{"id":31651,"date":"2023-03-06T13:08:26","date_gmt":"2023-03-06T11:08:26","guid":{"rendered":"http:\/\/just-now.news\/de\/deutschland\/warum-die-bolschewiki-den-demuetigenden-friedensvertrag-von-brest-litowsk-eingingen\/"},"modified":"2023-03-06T13:08:26","modified_gmt":"2023-03-06T11:08:26","slug":"warum-die-bolschewiki-den-demuetigenden-friedensvertrag-von-brest-litowsk-eingingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/warum-die-bolschewiki-den-demuetigenden-friedensvertrag-von-brest-litowsk-eingingen\/","title":{"rendered":"Warum die Bolschewiki den dem\u00fctigenden Friedensvertrag von Brest-Litowsk eingingen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2023\/03\/64047fcb48fbef3e4e5b6f45.jpg\" \/><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_1 \">\n                Der Frieden von Brest war ein zutiefst erzwungener, dem\u00fctigender, aber auch notwendiger Vertrag. Ein Verzicht auf diesen Vertrag h\u00e4tte Russlands desolate Lage gegen Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur weiter verschlimmert, sondern auch das Ende der Eigenst\u00e4ndigkeit des russischen Staates zur Folge gehabt.\n            <\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_5 ArticleView-text ViewText-root \">\n<p><em>Von Timur Schersad<\/em><\/p>\n<p>Zur Jahreswende 1917\/1918 wollten fast alle in Europa Frieden. Unterschiedlich waren jedoch die Bedingungen, zu denen die Kriegsparteien bereit waren, zuzustimmen, und darin lag der Hauptgrund, weshalb der Krieg noch weiter andauerte.<\/p>\n<p>England und Frankreich waren von ihrer materiellen \u00dcberlegenheit \u00fcberzeugt und daher bereit, trotz Ersch\u00f6pfung und sogar Aufst\u00e4nden in den Truppen bis zum bitteren Ende zu k\u00e4mpfen. Deutschland, dessen Lage an der Front relativ g\u00fcnstig war, versp\u00fcrte bereits die Auswirkungen der Seeblockade, durchgesetzt von der Entente, und spielte weiterhin den Tapferen, tendierte aber in Wirklichkeit zu einem Frieden zu einigerma\u00dfen guten Bedingungen f\u00fcr sich selbst. Und M\u00e4chte wie Russland, \u00d6sterreich-Ungarn, Italien und die T\u00fcrkei waren so ersch\u00f6pft, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes am Ende ihrer Kr\u00e4fte waren. Sie waren sogar zu einem separaten und nicht gerade schmeichelhaften Frieden bereit.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber gab es in Petrograd bereits Ende 1916 erste ernsthafte Gespr\u00e4che\u00a0\u2012 diese wurden aber von der obersten Gewalt abgelehnt. Die Folgen des Februarputsches von 1917 schw\u00e4chten die Kampfkraft von Armee und Marine erheblich. Und kurz vor der gewaltsamen Macht\u00fcbernahme durch die kommunistischen Bolschewiki im Oktober war die Lage noch bedr\u00fcckender. Aus zahlreichen Gr\u00fcnden, unter anderem aus logistischen, war das Land nicht mehr in der Lage, die Front nicht nur mit Geschossen, sondern sogar mit Lebensmitteln in der erforderlichen Menge zu versorgen.<\/p>\n<p>Das Milit\u00e4r forderte Nachschub und sah die einzige Alternative in einer radikalen Reduzierung der Streitkr\u00e4fte an der Front. Da die Sommeroffensive von 1917, bei der alle noch verbliebenen Kr\u00e4fte eingesetzt wurden, gescheitert war, kam eine weitere nicht in Frage. F\u00fcr Russland war jedoch Ende 1917 und Anfang 1918 selbst das blo\u00dfe Aufrechterhalten der Front ein ernstes Problem. Die Deutschen nutzten den Vorteil nicht und zogen es vor, ihre Truppen an die Westfront zu verlegen, doch fr\u00fcher oder sp\u00e4ter h\u00e4tten sie zugeschlagen\u00a0\u2012 und dann w\u00e4re der gro\u00dfe R\u00fcckzug von 1915 als kleiner operativer R\u00fcckschlag erschienen.<\/p>\n<p>Der Abschluss des Friedens lag sowohl im Interesse Russlands als auch Deutschlands. Russland bekam die Gelegenheit, seine Wunden zu heilen, und eine gewisse Chance, dies ohne weitere innere Unruhen zu tun. Und Deutschland konnte seine Truppen an die Westfront verlegen, um den Versuch zu unternehmen, seine Feinde zu besiegen, bevor die amerikanischen Hauptstreitkr\u00e4fte nach Europa verlegt wurden, die das ausgeschiedene Russland ersetzen sollten.<\/p>\n<p>Diesem, so k\u00f6nnte es scheinen, kam die Politik der Bolschewiki zugute, welche die Macht ergriffen\u00a0\u2012 Lenins Partei gelang der Coup d&#8217;\u00c9tat unter Friedensparolen. Dahinter steckten allerdings eher marxistische als nationale \u00dcberlegungen. Denn Frieden wollten die Bolschewiki nicht so sehr f\u00fcr Russland als vielmehr f\u00fcr die Verwirklichung ihrer Vorstellungen von einer Weltrevolution. Europa war von einem Krieg zerm\u00fcrbt, den es nie zuvor gekannt hatte, und ein Frieden unter der ultralinken Devise &#8220;ohne Annexionen und Kontributionen&#8221; h\u00e4tte die Gesellschaften der westlichen L\u00e4nder schwer ersch\u00fcttern k\u00f6nnen. Kriegsm\u00fcde Nationen h\u00e4tten gesehen, wie gut die ultralinken Ideen ihre Probleme l\u00f6sen k\u00f6nnen, und w\u00fcrden ihre eigenen Regierungen st\u00fcrzen, um die Erfahrungen des hypothetischen russisch-deutschen Beispiels nachzumachen.<\/p>\n<p>Um dieses Kalk\u00fcl jedoch in die Tat umzusetzen, musste zun\u00e4chst eine Einigung mit der kaiserlichen Elite erzielt werden. Die Deutschen waren den Verhandlungen keineswegs abgeneigt, allerdings zu ihren eigenen Bedingungen und nicht zu denen der Bolschewiki. Die entsprechenden Gespr\u00e4che begannen im Dezember 1917 in Brest-Litowsk, fast unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Bolschewiki. Deutschlands Appetit wurde durch die Tatsache angeregt, dass es seinen Truppen gelungen war, betr\u00e4chtlich in russische\u00a0Territorien\u00a0vorzudringen. Die Deutschen eroberten Riga und standen in der N\u00e4he von Minsk. Und nat\u00fcrlich hegten sie keine Absichten, sich zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig waren sie auf russisches Brot dringend angewiesen, um die Nahrungsmittelblockade auszugleichen. Sie waren bereit zu verhandeln. Die Bolschewiki versuchten, diesen Trumpf auszuspielen, indem sie mit den Deutschen Verhandlungen zum Frieden &#8220;ohne Annexionen und Kontributionen&#8221; f\u00fchrten. Anfangs versuchten sie, einen sechsmonatigen Waffenstillstand auszuhandeln. Man glaubte, dass in Europa eine revolution\u00e4re Stimmung heranreife und man nur etwas Zeit gewinnen m\u00fcsse, dann w\u00fcrde alles zusammenbrechen und sowjetisch werden. Diese Strategie ging allerdings nach hinten los: Anfang 1918 griff eine weitere Partei, die Delegation der ukrainischen Rada, in den Verhandlungsprozess ein. Die Macht der Rada selbst war nicht besonders stark vor Ort. Die Beteiligung an internationalen Verhandlungen als eigenst\u00e4ndiger Staat\u00a0\u2012 zu diesem Zweck erkl\u00e4rten die Ukrainer ihre Unabh\u00e4ngigkeit\u00a0\u2012 h\u00e4tte sie st\u00e4rken k\u00f6nnen. Zumindest theoretisch. Jedenfalls waren die Deutschen dar\u00fcber begeistert, dass eine neue politische Kraft aufgetaucht war.<\/p>\n<p>Im deutschen Generalstab sch\u00e4tzte man damals den Zustand der russischen Truppen nicht besonders hoch ein und glaubte, dass sie den Feind an der Ostfront jederzeit besiegen w\u00fcrden, wenn es n\u00f6tig w\u00e4re. Das Auftauchen der Ukrainer, die bereit waren, ihre Produkte unter jedem noch so h\u00f6rigen Vertrag zu liefern, beraubte die Bolschewiki ihrer letzten ernsthaften Trumpfkarte.<\/p>\n<p>Allerdings war das Vorhaben des roten Petrograds ein anderes. Die Bolschewiki dachten in weltpolitischen und revolution\u00e4ren Dimensionen. So zogen sie die Verhandlungen in die L\u00e4nge und wiesen die deutschen Bedingungen zur\u00fcck. Zugleich wurde eine verst\u00e4rkte Propaganda betrieben, die an die deutschen Soldaten vor Ort appellierte. Die bolschewistische Delegation nutzte jede Gelegenheit, um Deutschland von innen heraus in Brand zu setzen. Die Deutschen aber erkannten, dass man sie an der Nase herumf\u00fchrte, weshalb sie kurz davor waren, das Schachbrett auf den Kopf zu stellen.<\/p>\n<p>Dennoch unterzeichnete die Rada am 13. Februar 1918 ihren Separatfrieden mit Deutschland, wodurch den Deutschen endg\u00fcltig die H\u00e4nde frei wurden. Sie stellten Petrograd ein Ultimatum: Entweder werde der gew\u00fcnschte Frieden unterzeichnet, wobei der Anspruch auf Polen und das Baltikum entf\u00e4llt, oder die Kanonen beginnen zu sprechen. Die Bolschewiki debattierten lange\u00a0\u2012 und entschieden sich f\u00fcr den Weg &#8220;kein Frieden, kein Krieg&#8221;. Russland w\u00fcrde die ohnehin schon zerfledderte und unbrauchbare Armee demobilisieren, aber keine territorialen Verluste anerkennen. Es wurde angenommen, dass ein Angriff auf das demonstrativ abger\u00fcstete Land dem deutschen Proletariat Auftrieb geben und die Revolution n\u00e4her bringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Diese Annahmen gingen nach hinten los\u00a0\u2012 die Deutschen begannen am 18. Februar eine Offensive entlang der gesamten Front. Dabei war der Vormarsch schnell\u00a0\u2012 zu einer gewaltigen Revolution, die Deutschland zu Fall bringen und in ein Sowjetland verwandeln sollte, kam es jedoch nicht. Den kaiserlichen Truppen wurde praktisch kein organisierter Widerstand entgegengesetzt. In den Reihen der bolschewistischen Partei selbst gab es rege Diskussionen dar\u00fcber, ob man den deutschen Friedensbedingungen zustimmen oder bis zum Ende f\u00fcr die urspr\u00fcngliche Idee &#8220;keine Annexionen und Kontributionen&#8221; k\u00e4mpfen sollte. Lenin war \u00fcbrigens ein Bef\u00fcrworter eines Friedensschlusses zu jeden Bedingungen. Er war der Meinung, dass die bestehende Armee aufzul\u00f6sen sei und man eine neue, revolution\u00e4re, disziplinierte\u00a0\u2012 also die zuk\u00fcnftige Rote Armee \u2012 schaffen m\u00fcsse. Und solange habe man sich nirgends einzumischen. Ihm gelang es aber nicht, die Mehrheit des Zentralkomitees zu gewinnen.<\/p>\n<p>Die deutsche Offensive \u00e4nderte alles. Die deutschen Stellungen bei Narwa, Minsk und Schitomir und der rasche R\u00fcckzug der alten Armee machte eine andere Einsch\u00e4tzung der Lage erforderlich. Am 23. Februar schwankte das Zentralkomitee\u00a0\u2012 Lenins Gegner, darunter Trotzki (Lew\u00a0Bronstein), enthielten sich bei der Abstimmung \u00fcber das deutsche Ultimatum. Infolgedessen erkl\u00e4rte sich das Sowjetrussland bereit, Frieden zu schlie\u00dfen. Die Bedingungen waren hart\u00a0\u2012 Russland verlor vier Prozent seines Territoriums und 26 Prozent seiner Bev\u00f6lkerung. Dabei ging es um die\u00a0am besten\u00a0erschlossenen Territorien, also\u00a0um diejenigen Gouvernements, die reich an Industrie und Eisenbahnlinien waren, und nicht um die sibirische Taiga. Russland verlor die Kontrolle \u00fcber die baltischen Staaten, die Ukraine, Polen und Finnland. Au\u00dferdem musste Russland seine Truppen nicht nur aus dem Teil des Osmanischen Reiches abziehen, der im Ersten Weltkrieg besetzt worden war, sondern auch die St\u00e4dte an die T\u00fcrken abtreten, die es w\u00e4hrend des Russisch-T\u00fcrkischen Krieges erworben hatte.<\/p>\n<p>Die Rede war von etwa 26 Prozent des europ\u00e4ischen Teils Russlands, etwa\u00a040 Prozent\u00a0der gesamten Getreideernte, etwa ein Drittel der Industrie und 56 Millionen Menschen. Ein Teil dieser Gebiete musste im Nachhinein erneut &#8220;zur\u00fcckerobert&#8221; werden, ein anderer Teil ging \u00fcberhaupt f\u00fcr immer verloren.<\/p>\n<p>Die Nichtannahme der Bedingungen des Friedensvertrags von Brest h\u00e4tte jedoch durchaus das Ende der Eigenst\u00e4ndigkeit des russischen Staates zur Folge gehabt. H\u00e4tten die Deutschen Petrograd erreichen wollen, so h\u00e4tten sie dies getan. Dadurch h\u00e4tte sich das Chaos unweigerlich vergr\u00f6\u00dfert, und in der Folge w\u00e4ren weitere Gebiete von Russland abgefallen. Der Frieden von Brest war ein zutiefst erzwungener, dem\u00fctigender, aber auch notwendiger Vertrag. Ohne diesen Vertrag h\u00e4tten sich die Umst\u00e4nde im Jahr 1918 zum Schlechten gewandt. So konnte sich das Land von seinen Niederlagen erholen und sp\u00e4ter revanchieren.<em><\/em><\/p>\n<p><em>Zuerst erschienen bei Wsgljad. \u00dcbersetzt aus dem <\/em><a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/vz.ru\/opinions\/2023\/3\/3\/1144628.html\"><em>Russischen<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> &#8211; <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/gegenzensur.rtde.life\/meinung\/158942-foerderung-nationalen-identitaeten-in-udssr\/\">Die F\u00f6rderung der nationalen Identit\u00e4ten in der UdSSR hat sie von Anfang an dem Untergang geweiht<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-odysee\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/odysee.com\/%24\/embed\/%40RTDE%3Ae%2Frt-doku-warum-die-sowjetunion-zerfallen%3Ad\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/europa\/164553-brest-litowsk\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Frieden von Brest war ein zutiefst erzwungener, dem\u00fctigender, aber auch notwendiger Vertrag. 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