{"id":38751,"date":"2023-06-23T10:48:20","date_gmt":"2023-06-23T08:48:20","guid":{"rendered":"https:\/\/just-now.news\/de\/deutschland\/russlands-neue-strategie-fuer-einen-langzeitkrieg\/"},"modified":"2023-06-23T10:48:20","modified_gmt":"2023-06-23T08:48:20","slug":"russlands-neue-strategie-fuer-einen-langzeitkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/russlands-neue-strategie-fuer-einen-langzeitkrieg\/","title":{"rendered":"Russlands neue Strategie f\u00fcr einen Langzeitkrieg"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2023\/06\/64954a4db480cc72406234a8.jpg\" \/><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_1 \">\n                Die Lage auf dem Kriegsschauplatz zeigt sich vorteilhaft f\u00fcr Moskau, doch eine Eskalation seitens des Westens k\u00f6nnte neue Probleme bereiten. Die Strategie Russlands besteht jetzt offenbar darin, einen Mittelweg zwischen zwei m\u00f6glichen Szenarien zu finden.\n            <\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_5 ArticleView-text ViewText-root \">\n<p><em>Von Dmitri Trenin<\/em><\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Wladimir Putin wurde vergangene Woche beim Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg erneut zur russischen Nuklearstrategie befragt, nachdem Moskau mit der Stationierung von Atomwaffen in Wei\u00dfrussland begonnen hat. Unterdessen hat in Russland eine \u00f6ffentliche\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/pressefreiheit.rtde.live\/meinung\/172928-atomaren-ziele-kremlberaters\/\">Debatte<\/a>\u00a0\u00fcber die M\u00f6glichkeit eines pr\u00e4ventiven\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/pressefreiheit.rtde.live\/meinung\/173200-russische-experten-ueber-aufruf-eines-ehemaligen-kreml-beraters-zum-praeventiven-atomschlag\/\">Atomwaffeneinsatzes<\/a>\u00a0gegen die NATO im Zusammenhang mit dem anhaltenden Stellvertreterkrieg in der Ukraine begonnen.<\/p>\n<p>Putins Antwort darauf brachte keine sonderlichen \u00dcberraschungen. Zusammengefasst lautete sie: Atomwaffen geh\u00f6ren nach wie vor in den Werkzeugkasten der russischen strategischen Doktrin, es existiert eine nukleare Doktrin, in der die Bedingungen f\u00fcr einen nuklearen Einsatz klar formuliert sind. Sollte die Existenz des russischen Staates gef\u00e4hrdet sein, werden Nuklearwaffen zum Einsatz kommen. Derzeit besteht jedoch keine Notwendigkeit, auf solche Instrumente zur\u00fcckzugreifen.<\/p>\n<p>Trotz aller Erwartungen in den USA und in Westeuropa, dass Russland in diesem Konflikt eine strategische Niederlage erleiden wird \u2013 was erkl\u00e4rtes Ziel von Washington ist \u2013 glaubt Putin nicht, dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln werden. Die lang erwartete und viel besungene ukrainische Gegenoffensive verl\u00e4uft stotternd und hat f\u00fcr Kiew bisher vor allem schwere Verluste zur Folge gehabt. Das russische Milit\u00e4r wiederum hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und widersteht den ukrainischen Angriffen standhaft.<\/p>\n<p>Westliche Lieferungen von Artilleriesystemen, Panzern und Raketen, von denen die Ukrainer hofften, dass sie die Wende im Kriegsverlauf bringen w\u00fcrden, zeigten keine entscheidende Wirkung auf das Geschehen im Kampfgebiet. Laut Putin ist es Russland gelungen, die eigene Waffen- und Munitionsproduktion fast zu verdreifachen, w\u00e4hrend sie weiterhin an Fahrt zunimmt. Gleichzeitig ist die einst m\u00e4chtige R\u00fcstungsindustrie der Ukraine nahezu zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nachdem die ersten Versuche Russlands und des Westens, im vergangenen Jahr einen schnellen Sieg zu erringen, gescheitert sind, haben sich beide Seiten mit der Strategie der Zerm\u00fcrbung zufriedengegeben. Die USA und ihre Verb\u00fcndeten setzten auf eine Versch\u00e4rfung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland, versuchten eine politische Isolation Moskaus herbeizuf\u00fchren und hofften, dass die Unzufriedenheit im Inland aufgrund zahlreicher t\u00e4glicher Entbehrungen und steigender Kriegsopfer zunimmt. Im Prinzip ist dies der offensichtliche strategische Ansatz in einem langen Krieg, in dem der Erfolg nicht so sehr auf dem Schlachtfeld, sondern durch die Untergrabung des Gegners in seinem eigenen r\u00fcckw\u00e4rtigen Raum erzielt wird.<\/p>\n<p>Das Problem f\u00fcr den Westen ist, dass diese Strategie nicht funktioniert. Russland hat nicht nur Wege gefunden, die Wirkung westlicher Sanktionen abzufedern, sondern hat sie auch genutzt, um die heimische Produktion wiederzubeleben und anzukurbeln. Tats\u00e4chlich haben die Sanktionen das bewirkt, was viele f\u00fcr unm\u00f6glich hielten: Sie haben die Wirtschaft des Landes aus dem ausgetretenen Pfad der Abh\u00e4ngigkeit von \u00d6l- und Gasexport herausgeholt. Die Russen lernen erneut selbst das zu produzieren, was sie fr\u00fcher auch schon produzieren konnten, sich aber nicht mehr darum k\u00fcmmern wollten: Passagierflugzeuge, Z\u00fcge, Schiffe und dergleichen, ganz zu schweigen von Bekleidung oder M\u00f6bel. Die russische Regierung hat sich sogar noch h\u00f6here Ziele gesetzt, n\u00e4mlich die Wiedererlangung des Niveaus der technologischen Souver\u00e4nit\u00e4t, die nach dem Untergang der Sowjetunion aufgegeben wurde.<\/p>\n<p>Die politische Isolation vom Westen hat Moskau von seiner traditionellen Fixierung auf Westeuropa und Nordamerika befreit und es dazu gedr\u00e4ngt, die weite Welt der dynamischen, nicht westlichen Nationen zu entdecken. Dabei handelt es sich nicht nur um China und Indien und den Rest der BRICS-Staaten, sondern auch um die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, den Iran und die T\u00fcrkei. Letztes Wochenende teilte Putin in Sankt Petersburg das Podium mit dem Pr\u00e4sidenten Algeriens und empfing eine Friedensmission von sechs afrikanischen Staats- und Regierungschefs. N\u00e4chsten Monat ist er Gastgeber eines zweiten Russland-Afrika-Gipfels. Seit Jahresbeginn unternahm Au\u00dfenminister Sergei Lawrow drei Reisen auf den afrikanischen Kontinent und besuchte dort insgesamt ein Dutzend L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Im Vorfeld der Pr\u00e4sidentschaftswahlen im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr herrscht in Russland insgesamt Ruhe. Putin hat seine Kandidatur noch nicht bekannt gegeben, aber er sieht so entspannt aus wie eh und je, wenn es darum geht, Krieg und Frieden gleichzeitig zu bew\u00e4ltigen. Putin hat die Option abgelehnt, das Land durch wirtschaftliche Mobilisierung und Autarkie, durch eine milit\u00e4rische Generalmobilmachung und einem Kriegsrecht in einen Kriegszustand zu versetzen oder Wahlen auszusetzen und in einer modernen Version von Stalins Staatlichem Verteidigungskomitee zu regieren. Stattdessen hat er dem ganzen Land sorgf\u00e4ltig das Bild von Ruhe und Normalit\u00e4t vermittelt und gleichzeitig die Bev\u00f6lkerung mit den Realit\u00e4ten eines Krieges jenseits der russischen Grenze konfrontiert.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung hat sich weitgehend an diese gespaltene Realit\u00e4t angepasst. Meinungsumfragen zufolge glauben mittlerweile immer mehr B\u00fcrger Russlands, dass Russland diesen Krieg gewinnen wird. Die \u00c4ngste vor einer breiteren Mobilisierung sind verflogen, und einige derjenigen, die letztes Jahr eilig das Land verlassen haben, kehren wieder zur\u00fcck. Die Gr\u00e4ben und Zerw\u00fcrfnisse, die viele Beobachter noch in j\u00fcngster Zeit im Putin-Lager zu sehen glaubten, etwa zwischen dem Verteidigungsministerium und dem privaten Milit\u00e4runternehmen PMC Wagner, wurden offenbar auf Befehl des Pr\u00e4sidenten geschlossen und \u00fcberwunden. Die liberale Opposition kann nur vom Ausland aus operieren, was dem Argument des Kremls mehr Glaubw\u00fcrdigkeit verleiht, dass sie mit ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten unter einer Decke stecken, die jene Waffen liefern, mit denen russische Soldaten get\u00f6tet werden.<\/p>\n<p>Spektakul\u00e4re Provokationen seitens der Ukrainer \u2013 etwa die \u00dcberf\u00e4lle auf die russische Region Belgorod, der Beschuss von Grenzst\u00e4dten und -d\u00f6rfern, der Einsatz von Drohnen \u00fcber Moskau und anderen St\u00e4dten im Landesinneren sowie Attentate auf prominente russische Pers\u00f6nlichkeiten \u2013 werfen zwar Fragen zu den L\u00f6chern im russischen inneren Sicherheitssystem auf, haben aber insgesamt gleichzeitig die Argumente des Kremls gest\u00e4rkt, dass das derzeitige Regime in Kiew nicht toleriert werden kann.<\/p>\n<p>Moskaus aufkommende Strategie f\u00fcr einen Langzeitkrieg zielt darauf ab, die St\u00e4rken Russlands zu nutzen und gleichzeitig die Schwachstellen der Ukraine und die Einschr\u00e4nkungen des Westens auszunutzen. Der Kreml scheint zuversichtlich, dass er seine Kriegsindustrie ankurbeln und trotzdem sowohl f\u00fcr Waffen als auch f\u00fcr Brot und Butter sorgen kann, zus\u00e4tzliche Vertragssoldaten rekrutieren und die Vorteile bei der Luftwaffe und der Artillerie voll einsetzen und gleichzeitig die L\u00fccken bei den Drohnen und den Kommunikationssystemen schlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Der Kreml geht au\u00dferdem davon aus, dass durch die weitaus h\u00f6here Verlustrate der Ukraine und die sich bald zeigende Ern\u00fcchterung \u00fcber die fehlende F\u00e4higkeit zum Gegenangriff \u2013 trotz aller Unterst\u00fctzung aus dem Westen \u2013\u00a0das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in die derzeitige F\u00fchrung in Kiew untergraben wird, insbesondere in Pr\u00e4sident Wladimir Selenskij. Der erbitterte Krieg lastet auf der Ukraine viel schwerer als auf Russland.<\/p>\n<p>Was den Westen betrifft, so wiederholt er das Mantra, die Ukraine zu unterst\u00fctzen, so lange wie es notwendig ist. Die russische Strategie geht davon aus, dass ein Zusammenbruch der Ukraine nicht l\u00e4nger als notwendig erachtet wird. Abgesehen davon glauben die Russen, dass es zwei Dinge gibt, vor denen sich die US-Amerikaner und vor allem die Westeurop\u00e4er wirklich f\u00fcrchten.\u00a0<\/p>\n<p>Das Erste ist ein direkter Zusammensto\u00df mit der russischen Armee, der den Ukraine-Konflikt in einen ausgewachsenen Krieg zwischen Russland und der NATO verwandeln w\u00fcrde. Angesichts der Machtunterschiede ist es unwahrscheinlich, dass ein solcher Krieg lange konventionell bleiben wird, weshalb der Kreml in diesem Fall zur nuklearen Option greifen wird, so wie es seine Doktrin vorsieht. Das Zweite ist die M\u00f6glichkeit eines europ\u00e4ischen Krieges, der einen nuklearen Schlagabtausch zwischen Russland und den USA provozieren k\u00f6nnte, was wiederum den Planeten zerst\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Eine wirksame Abschreckung verbindet in der Regel Gewissheiten mit Unsicherheiten. Die Gewissheit, dass ein Gegner in der Lage ist, eine inakzeptable Bedrohung darzustellen, und die Ungewissheit dar\u00fcber, welche genauen Ma\u00dfnahmen er ergreifen w\u00fcrde, wenn er provoziert wird.<\/p>\n<p>Die Strategie der USA gegen\u00fcber Russland in der Ukraine besteht darin, die Grenzen immer weiter auszureizen, indem sie ihre milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine Schritt f\u00fcr Schritt ausweiten und so jedes Mal die Reaktion Russlands auf jede neue Eskalationsstufe pr\u00fcfen. Bisher scheint es f\u00fcr Washington so gut zu laufen. Ab einem bestimmten Punkt k\u00f6nnte eine solche Praxis diese kalkulierte Strategie jedoch in russisches Roulette verwandeln. Die geplante Ankunft der F-16 und die m\u00f6gliche Lieferung von Raketen mit gr\u00f6\u00dferer Reichweite w\u00fcrden die Situation diesem Punkt n\u00e4her bringen. Daher best\u00e4tigt Putin, dass die nukleare Option zum jetzigen Zeitpunkt zwar unn\u00f6tig, aber nicht vom Tisch ist. Tats\u00e4chlich w\u00fcrde wahrscheinlich keine Atommacht zustimmen, von einer anderen besiegt zu werden, ohne die ultimative Option auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Aber kehren wir von den Szenarien des Weltuntergangs zur\u00fcck an die derzeitige Situation. Die Strategie des Kremls besteht offenbar darin, einen Mittelweg zwischen denen zu finden, die den Konflikt einfrieren und die Errungenschaften vor Ort festschreiben m\u00f6chten, und denen, die eine Eskalation zum Nuklearen als Weg zum Sieg vorschlagen. Im Gegensatz zu den beiden Ans\u00e4tzen, die ein fr\u00fches Ergebnis anstreben, ist der tats\u00e4chliche Kurs, den man mit blo\u00dfem Auge beobachten kann \u2013 und wer wei\u00df, was dem Auge verborgen bleibt \u2013, der eines langwierigen, zerm\u00fcrbenden Engagements, das aufgrund der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse, der Ressourcen, der Widerstandsf\u00e4higkeit und Opferbereitschaft letztlich zum Sieg Russlands f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Wie alle Strategien, die auf Durchhalteverm\u00f6gen basieren, wird diese jetzt sowohl an der Heimatfront als auch an der vordersten Front hart auf die Probe gestellt.<\/p>\n<p><em>Aus dem\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.rt.com\/russia\/578287-dmitry-trenin-putin-speif\/\">Englischen<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Dmitri Trenin ist Professor an der Hochschule f\u00fcr Wirtschaft und Senior im Kollegium f\u00fcr Forschung am Institut f\u00fcr globale \u00d6konomie und internationale Beziehungen. Er ist zudem Mitglied des russischen Rates f\u00fcr internationale Beziehungen<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema &#8211;<\/strong>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freeassange.rtde.life\/europa\/173358-putin-ukrainische-verluste-zeigen-entscheidung\/\">Putin: Ukrainische Verluste zeigen die Entscheidung des Westens, bis zum letzten Ukrainer zu k\u00e4mpfen<\/a><\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/russland\/173390-russlands-neue-strategie-fuer-langzeitkrieg\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lage auf dem Kriegsschauplatz zeigt sich vorteilhaft f\u00fcr Moskau, doch eine Eskalation seitens des Westens k\u00f6nnte neue Probleme bereiten. Die Strategie Russlands besteht jetzt offenbar darin, einen Mittelweg zwischen zwei m\u00f6glichen Szenarien zu finden. 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