e4ter und Opfer kennt (im Sinne von &#8220;victim&#8221;). Deutlich wird das nicht nur in den Erz\u00e4hlungen der Alltagskultur, sondern auch im Sprachgebrauch von Jugendlichen, unter denen &#8220;du Opfer&#8221; als Beleidigung gilt.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8220;John Maynard war unser Steuermann,<\/em><\/p>\n<p><em> aus hielt er, bis er das Ufer gewann,<\/em><br \/><em> er hat uns gerettet, er tr\u00e4gt die Kron\u2018,<\/em><br \/><em> er starb f\u00fcr uns, unsre Liebe sein Lohn.<\/em><br \/><em> John Maynard&#8221;<\/em><br \/><em><strong>Theodor Fontane<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Jede Kultur kennt solche Heldengeschichten; auch das B\u00fcrgertum des 19. Jahrhunderts kannte sie noch, wie das Gedicht von Fontane belegt. Um sie zu finden, muss man nicht in die Geschichte der Kriege blicken und die Schlacht an den Thermopylen bem\u00fchen. Nat\u00fcrlich gibt es Missbrauch dieser Bilder und Mythen; aber sie sind grundlegend f\u00fcr jede menschliche Kultur, und das Verhalten, das sie als Ideal setzen, ist in verschiedensten Situationen tats\u00e4chlich eine Voraussetzung des \u00dcberlebens als Gruppe oder als Spezies.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Menschliche Kultur beruht auf Kooperation, und das Opfer ist nichts als die extreme Variante der Kooperation. Dass auf verschiedenste Weise Erz\u00e4hlungen von Opfern ins Ged\u00e4chtnis gerufen werden, ist zugleich eine Affirmation der Kooperation, des Grundsteins menschlicher Existenz.<\/p>\n<p>Es gibt eine <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.mpg.de\/4658054\/Kooperation_bei_Kleinkindern\">Versuchsreihe<\/a> der Max-Planck-Gesellschaft f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie aus dem Jahr 2012, die sehr interessant ist. Sie stellten Primaten und Kleinkindern eine Aufgabe, die sie gemeinsam l\u00f6sen mussten, und beobachteten das Verhalten beider im Umgang mit der Belohnung. Bei den Primaten klappte die Kooperation zur L\u00f6sung der Aufgabe, aber danach suchte jeder Affe, f\u00fcr sich den m\u00f6glichst gro\u00dfen Teil der Belohnung zu sichern. Bei den Kleinkindern fand im Alter zwischen zwei und drei Jahren ein Umbruch statt: Die Dreij\u00e4hrigen achteten darauf, die Belohnung zu teilen. Sie hatten eine Vorstellung von Gerechtigkeit, die ihr Handeln leitete.<\/p>\n<p>Dieser Unterschied im Verhalten hat weitreichende Folgen. Der Egoismus der Menschenaffen hat die Konsequenz, dass Kooperation nur kurzfristig m\u00f6glich ist, f\u00fcr ein einzelnes Problem. Sie k\u00f6nnen die Notwendigkeit zur Kooperation erkennen, aber sie k\u00f6nnen sie nicht aufrechterhalten. Die Menschenkinder behandeln Kooperation als eine grundlegende, dauerhafte Notwendigkeit; nur wenn das Ergebnis gerecht geteilt wird, werden die Beteiligten auch weiterhin zusammenwirken.<\/p>\n<p>Dieses Verhalten ist das Ergebnis der Tatsache, dass die Entwicklung menschlicher Kultur, ja, das \u00dcberleben der Spezies selbst nur durch dauerhafte Kooperation m\u00f6glich war und ist. Viele Z\u00fcge, die wir als charakteristisch f\u00fcr Menschen ansehen, finden sich auch bei unseren n\u00e4chsten Verwandten \u2013 sie f\u00fchren Kriege und stellen Werkzeuge her. Aber an diesem einen Punkt gibt es einen entscheidenden Unterschied, der es uns erm\u00f6glichte, \u00fcber Jahrtausende hinweg Wissen und Fertigkeiten anzusammeln und weiterzugeben, die F\u00e4higkeit zur Kooperation. Und es ist nicht unbedeutend, dass das Konzept der Gerechtigkeit und die Kooperation so eng miteinander verkn\u00fcpft sind \u2026<\/p>\n<p>Kultur entsteht, indem die Kooperation die Spanne des einzelnen menschlichen Lebens \u00fcberschreitet. Wenn das von Einzelnen erworbene Wissen zumindest in Teilen an die n\u00e4chste Generation weitergereicht wird und die Grundlage f\u00fcr deren Fortentwicklung bildet. Einstein hat einmal von sich gesagt, er sei ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen, und verwies damit auf Isaac Newton. Aber selbst Newton ist ein Zwerg, der auf den Schultern jenes unbekannten Riesen steht, der das Rad erfunden hat. Diese lange Kette des Teilens ist unsere St\u00e4rke, die uns bis in den Weltraum gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Diese Notwendigkeit der Kooperation kann auch in anderer Hinsicht die Spanne des einzelnen Lebens \u00fcberschreiten, wie in dem Gedicht Fontanes. Es gibt Situationen, in denen das Wohl der Gesamtheit (die manchmal die gesamte Menschheit umfassen kann) davon abh\u00e4ngt, dass Einzelne erkennen, dass ihr pers\u00f6nliches Wohl im Verh\u00e4ltnis unbedeutend ist. In der Ostergeschichte mag das fiktiv sein, aber genau an diesem Punkt sind in unserer westlichen, kapitalistischen Gesellschaft tiefe Risse zu sehen.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8220;Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er mu\u00df es so n\u00fctzen, dass ihn sp\u00e4ter sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unw\u00fcrdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedr\u00fcckt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt \u2013 dem Kampf f\u00fcr die Befreiung der Menschheit \u2013 geweiht.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Nikolai Ostrowski<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wenn man die beiden Gro\u00dfkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima vergleicht, gibt es einen entscheidenden Unterschied. In Tschernobyl wurde die Kettenreaktion gestoppt, in Fukushima sind ganze drei geschmolzene Kerne nach wie vor reaktiv.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Der technische Unterschied besteht darin, dass in Tschernobyl als Reaktion auf die Explosion des Reaktors per Hubschrauber tonnenweise Bor auf die gl\u00fchende Masse gekippt wurde. Das Bor bremst, wenn es mit der atomaren Lava verschmilzt, die Kettenreaktion, die ja nicht mehr von Wasser gebremst wird, und sorgt daf\u00fcr, dass die Lava abk\u00fchlt und aush\u00e4rtet. Nur deshalb war es in Tschernobyl m\u00f6glich, mittels des Betonsarkophags eine weitere Verbreitung radioaktiver Substanzen zu stoppen. Ein geschmolzener Kern, der weiter reaktiv ist, schmilzt sich immer weiter in den Boden (bekannt als &#8220;China Syndrome&#8221;) und kann \u00fcber das Grundwasser immer neue Spaltprodukte in der Umwelt verteilen. Das ist es, was in Fukushima bis heute passiert.<\/p>\n<p>Was in Fukushima h\u00e4tte geschehen m\u00fcssen, w\u00e4re ein Aufsprengen der innersten H\u00fclle gewesen und ein massiver Eintrag von Bor, wie in Tschernobyl.<\/p>\n<p>Die Hubschrauberpiloten von Tschernobyl haben ihren Einsatz allerdings mit dem Leben bezahlt, wie viele weitere, die die dortige Katastrophe einzud\u00e4mmen halfen. Ein Beispiel daf\u00fcr (und einen Anlass, ihres Opfers zu gedenken) liefert das folgende Video:<\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-youtube\">\n<div class=\"YouTubeEmbed lazyload\" data-rtmodule=\"YouTubeEmbed\" id=\"qzJNRgxkPVw\" onload=\"return {\n            covers: JSON.parse('\\u007B\\u0022small\\u0022\\u003A\\u0022https\\u003A\\\\\\\/\\\\\\\/i.ytimg.com\\\\\\\/vi\\\\\\\/qzJNRgxkPVw\\\\\\\/hqdefault.jpg\\u0022,\\u0022medium\\u0022\\u003A\\u0022https\\u003A\\\\\\\/\\\\\\\/i.ytimg.com\\\\\\\/vi\\\\\\\/qzJNRgxkPVw\\\\\\\/sddefault.jpg\\u0022,\\u0022large\\u0022\\u003A\\u0022https\\u003A\\\\\\\/\\\\\\\/i.ytimg.com\\\\\\\/vi\\\\\\\/qzJNRgxkPVw\\\\\\\/sddefault.jpg\\u0022\\u007D'),\n            iframeSrc: JSON.parse('\\u0022\\\\\\\/\\\\\\\/www.youtube.com\\\\\\\/embed\\\\\\\/qzJNRgxkPVw\\u0022'),\n            youtubeId: JSON.parse('\\u0022qzJNRgxkPVw\\u0022'),\n        };\"><\/p>\n<div class=\"YouTubeEmbed-cover\"><button class=\"YouTubeEmbed-button\"><svg class=\"YouTubeEmbed-playButton\" height=\"100%\" version=\"1.1\" viewbox=\"0 0 68 48\" width=\"100%\"><path class=\"YouTubeEmbed-playButtonBg\" d=\"M66.52,7.74c-0.78-2.93-2.49-5.41-5.42-6.19C55.79,.13,34,0,34,0S12.21,.13,6.9,1.55 C3.97,2.33,2.27,4.81,1.48,7.74C0.06,13.05,0,24,0,24s0.06,10.95,1.48,16.26c0.78,2.93,2.49,5.41,5.42,6.19 C12.21,47.87,34,48,34,48s21.79-0.13,27.1-1.55c2.93-0.78,4.64-3.26,5.42-6.19C67.94,34.95,68,24,68,24S67.94,13.05,66.52,7.74z\" fill=\"#212121\" fill-opacity=\"0.8\"><\/path><path d=\"M 45,24 27,14 27,34\" fill=\"#fff\"><\/path><\/svg><\/button><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Die Erz\u00e4hlung von Tschernobyl hier im Westen behauptete immer lautstark, all jene, die in der Sowjetunion die Katastrophe bek\u00e4mpfen halfen, h\u00e4tten nicht gewusst, in welche Gefahr sie sich beg\u00e4ben, und seien von ihrer skrupellosen Regierung geopfert worden. Sie waren also Opfer im Sinne des englischen &#8220;victim&#8221;, nicht Helden. Die naturwissenschaftliche Ausbildung war allerdings in der Sowjetunion weit besser als bei uns. Ich habe 1981 Abitur gemacht und nur deshalb genauere Kenntnisse \u00fcber Atomkraftwerke, weil ich Leistungskurs Chemie belegt hatte. Nicht nur Haupt- und Realsch\u00fcler, auch die meisten Gymnasiasten erfuhren schlicht nichts dar\u00fcber. In der DDR war dieses Thema Stoff der zehnten Klasse \u2026<\/p>\n<p>Die Geschichte ihres Einsatzes liest sich v\u00f6llig anders, wenn an die Stelle des unwillentlichen Opfers das willentliche tritt, so, wie das obige Video es erz\u00e4hlt. Nicht nur, weil sich dann tats\u00e4chlich die Frage stellt, ob man diesen Menschen nicht zu Dank verpflichtet w\u00e4re, auch hier, sondern auch, weil eine andere Frage aufgeworfen wird \u2013 ob sich denn in unserer Gesellschaft in ausreichender Zahl Menschen f\u00e4nden, die bereit w\u00e4ren, dieses Opfer zu bringen.<\/p>\n<p>Fukushima hat diese Frage beantwortet. Sie finden sich nicht.<\/p>\n<p>Es fand sich nicht einmal genug Mut in der damaligen japanischen Regierung, den Konzern Tepco sofort zu enteignen, um damit gegen eine nationale Katastrophe tats\u00e4chlich als Nation anzugehen und beispielsweise jene Piloten einzusetzen, die sich zumindest theoretisch dazu verpflichtet haben, zu einem solchen Opfer bereit zu sein, die Hubschrauberpiloten der Luftwaffe. Nein, die Regierung wollte m\u00f6glichst wenig mit der ganzen Sache zu tun haben, und f\u00fcr einen Konzern wird kaum jemand bereit sein, sein Leben zu opfern; diese Vorstellung ist absurd. Die Konsequenz ist, dass bis heute und auf unabsehbare Zeit in der Zukunft diese drei nach wie vor reaktiven geschmolzenen Kerne (die weiter ablaufende Kettenreaktion sorgt daf\u00fcr, dass die Kerne hei\u00df und fl\u00fcssig bleiben) radioaktives Material in den Pazifik absondern. Welche Konsequenzen das f\u00fcr die gesamte Menschheit haben wird, l\u00e4sst sich heute noch nicht absch\u00e4tzen \u2026<\/p>\n<p>Ja, das Risiko dieser spezifischen Form von Katastrophe ist menschengemacht. Aber jede menschliche Gesellschaft unterliegt einem Risiko von Katastrophen verschiedenster Art, und ob sie imstande ist, ihnen zu begegnen, entscheidet \u00fcber ihr physisches \u00dcberleben. An diesem Punkt besa\u00df die Sowjetunion eine St\u00e4rke, die unsere Gesellschaft nicht aufweist.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8220;There is no such thing as society.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Maggie Thatcher<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die menschliche Gesellschaft entwickelt sich hin zu immer h\u00f6heren Stufen der Kooperation, in immer gr\u00f6\u00dferen R\u00e4umen und Zusammenh\u00e4ngen. Die marxistische Geschichtsschreibung nennt das die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte. Heute hat die Kooperation ein unvorstellbares Ausma\u00df erreicht (wie z. B. in dem Dokumentarfilm <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LOXuc4-fVAM\">&#8220;Weltfabrik&#8221;<\/a> gezeigt wird), und steht kurz davor, mit dem, was &#8220;Industrie 4.0&#8221; genannt wird, den n\u00e4chsten gro\u00dfen Schritt zu tun. Aber diese Kooperation findet unbewusst statt, die beteiligten Produzenten wissen nicht, wie weit sie gespannt ist und mit wem sie zusammenarbeiten, sie tun es unfreiwillig. Das Alltagsbewusstsein, in dem die Konkurrenz eines jeden gegen jeden betont wird, entwickelt sich in die genau entgegengesetzte Richtung. Oder wird in die entgegengesetzte Richtung entwickelt.<strong><\/strong><\/p>\n<p>Da Kooperation so zentral f\u00fcr das \u00dcberleben unserer Art war und ist, hat sich das psychische System des Menschen entsprechend entwickelt. Gemeinsames Tun ist lustvoller als einsames, Anerkennung wird positiver erlebt als materielle Belohnung, und als sinnvoll erlebtes Handeln ist befriedigender als unsinniges. Der Krieg eines jeden gegen jeden ist eine best\u00e4ndige Verletzung dieser Struktur. Selbst zur Heranbildung eines Gef\u00fchls von &#8220;ich&#8221; brauchen wir das Gegen\u00fcber, die Gruppe; angeboten wird &#8220;Deutschland sucht das Supermodel&#8221; und der f\u00fcr die meisten unerf\u00fcllbare Traum vom unbegrenzten Konsum.<\/p>\n<p>Was zu Beginn der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft das Streben nach Gl\u00fcck (pursuit of happiness, eigentlich Gl\u00fcck im Sinne von anhaltender Zufriedenheit) war, ist jetzt das Streben nach Besitz, das wahre Ideal der momentanen Gesellschaft. Weil die Befriedigung der wahren Bed\u00fcrfnisse nicht m\u00f6glich oder nicht opportun ist (h\u00e4tten z. B. alle bezahlbare Wohnungen, w\u00e4ren sie weniger f\u00fcgsam), die Produktionsmaschinerie aber Absatz braucht, m\u00fcssen zahllose falsche Bed\u00fcrfnisse erfunden und eingeimpft werden, Bed\u00fcrfnisse nach bestimmten Marken und Objekten. Das Individuum, das sich vermeintlich unter diesen Bedingungen voll entfalten k\u00f6nnen soll, bleibt leer und desorientiert zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Seinen Anteil an der realen Kooperation soll es nicht wahrnehmen. Im Bereich des Wissens werden, je leichter technisch Kooperation und Teilen werden, k\u00fcnstliche neue H\u00fcrden errichtet, um es der Kontrolle von Konzernen zu unterwerfen. Was in Wirklichkeit nur ein Stein in einem Geb\u00e4ude ist, an dem Dutzende Generationen gearbeitet haben, wird so zum Privatbesitz Einzelner. Um solche Besitzanspr\u00fcche stellen zu k\u00f6nnen, ist es erforderlich, Kooperation, also den kollektiven Charakter menschlicher Arbeit, hinter einer Nebelwand verschwinden zu lassen.<\/p>\n<p>&#8220;So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht,&#8221; meinte Maggie Thatcher, die Prophetin des Neoliberalismus. F\u00fcr ihre damalige Gegenwart hatte sie Unrecht. Aber f\u00fcr unsere Gegenwart ist die Gefahr real \u2013 Menschen, denen die Kooperation aberzogen wird, sind irgendwann nicht mehr f\u00e4hig, zu kooperieren; dann verschwindet Gesellschaft tats\u00e4chlich. Dumm nur, dass unsere Art mit der Mentalit\u00e4t der Primaten nicht \u00fcberleben kann.<\/p>\n<p>Ich bilde mir das nur ein? Nein, unsere heutige Gesellschaft belohnt psychopathisches Verhalten, es ist der Karriere f\u00f6rderlich und die Voraussetzung f\u00fcr den Zugang zu den obersten Etagen. Eine neuere<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/news\/wirtschaftsstudenten-sind-narzisstisch-und-ruecksichtslos\/1455229\"> Studie <\/a>hat belegt, dass schon die Studienwahl so erfolgt, dass die Psychopathen da landen, wo die Macht liegt, an der Spitze der Konzerne, und die &#8220;Normalen&#8221; ihr Dasein in den schlechter bezahlten Stellungen fristen. Wenn Geld und Besitz das ultimative Ma\u00df des Erfolgs sind, ist es die antisoziale Pers\u00f6nlichkeit, die zum Ideal wird.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Gl\u00fccks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Gl\u00fccks: Die Forderung, die Illusionen \u00fcber seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.<\/em><br \/><em><strong>Karl Marx<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Entmenschlichung der heutigen Gesellschaft ist der Grund, warum die S\u00e4kularisierung, die sich hier vollzieht, mir zutiefst zuwider ist. Es ist nicht das in den Himmel gehobene menschliche Ideal, das auf Erden verwirklicht und dessen Projektion dadurch \u00fcberfl\u00fcssig wird. Es ist eine Gesellschaft des Anti-Ideals, die selbst die in den Himmel gehobene Projektion noch zerst\u00f6ren muss.<\/p>\n<p>Es gibt keine Idee einer besseren Zukunft mehr, und das Ziel menschlicher Entwicklung ist der psychopathische Egomane; ein Bild, das von der menschlichen Natur so weit entfernt ist, dass noch die Erinnerung an sie ausgel\u00f6scht werden muss. Was an ihre Stelle tritt, jenes Gebr\u00e4u aus Kapitalvergottung und Wertegeschwalle, ist derart substanzlos, dass die letzte Predigt des letzten Hinterw\u00e4ldlerpfaffen wie eine intellektuelle Offenbarung wirkt. Ein Surrogat eines Surrogats, die Umkehrung der zweiten Ableitung der geistlosen Verh\u00e4ltnisse, Ideologiesimulation auf der geistigen H\u00f6he eines Werbeclips, hinter der sich ungehemmte Knechtschaft und z\u00fcgelloser imperialistischer Machtwahn verbergen. Manchmal frage ich mich, wie Marx reagieren w\u00fcrde, s\u00e4he er den Zustand, in dem sich die kapitalistische Gesellschaft inzwischen befindet. Angewidert? Entsetzt? Er w\u00fcrde vermutlich sagen, dieser Grad der F\u00e4ulnis ist das Ergebnis, wenn der \u00dcbergang von einer Gesellschaftsformation in die n\u00e4chste zu lange hinausgez\u00f6gert wird, und er h\u00e4tte recht damit.<\/p>\n<p>Den Gl\u00e4ubigen des Mammon ist die Religion l\u00e4stig geworden; wenn sie sich nicht angemessen mitentleert, jeden sozialen Anspruch, jedes menschliche Ideal preisgibt, wie im Takfirismus oder den amerikanischen Fernsehkirchen, hindert sie nur bei der Formung des idealen Arbeitssklaven\/Konsumenten. F\u00fcr jede wirkliche Ver\u00e4nderung braucht es aber ein Gegenbild zum Bestehenden, die Vorstellung einer anderen Welt, eines anderen Lebens, all dessen, was unter &#8220;es gibt keine Alternative&#8221; beiseitegeschoben wird. Pl\u00f6tzlich stehen mir die Anh\u00e4nger des Christentums n\u00e4her als die Anh\u00e4nger des Kapitals; weil bei Letzteren schon die Vorstellung der Menschlichkeit Anathema ist, ein Abfall vom wahren Glauben. Gleichzeitig ben\u00f6tigt Widerstand die Idee des Opfers, um Kraft gewinnen zu k\u00f6nnen; all die hippen Internet-Proteste, die nicht mit der Vorstellung des konsumierenden Individualismus kollidieren, die kein Opfer verlangen, sind Luftnummern, Entertainment, blutleere Spiele, die Widerspruch auffangen und ihm zugleich die Z\u00e4hne ziehen. Wirkliche Ver\u00e4nderung braucht die Haltung Ostrowskis. Ausdauer, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, selbst das h\u00f6chste Opfer zu bringen.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Die Kritik hat die imagin\u00e4ren Blumen an der Kette zerpfl\u00fcckt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. (\u2026) Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das h\u00f6chste Wesen f\u00fcr den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist, Verh\u00e4ltnisse, die man nicht besser schildern kann als durch einen Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln.<\/em><br \/><em><strong>Karl Marx<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Mehr zum Thema\u00a0<\/strong>\u2013 <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/185008-beste-kindern-sowjetische-kunst-giganten-aufzog\/\">&#8220;Das Beste den Kindern!&#8221; Sowjetische Kunst, die Giganten aufzog<\/a><strong><\/strong><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v5teei5\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/242680-trostlose-kette\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den folgenden Text hatte ich 2017 geschrieben und auf meinem Blog ver\u00f6ffentlicht. Inzwischen wird versucht, das beschriebene Vakuum mit mehr Floskeln zu \u00fcbert\u00fcnchen, w\u00e4hrend das Fundament weiter zerbricht. Gedanken zu Ostern. Von Dagmar Henn Es war ein eigenartig leeres Ostern dieses Jahr. 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