{"id":14171,"date":"2022-07-18T07:52:58","date_gmt":"2022-07-18T05:52:58","guid":{"rendered":"http:\/\/just-now.news\/de\/deutschland\/chaos-an-den-europaeischen-grenzen-von-leipzig-nach-moskau-im-auto-teil-1\/"},"modified":"2022-07-18T07:52:58","modified_gmt":"2022-07-18T05:52:58","slug":"chaos-an-den-europaeischen-grenzen-von-leipzig-nach-moskau-im-auto-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/chaos-an-den-europaeischen-grenzen-von-leipzig-nach-moskau-im-auto-teil-1\/","title":{"rendered":"Chaos an den europ\u00e4ischen Grenzen: Von Leipzig nach Moskau im Auto \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"Text-root Text-type_1 \">\n                Seit die Sanktionen Russland auf der Schiene und in der Luft von Deutschland abgeschnitten haben, bleibt nur die Wahl zwischen einem langen, teuren Flug und einer Fahrt im eigenen PKW. Ein Reisebericht eines RT DE-Redakteurs, der sich f\u00fcr den Roadtrip entschieden hat.\n            <\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_5 ArticleView-text ViewText-root \">\n<p><em>Von Anton Gentzen<\/em><\/p>\n<p>Als Redakteur von <em>RT DE<\/em> will man sich auch mal die Moskauer Zentrale anschauen. Au\u00dferdem steht das verlockende Angebot, von Moskau aus zu arbeiten, in der Redaktion des russischen Auslandssenders. Eine Kollegin, die schon dorthin gezogen ist, macht Druck: Die Schutzhaft f\u00fcr unsereins werde in Deutschland nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ob sie es ernst meint, wei\u00df ich nicht \u2013 das Lachen bleibt jedenfalls im Halse stecken.<\/p>\n<p>So vergiftet war die Stimmung in Deutschland zu meinen Lebzeiten noch nie. Die russophobe Hetze in den Medien zu hysterisch, zu aggressiv, um abzuwinken. Ich habe seit mehreren Jahren das Gef\u00fchl, einen anschaulichen Geschichtsunterricht zu erleben. Fragen an die deutsche Geschichte habe ich nunmehr keine mehr.\u00a0<\/p>\n<p>Also auswandern. Oder zumindest erstmal hin und alles vorbereiten f\u00fcr die Auswanderung. Aber wie? Zeitlebens nutzte ich f\u00fcr Reisen nach Russland die gem\u00fctlichen Z\u00fcge der Sowjetischen, sp\u00e4ter der Russischen Eisenbahn. Wenn es eilig war oder der Kalender dicht, flog ich \u2013 dies eher widerwillig. Seit Februar haben europ\u00e4ische Politiker beide Wege blockiert: Pr\u00e4zedenzlos in der neueren Geschichte gibt es keine Direktfl\u00fcge in das gr\u00f6\u00dfte Land Europas mehr. Jahrzehntealte Konventionen \u00fcber den freien Eisenbahnverkehr wurden ausgerechnet von Politikern, die sich liberal nennen, in der Luft zerrissen.\u00a0<\/p>\n<p>Fliegen kann man noch auf dem Umweg \u00fcber die T\u00fcrkei, die damit derzeit unverhoffte Gesch\u00e4fte macht. Nachteil: teuer, mit einem langen Zwischenstopp verbunden und nichts f\u00fcr meine Flugangst.\u00a0<\/p>\n<p>Bleibt das eigene Auto. Warum eigentlich nicht? Vor drei Jahren habe ich eine l\u00e4ngere Autotour durch Russland gemacht und dabei alle \u00c4ngste und Vorurteile abgelegt. Solange Polen einen noch durchl\u00e4sst, ist so ein Roadtrip derzeit meine bevorzugte Wahl.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong>Freitag, 13:48 Uhr: Auffahrt Leipzig-Messe<\/strong><\/p>\n<p>Eine SMS, die mich in H\u00f6he des Leipziger Messegel\u00e4ndes erreichte, hat den genauen Zeitpunkt des Aufbruchs aus der fremd gewordenen Heimatstadt festgehalten. Als w\u00fcrde sie mich nicht gehen lassen wollen, legt sie mir Hindernisse in den Weg. Die \u00dcberfahrt zur A9 ist in Richtung Berlin gesperrt, es geht zun\u00e4chst nur Richtung M\u00fcnchen. Im Stau bis zur n\u00e4chsten Abfahrt verliere ich eine geschlagene halbe Stunde. Noch einmal eine halbe Stunde geht f\u00fcr einen Stau bei Dessau drauf.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Freitag nachmittags loszufahren, war keine gute Idee: Kurz vor der Abfahrt M\u00fcllrose beginnt noch einmal ein Stau, der sich bis zur Grenze hinzieht. Warum auch immer. 15 Kilometer geht es bestenfalls im Schritttempo voran. Rechts eine endlose Schlange haupts\u00e4chlich polnischer und litauischer LKWs, links Karossen und Kleinbusse mit Berufspendlern und Urlaubern. Ferienbeginn in Berlin.\u00a0<\/p>\n<p>War es sinnvoll, entnervt in Frankfurt-West abzufahren? Wahrscheinlich nicht. Durch die Stadt selbst zieht sich eine nicht weniger beeindruckende Blechlawine in Richtung Oderbr\u00fccke. Dann lieber Pause. Aus 20 Minuten werden beim \u00f6rtlichen Italiener 80.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Freitag, 19:10 Uhr: S\u0142ubice, polnische Seite der Oder<\/strong><\/p>\n<p>Noch auf der Oderbr\u00fccke l\u00f6st sich der Stau wie von Geisterhand im Nichts auf und wird mir, so viel sei gespoilert, bis zur Moskauer Vorstadt Odinzowo nicht mehr begegnen. Es sei denn, man m\u00f6chte das Chaos an der polnisch-wei\u00dfrussischen Grenze als Stau bezeichnen. Doch dazu sp\u00e4ter mehr. Um die polnische Autobahn gn\u00e4dig zu stimmen, wird jetzt die polnische Nationalhymne angestimmt. Es wirkt: Von den erlaubten 140 km\/h muss nur an den Geb\u00fchrenzahlstellen abgebremst werden. Im Jahr 2004 bin ich unversehens in die Er\u00f6ffnung eines der ersten Teilst\u00fccke dieser wichtigsten Autobahn des Landes hineingeraten. Seitdem die A2 komplett ist,\u00a0erweist sich die Fahrt nach Warschau nicht mehr als be\u00e4ngstigende Qu\u00e4lerei auf einer viel zu schmalen Landstra\u00dfe. Daf\u00fcr zahle ich gern Maut.<\/p>\n<p>In der \u00fcbern\u00e4chsten Wojewodschaft wartet dann eine Falle auf den ortsunkundigen Touristen: Zun\u00e4chst sieht alles nach einer ganz normalen Zahlstelle aus \u2013 die erlaubte Geschwindigkeit wird wie immer vor einer Zahlstelle auf 100, dann 70, dann 50 abgesenkt. Anders als sonst sind aber die meisten der Fahrspuren, die zu den Zahlkabinen f\u00fchren, durch Betonbl\u00f6cke abgesperrt. Offen sind nur die beiden rechten Spuren. Die Kabinen, in denen sonst die freundlichen Damen die Maut kassieren \u2013 dunkel und leer. Anders, als die vor der Reise befragten Reisef\u00fchrer suggerierten, wird hier offensichtlich elektronisch abkassiert. Was nun? Wie hoch die Strafe wohl sein wird? Und am brennendsten: Wie erkl\u00e4rt man sich, so ganz ohne Sprachkenntnisse?\u00a0<\/p>\n<p>Also ab ins kalte Wasser. N\u00e4chste Rastst\u00e4tte runter und an der Tankstellenkasse polonisiere ich auf gut Gl\u00fcck mein rudiment\u00e4res Ukrainisch:\u00a0<\/p>\n<p>&#8220;<em>Tschi ten odtschinok jest platnym?<\/em>&#8221; (Ist das ein kostenpflichtiger Abschnitt?)<\/p>\n<p>Offensichtlich war es nicht v\u00f6llig falsch, ich werde verstanden:\u00a0<\/p>\n<p>&#8220;<em>Tak, ta sekcja jest p\u0142atna<\/em>.&#8221; (Ja, dieser Abschnitt ist kostenpflichtig.)<\/p>\n<p>Auch das &#8220;<em>Jak mozhno platit?<\/em>&#8221; (Wie kann man zahlen?), sicherlich horrend falsch, wird verstanden.\u00a0Die freundliche Verk\u00e4uferin bietet sich an, meine Maut mit ihrem Handy zu bezahlen. 10 Zloty und ein herzliches &#8220;dzi\u0119kuj\u0119&#8221; kostet es mich. Am Auto beschlie\u00dfe ich, hier, wo es doch so nett ist, zu tanken und zu rasten. Und gleich die weitere Fahrt zu planen.<\/p>\n<p>In Warschau sind alle Hotels ausgebucht. Klar, Ferienbeginn in Berlin, wie konnte ich das nur vergessen. In Lodz k\u00f6nnte man noch unterkommen. Aber ich f\u00fchle mich fit, kein sofortiger Bedarf an Schlaf. Wenn ich jetzt bis zur Grenze durchfahre, komme ich zu der in allen Reiseberichten empfohlenen Zeit an der Grenze an: Kurz vor 4 Uhr am fr\u00fchen Morgen. Gar keine Wartezeiten soll es um die Zeit geben, steht in den Reiseberichten fr\u00fcherer Jahre. Wenn alles gut geht, k\u00f6nnte ich schon am Sonnabend um die Mittagszeit in Minsk sein (Minsk ist Pflichtstation, dazu sp\u00e4ter) und w\u00e4re, mit nur einer \u00dcbernachtung, am fr\u00fchen Sonntagnachmittag in Moskau.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Warschau vor und nach Mitternacht<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn es \u00fcber die neue S\u00fcdumfahrung schneller ginge \u2013 eine Fahrt durchs n\u00e4chtliche Warschau muss sein. In dieser Sommernacht gr\u00fc\u00dft die polnische Hauptstadt (man muss nur wissen, wo man abf\u00e4hrt) mit den hell erleuchteten verglasten Eing\u00e4ngen von zwei soeben neu gebauten Metrostationen. Noch ein St\u00fcck und schon ist es in Sicht, das osteurop\u00e4ische Manhattan schlechthin. Wolkenkratzer reiht sich an Wolkenkratzer, immer h\u00f6her und atemberaubender. Der Kulturpalast, das von den Warschauern mit gl\u00fchender Hassliebe bedachte sowjetische Geschenk, verliert sich mittlerweile dazwischen. Es schl\u00e4gt Mitternacht, aber das Gew\u00fchl auf den Stra\u00dfen ist mindestens so gro\u00df wie am Tag. An manchem Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcbergang braucht es Zeit, bis der Autofahrer durchschl\u00fcpfen kann zwischen den Massen an Flaneuren.\u00a0<\/p>\n<p>Auf der \u00f6stlichen Seite der Weichsel ringen Wald und Stadtbebauung viele Autominuten lang um die Vorherrschaft, bis der Wald endg\u00fcltig die Oberhand gewinnt. F\u00fcr manchen Europ\u00e4er ist das schon Sibirien. Aber exakt hier beginnt auch ein weiteres neues St\u00fcck Autobahn, leider viel zu kurz. Von den knapp 200 Kilometern bis zur wei\u00dfrussischen Grenze m\u00fcssen gut drei Viertel auf einer nicht ausgebauten Landstra\u00dfe zur\u00fcckgelegt werden. Selbst in der Nacht nimmt dies fast drei Stunden in Anspruch.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Sonnabend, 3:40 Uhr: Grenz\u00fcbergang Terespol<\/strong>\u00a0<\/p>\n<p>Das Unheil k\u00fcndigt sich von Weitem an: 30 Kilometer vor der Grenze beginnt eine unendlich scheinende Schlange aus LKW, die auf dem Standstreifen abgestellt sind und auf die Erlaubnis warten, bis zum Abfertigungsterminal vorfahren zu d\u00fcrfen. Bis zu 90 Stunden betragen hier aktuell die Wartezeiten f\u00fcr die Brummifahrer. Die meisten schlafen nicht, unterhalten sich, laufen hin und her, selbst in den obligatorischen Sicherheitswesten nicht wirklich gut zu erkennen bei Dunkelheit.\u00a0<\/p>\n<p>Einige Kilometer weiter wird es noch krasser: Die LKW stehen in zwei Reihen &#8211; f\u00fcr die, die vorbei wollen, bleibt nur eine Fahrspur f\u00fcr beide Fahrtrichtungen. Zum Gl\u00fcck ist es Nacht, wenig Gegenverkehr. Eigentlich ist es an diesen Stellen ein Regelversto\u00df, die Gegenfahrbahn zu nutzen \u2013 die anwesende Polizei winkt aber nur m\u00fcde durch. Geht halt nicht anders. Vor mir f\u00e4hrt ein SUV mit wei\u00dfrussischem Kennzeichen. Ich halte mich an ihn und folge seinen Man\u00f6vern.\u00a0<\/p>\n<p>Irgendwann nimmt die unendliche LKW-Schlange eine Abfahrt nach links und verliert sich in der Morgend\u00e4mmerung. Unser Weg f\u00fchrt geradeaus: Der Grenz\u00fcbergang Terespol ist nur f\u00fcr PKW und Busse bestimmt, die Abfertigungsanlage f\u00fcr die Stra\u00dfenkreuzer liegt weiter n\u00f6rdlich. Der SUV-Fahrer biegt zwischendurch falsch ab, ich vertraue meinem Navi und liege nun vor ihm.\u00a0<\/p>\n<p>Knapp einen Kilometer vor dem Checkpoint ist die Fahrt abrupt zu Ende: Das Ende einer langen Schlange wartender PKW ist erreicht. Hinter mir quietschen die Bremsen, auch der SUV mit dem wei\u00dfrussischen Kennzeichen ist angekommen.<\/p>\n<p>Es bewegt sich nichts: nicht in die eine, nicht in die andere Richtung. Offenkundig machen die polnischen Grenzabfertiger eine Pause, m\u00f6glicherweise ist gerade Schichtwechsel. Zeit, sich die F\u00fc\u00dfe zu vertreten und sich umzusehen. Es sind fast nur deutsche Kennzeichen zu sehen, in den Karossen viele Familien. Die wenigen wei\u00dfrussischen PKW verlieren sich unter den deutschrussischen. Polnische Kennzeichen sehe ich keine.\u00a0<\/p>\n<p><strong>1941\u00a0\u2013 1991\u00a0\u2013 2022: Ein Exkurs in die deutsch-russische Eisenbahngeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Lange Wartezeiten verleiten zum Gr\u00fcbeln. Ich musste an das grobe Unrecht denken, das ausgerechnet &#8220;Gr\u00fcne&#8221; und &#8220;Liberale&#8221; dem grenz\u00fcberschreitenden Zugverkehr angetan haben. Von acht Kriegsjahren im Ersten und Zweiten Weltkrieg abgesehen, hat es immer eine direkte Zugverbindung Berlin-Moskau gegeben. Seit Eisenbahnschienen gelegt waren.<\/p>\n<figure class=\"RTImage-root\">\n<div class=\"RTImage-image RTImage-original\"><picture class=\"Picture-root Picture-original\"><!--[if IE 9]><video style=\"display: none;\"><![endif]--><source media=\"(-webkit-min-device-pixel-ratio: 2) and (min-resolution: 120dpi)\" data-srcset=\" \nhttp:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d192b348fbef1ed71454a3.PNG 850w,\n                http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d192b348fbef1ed71454a3.PNG 1960w,\n            \" ><source data-srcset=\" \nhttp:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d192b348fbef1ed71454a3.PNG 460w,\n              http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d192b348fbef1ed71454a3.PNG 980w,\n            \" ><!--[if IE 9]><\/video><![endif]--><img decoding=\"async\" data- src=\"data:image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAJCAQAAACRI2S5AAAAEElEQVR42mNkIAAYRxWAAQAG9gAKqv6+AwAAAABJRU5ErkJggg==\" class=\"Picture-root Picture-original lazyload\" data-src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d192b348fbef1ed71454a3.PNG\" alt=\"\"><\/source><\/source><\/picture><!-- noscript pattern --><noscript><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d192b348fbef1ed71454a3.PNG\" alt=\"\"><\/noscript><\/div><figcaption class=\"RTImage-footer\"><span class=\"RTImage-caption\"><span class=\"RTImage-captionItem\">Kursbuchtabelle 65 aus dem Kursbuch Sommer 1941.<\/span><\/span><span class=\"RTImage-source\"><span class=\"RTImage-captionItem\">www.deutsches-kursbuch.de<\/span><\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>Selbst das Deutsche Kursbuch des Sommers 1941 weist in Tabelle 65 zwei direkte Z\u00fcge aus. Der direkte Zug von Berlin nach Moskau \u00fcber K\u00f6nigsberg und Tilsit tr\u00e4gt die Nummer 7, zur\u00fcck die Nummer 8. Unterwegs war man etwa 37 Stunden. Der andere direkte Zug, der\u00a0entlang der traditionellen\u00a0Strecke \u00fcber Warschau, Brest und Minsk fuhr, war \u00fcber Bia\u0142ystok umgeleitet und trug schon die Bezeichnung &#8220;DmW&#8221;, was auf eine haupts\u00e4chlich milit\u00e4rische Nutzung deutete. Zwei weitere Bemerkungen verk\u00fcndeten, dass die Platzzahl beschr\u00e4nkt ist und bis zur Grenze gesperrte Wagen mitgef\u00fchrt werden. Die Vorbereitungen f\u00fcr den \u00dcberfall auf die Sowjetunion wurden nicht besonders sorgf\u00e4ltig verschleiert&#8230;<\/p>\n<p>Die Bl\u00fctezeit der Schlafwagenz\u00fcge Berlin-Moskau fiel in meine Kindheit beziehungsweise Jugendzeit und zeitlebens zog ich die gem\u00fctliche Zugfahrt mit Tee und B\u00fcchern dem Flug vor. Ende der 80er Jahre waren ganze 4 \u00f6ffentliche Z\u00fcge zwischen den beiden Hauptst\u00e4dten unterwegs, ab Moskau trugen sie die Nummer 13, 15 und 33. Im Sommer kam zur Verst\u00e4rkung noch der 125 dazu. Das waren \u00f6ffentliche, f\u00fcr jedermann buchbare Schlafwagenz\u00fcge. F\u00fcr die Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen der sowjetischen Truppen in der DDR gab es eigene Z\u00fcge. Der ber\u00fchmteste, Moskau-W\u00fcnsdorf, f\u00fchrte ab Moskau die Nummer 17. Im sowjetischen Fahrplan des Jahres 1991 ist ein Zuglauf Moskau-Schwerin aufgef\u00fchrt. Weitere Milit\u00e4rz\u00fcge gab es von Brest nach Erfurt, Magdeburg und Dresden.\u00a0<\/p>\n<p>Als Tourist konnte man von Berlin-Lichtenberg damals nicht nur Moskau, sondern auch Leningrad, Kiew und Riga direkt erreichen. T\u00e4glich. Die Reise nach Moskau nahm wie im Jahr 1941 etwa 36 Stunden in Anspruch, l\u00e4ngeren Aufenthalt in Brest zum Umspuren inklusive. Zuletzt schafften die Talgos der Russischen Eisenbahn die Strecke in nur noch 20 Stunden: Einen Tag und eine Nacht war man komfortabel und umsorgt unterwegs. Bis erst Corona und im Februar dieses Jahres der deutsche Verkehrsminister mit Sanktionen kamen.<\/p>\n<p><strong>Sonnabend, 6:20 Uhr MEZ: Grenz\u00fcbergang Terespol<\/strong>\u00a0<\/p>\n<p>Seit 4:30 Uhr \u00f6ffnen die polnischen Beamten alle 25-30 Minuten den Schlagbaum und lassen je ein-zwei Dutzend PKW in die Abfertigungsanlage durch. Nun bin auch ich an der Reihe. Wenige Meter weiter hei\u00dft es jedoch &#8220;wieder anstellen&#8221;: Stop-and-Go bis zum H\u00e4uschen der polnischen Grenzbeamten. So vergeht eine weitere knappe Stunde. Die Grenzkontrolle selbst ist dagegen erstaunlich kurz, fast banal: Personalausweis und Fahrzeugschein abgeben, raus aus dem Auto, alle T\u00fcren und den Kofferraum \u00f6ffnen, damit der sichtlich \u00fcberm\u00fcdete Beamte einen Blick reinwerfen kann. Nach dieser Pflicht\u00fcbung verschwindet er mit den eingesammelten Dokumenten aus mehreren Fahrzeugen im Postenh\u00e4uschen, kommt nach 10 Minuten wieder raus, verteilt die P\u00e4sse und Personalausweise.\u00a0<\/p>\n<p>&#8220;<em>Dzi\u0119kuj\u0119<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;<em>Prosz\u0119. Do widzenia.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p><strong>8:00 Uhr MEZ: Niemandsland<\/strong><\/p>\n<p>Geschafft? Heimat, wir kommen?\u00a0<\/p>\n<p>Von wegen! Gleich hinter der polnischen Kontrollanlage kommt die Autokolonne abrupt zum Halten. Nichts geht mehr \u2013 der Schlagbaum, der uns auf die Br\u00fccke \u00fcber den Grenzfluss Bug h\u00e4tte entlassen m\u00fcssen, bleibt zu. Die polnischen Beamten sagen, dass Wei\u00dfrussland derzeit niemanden annimmt. Und so ist wieder Warten angesagt.\u00a0<\/p>\n<figure class=\"RTImage-root\">\n<div class=\"RTImage-image RTImage-original\"><picture class=\"Picture-root Picture-original\"><!--[if IE 9]><video style=\"display: none;\"><![endif]--><source media=\"(-webkit-min-device-pixel-ratio: 2) and (min-resolution: 120dpi)\" data-srcset=\" \nhttp:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d084cb48fbef22196dfa16.jpg 850w,\n                http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d084cb48fbef22196dfa16.jpg 1960w,\n            \" ><source data-srcset=\" \nhttp:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d084cb48fbef22196dfa16.jpg 460w,\n              http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d084cb48fbef22196dfa16.jpg 980w,\n            \" ><!--[if IE 9]><\/video><![endif]--><img decoding=\"async\" data- src=\"data:image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAJCAQAAACRI2S5AAAAEElEQVR42mNkIAAYRxWAAQAG9gAKqv6+AwAAAABJRU5ErkJggg==\" class=\"Picture-root Picture-original lazyload\" data-src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d084cb48fbef22196dfa16.jpg\" alt=\"\"><\/source><\/source><\/picture><!-- noscript pattern --><noscript><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/07\/62d084cb48fbef22196dfa16.jpg\" alt=\"\"><\/noscript><\/div>\n<\/figure>\n<p><strong><\/strong>Ein junger Dagestaner unterh\u00e4lt die Leidensgenossen. Es ist eine Gro\u00dffamilie, unterwegs in zwei Autos mit Grazer Kennzeichen: &#8220;Die Heimat besuchen&#8221;. Langsam kommt man ins Gespr\u00e4ch, das nach dem Kennenlernen dann aber doch um ein und dasselbe kreist: Alle scheinen hier nur aus Not und Mangel an Alternativen zu stehen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8220;<em>Man kommt ja sonst gar nicht mehr zu seinen Verwandten<\/em>,&#8221;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>schimpft ein Familienvater, dessen Sohn, 10 oder 11 Jahre alt, gerade dabei ist, aus Langeweile das Dach des silbernen Audi, Berliner Kennzeichen, zu erklimmen. Er erkl\u00e4rt:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8220;<em>800 Euro h\u00e4tten wir f\u00fcr den Flug pro Person zahlen m\u00fcssen. In eine Richtung. Und nun rechnen Sie das mal hoch: Ich, meine Frau, zwei Kinder&#8230;<\/em>&#8221;\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>&#8220;<em>Wie sind wir nur so weit gekommen? Sind wir etwa im Krieg?<\/em>&#8220;,\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>fragt ein Fahrer mit Strausberger Kennzeichen.\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8220;<em>Ja, wir sind im Krieg<\/em>&#8220;,\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>antwortet ein anderer, Landsberg an der Lech.<\/p>\n<p>Ich schalte mich ein:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8220;<em>Wie dem auch sei, wenn die Amerikaner jemanden \u00fcberfallen, streicht denen niemand die Direktfl\u00fcge. Ich habe gegen den Irak-Krieg demonstriert, aber niemand \u2013 ich nicht, niemand sonst \u2013 hatte auch nur die Idee, dass man Fl\u00fcge in die USA verbieten k\u00f6nnte<\/em>.&#8221;\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der junge Dagestaner aus Graz pflichtet mir bei:\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8220;<em>Mit den T\u00fcrken werden die das auch niemals machen. Weil, du wei\u00dft, was passiert, wenn man was gegen die T\u00fcrken macht. Dann knallt&#8217;s, dann gibt&#8217;s &#8216;nen Aufstand. Russen sind viel zu friedlich&#8230;<\/em>&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein \u00e4lterer Fahrer, Recklinghausen auf dem Nummernschild:\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8220;<em>Na der Opa vom Scholz war doch bei der SS, was wundern wir uns&#8230;<\/em>&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich setze zum Widerspruch an und z\u00fcnde mir doch nur eine weitere Zigarette an. Warum soll ausgerechnet ich und ausgerechnet hier Olaf Scholz in Schutz nehmen? Vielleicht ist er nicht Fleisch vom Fleisch und nicht Blut vom Blut. Geist vom Geist ist seine &#8220;Zeitenwende&#8221; allemal. Sollen die Russlanddeutschen, die Sp\u00e4taussiedler und alle, die sich sonst Russen nennen, doch mit sich ausmachen, ob DIESES Deutschland ihre Loyalit\u00e4t und ihren engagierten Arbeitseinsatz noch verdient. Das Deutschland, das sie auf diese Weise geringsch\u00e4tzt und in den nat\u00fcrlichsten Belangen der Lebensf\u00fchrung beschneidet. Nein, ich werde da nicht widersprechen.<\/p>\n<p>Nach etwa einer Stunde geht es tr\u00f6pfchenweise weiter. Periodisch \u00f6ffnet sich die Schranke auf der Br\u00fccke, l\u00e4sst jeweils drei-vier Wagen durch. Irgendwann fahre auch ich \u00fcber den Grenzfluss. Jetzt die wei\u00dfrussische Hymne anzustimmen, fehlt mir der Elan, zumal es wieder &#8220;Halt&#8221; hei\u00dft, direkt \u00fcber dem Bug. Die Br\u00fccke ist mit Stacheldraht und Panzersperren milit\u00e4risch gesichert, die Grenzer tragen Kalaschnikows um den Hals.<\/p>\n<p>Mittlerweile steht die Sonne weit oben, ohne Klimaanlage lie\u00dfe sich das alles nicht aushalten. Kinder aus den anderen Autos spielen auf der Grenzlinie, mitten im Niemandsland.\u00a0<\/p>\n<p><em>Fortsetzung folgt &#8230;<br \/><\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> &#8211; <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/de.rt.com\/inland\/133191-irgendwann-platzt-kragen-der-deutschrussen\/\">Irgendwann platzt der Kragen: Wie weit reicht die Geduld der Russlanddeutschen?<\/a>\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/143519-chaos-an-den-europaeischen-grenzen-von-leipzig-nach-moskau-im-auto-teil-1\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit die Sanktionen Russland auf der Schiene und in der Luft von Deutschland abgeschnitten haben, bleibt nur die Wahl zwischen einem langen, teuren Flug und einer Fahrt im eigenen PKW. Ein Reisebericht eines RT DE-Redakteurs, der sich f\u00fcr den Roadtrip entschieden hat. 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