{"id":11996,"date":"2022-06-26T21:01:38","date_gmt":"2022-06-26T19:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/just-now.news\/de\/deutschland\/russisch-in-der-postsowjetischen-ukraine-30-jahre-diskriminierung-der-meistgesprochenen-sprache\/"},"modified":"2022-06-26T21:01:38","modified_gmt":"2022-06-26T19:01:38","slug":"russisch-in-der-postsowjetischen-ukraine-30-jahre-diskriminierung-der-meistgesprochenen-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/russisch-in-der-postsowjetischen-ukraine-30-jahre-diskriminierung-der-meistgesprochenen-sprache\/","title":{"rendered":"Russisch in der postsowjetischen Ukraine: 30 Jahre Diskriminierung der meistgesprochenen Sprache"},"content":{"rendered":"<p><em>von Olga Sucharewskaja<\/em><\/p>\n<p>Wenn man in die Ukraine f\u00e4hrt und durch die Stra\u00dfen von Kiew, Winniza, Tschernigow oder Charkow wandelt, kann es einem vorkommen, als w\u00e4re man in Moskau oder Rostow am Don, da die Mehrheit der Menschen in diesen St\u00e4dten Russisch spricht. Gleichzeitig ist die Ukraine ein Land mit einem der strengsten Sprachgesetze der Welt. Russisch, das von \u00fcberwiegenden Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung des Landes gesprochen wird, ist dort praktisch verboten. Wie konnte das passieren?<\/p>\n<p><strong>Man k\u00f6nnte, aber man kann nicht<\/strong><\/p>\n<p>Einer der Lieblingsspr\u00fcche ukrainischer Nationalisten ist der sarkastische &#8220;Wer sagt, dass man kein Russisch sprechen kann?&#8221;<\/p>\n<p>Bis 2019, als das Gesetz \u00fcber &#8220;Die Gew\u00e4hrleistung der Funktionsf\u00e4higkeit des Ukrainischen als Staatssprache&#8221; verabschiedet wurde, war dieser Sarkasmus teilweise gerechtfertigt gewesen. Offiziell waren die Ukrainer verpflichtet gewesen, Ukrainisch zu sprechen, aber tats\u00e4chlich hatten sie die Sprache gesprochen, die f\u00fcr sie bequem war. Und niemand hatte besonders darauf geachtet, zumindest nicht in den ersten Jahrzehnten der Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Um sich die Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine zu sichern, hatte der erste Pr\u00e4sident des Landes, Leonid Krawtschuk, 1991 einen Appell an seine ethnischen russischen Landsleute unterzeichnet, in dem er erkl\u00e4rt hatte:<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8220;Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass die Regierung die legitimen politischen und wirtschaftlichen, die sozialen und spirituellen Interessen der russischen Bev\u00f6lkerung sch\u00fctzt. In keinem Fall wird eine gewaltsame Ukrainisierung von Russen zugelassen. Jeder Versuch, aufgrund der Ethnie zu diskriminieren, wird entschieden unterbunden.&#8221; <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Damals und bis 2012 war in der Ukraine das Gesetz \u00fcber die Sprachen der Ukrainischen\u00a0Sowjetrepublik (UkrSSR) in Kraft gewesen, wonach die russische Sprache rechtlich dem Ukrainischen gleichgestellt gewesen war und Kiew den freien Gebrauch des Russischen in allen Lebensbereichen garantiert hatte.<\/p>\n<p>Gleichwohl waren unmittelbar nach der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung des Landes diskriminierende Normen in das Gesetz aufgenommen worden. Entgegen dem erw\u00e4hnten Sprachgesetz hatte der ukrainische Staat bereits in den ersten Tagen seines unabh\u00e4ngigen Bestehens durch die Verabschiedung verschiedener Verordnungen damit begonnen, den Gebrauch des Russischen auf gesetzgeberischer Ebene zu minimieren.<\/p>\n<p>Wie der Volksabgeordnete der Ukraine Wadim Kolesnitschenko im &#8220;Zweiten Periodischen \u00d6ffentlichen Bericht \u00fcber die Umsetzung der Bestimmungen der Europ\u00e4ischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in der Ukraine&#8221; betonte: &#8220;Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichts ist der Status der Regional- und Minderheitensprachen, in der Verfassung der Ukraine sowie in mehr als 80 Verfahrensanordnungen und Gesetzen und Tausenden von Verordnungen, die daraus folgen, v\u00f6llig undefiniert.&#8221; Dies ist wichtig bei der Beurteilung des rechtlichen Status der russischen Sprache und ihrer Muttersprachler.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, die nach der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine verabschiedeten sektoralen Gesetze sahen trotz der Anforderungen des Sprachgesetzes der UkrSSR, die sie h\u00e4tten erf\u00fcllen m\u00fcssen, keine freie Verwendung des Russischen vor. Die Beschr\u00e4nkungen des Gebrauchs des Russischen hatten lange vor der Verabschiedung der ukrainischen Verfassung im Jahr 1996 begonnen, in der die Diskriminierung des Russischen auf h\u00f6chster gesetzlicher Ebene verankert worden war.<\/p>\n<p>Ein Beispiel hierf\u00fcr ist das &#8220;Gesetz \u00fcber Nationale Minderheiten in der Ukraine&#8221; von 1992, in dem die M\u00f6glichkeit f\u00fcr nationale Minderheiten, die meisten sprachlichen Rechte auszu\u00fcben, auf Gebiete beschr\u00e4nkt ist, in denen eine bestimmte nationale Minderheit die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung stellt. Ein weiteres ist das &#8220;Gesetz \u00fcber Fernsehen und H\u00f6rfunk&#8221; von 1993, das den Gebrauch von Russisch und anderen &#8220;Regionalsprachen&#8221; im nationalen Rundfunk verbietet.<\/p>\n<p>Die Verfassung von 1996 hatte zudem die bereits etablierte Praxis der Diskriminierung von russischen Muttersprachler gefestigt. Artikel 10 erkennt Ukrainisch als einzige offizielle Staatssprache des Landes an. Der zweite Teil des Artikels, der besagt, dass &#8220;die freie Entwicklung, Verwendung und der Schutz der russischen Sprache und anderer Sprachen nationaler Minderheiten in der Ukraine gew\u00e4hrleistet ist&#8221;, existiert nur auf dem Papier.<\/p>\n<figure class=\"RTImage-root\">\n<div class=\"RTImage-image RTImage-original\"><!--[if IE 9]&gt;<video>&lt;![endif]--><!--[if IE 9]&gt;<\/video>&lt;![endif]--><img decoding=\"async\" data- src=\"image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAJCAQAAACRI2S5AAAAEElEQVR42mNkIAAYRxWAAQAG9gAKqv6+AwAAAABJRU5ErkJggg==\" class=\"Picture-root Picture-original lazyload\" data-src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/06\/62b2114348fbef42c4618ca5.jpg\" alt=\"\"><!-- noscript pattern --><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/06\/62b2114348fbef42c4618ca5.jpg\" alt=\"\"><\/div><figcaption class=\"RTImage-footer\"><span class=\"RTImage-caption\"><span class=\"RTImage-captionItem\">Kundgebung der Partei &#8220;Europ\u00e4ische Solidarit\u00e4t&#8221; unter dem Motto &#8220;H\u00e4nde weg von der ukrainischen Sprache!&#8221; am 16. Juli 2020 gegen m\u00f6gliche Lockerungen des  Bildungsgesetzes. &#8220;Sprache. Kiew. EU.&#8221; steht auf einem der Plakate.<\/span><\/span><span class=\"RTImage-source\"><span class=\"RTImage-captionItem\">www.globallookpress.com<\/span><\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>W\u00e4hrend allgemein angenommen wird, dass der Druck auf die russische Sprache unter dem ehemaligen Pr\u00e4sidenten Wiktor Juschtschenko nach der Orangen Revolution begann, ist dies nicht der Fall. Beispielsweise hatte sein Vorg\u00e4nger Leonid Kutschma versucht, eine &#8220;strafende Philologie&#8221; zu erlassen, als seine Regierung der Werchowna Rada am 1. Juli 1997 einen Gesetzentwurf mit dem Titel &#8220;Die Entwicklung und Verwendung von Sprachen in der Ukraine&#8221; vorgelegt hatte, der Geldstrafen und Lizenzentzug f\u00fcr Medien vorsah, die nicht in der Amtssprache des Staates sendeten oder publizierten. Es hatte sogar Pl\u00e4ne gegeben, Bu\u00dfgelder gegen gew\u00f6hnliche B\u00fcrger und Beamte wegen Nichtgebrauchs der Staatssprache zu erheben.<\/p>\n<p>Der letzte Sargnagel f\u00fcr den rechtlichen Status des Russischen war 1999 vom ukrainischen Verfassungsgericht eingeschlagen worden, als es Ukrainisch zur &#8220;obligatorischen Kommunikationssprache im gesamten Hoheitsgebiet der Ukraine, bei der Aus\u00fcbung von Befugnissen durch lokale Beh\u00f6rden sowie in anderen Bereichen des \u00f6ffentlichen Lebens&#8221; erkl\u00e4rt hatte.<\/p>\n<p>So waren fast alle verabscheuungsw\u00fcrdigen Rechtsnormen, mit denen Russisch sprechende Menschen diskriminiert wurden, bereits vor dem Maidan-Putsch von 2014 in Kraft gewesen. B\u00fcrgern, die kein Ukrainisch beherrschten, wurde verboten, zum Beispiel als Anwalt zu praktizieren oder als Mitglied von Wahlkommissionen oder als Assistenten von Abgeordneten zu dienen. Der einzige Unterschied war damals gewesen, dass es noch keine Sprachpolizei gegeben hatte, die Kellner und Verk\u00e4ufer gezwungen h\u00e4tte, mit Kunden Ukrainisch zu sprechen, obwohl sie dazu schon damals rechtlich verpflichtet gewesen waren.<\/p>\n<figure class=\"RTImage-root\">\n<div class=\"RTImage-image RTImage-original\"><!--[if IE 9]&gt;<video>&lt;![endif]--><!--[if IE 9]&gt;<\/video>&lt;![endif]--><img decoding=\"async\" data- src=\"image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAJCAQAAACRI2S5AAAAEElEQVR42mNkIAAYRxWAAQAG9gAKqv6+AwAAAABJRU5ErkJggg==\" class=\"Picture-root Picture-original lazyload\" data-src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/06\/62b1fba848fbef48cd26cf25.PNG\" alt=\"\"><!-- noscript pattern --><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/06\/62b1fba848fbef48cd26cf25.PNG\" alt=\"\"><\/div><figcaption class=\"RTImage-footer\"><span class=\"RTImage-caption\"><span class=\"RTImage-captionItem\">Linguistische Karte der Ukraine, auf der Grundlage von Informationen der Nationalen Linguistischen Universit\u00e4t Kiew aus dem Jahr 2009 und Daten der ukrainischen Volksz\u00e4hlung von 2001. Beachten Sie, dass Ukrainisch gelb hervorgehoben ist.<\/span><\/span><span class=\"RTImage-source\"><\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Keine Sprache, kein Problem<\/strong><\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Schritt gegen die russische Sprache fand im Bildungsbereich statt. 1992 war ein vom ehemaligen ersten stellvertretenden Bildungsminister der Ukraine Anatoli Pogrebny unterzeichneter Brief erschienen, der den Schulen das Recht einger\u00e4umt hatte, andere Fremdsprachen als Russisch zu unterrichten. Damit hatte f\u00fcr viele ihre Muttersprache den Status einer Fremdsprache erlangt.<\/p>\n<p>Unterdessen ging die Zahl der russischsprachigen Schulen stetig zur\u00fcck. 1990 hatte es in der Ukraine 4.633 Schulen gegeben, an denen Russisch die haupts\u00e4chliche Unterrichtssprache gewesen war. Zu Beginn des Schuljahres 2010\/11 waren es nur noch 1.149. W\u00e4hrend 1990 etwa 3,5 Millionen Sch\u00fcler in Regional- oder Minderheitensprachen unterrichtet worden waren, waren es Anfang 2011 nur noch 703.609. Davon verwendeten 685.806 Russisch. Das bedeutet, dass die Zahl der russischen Schulen um 62 Prozent und die Zahl der Sch\u00fcler um das Siebenfache gesunken ist. Mehr als 57 Prozent der aufgel\u00f6sten Schulen waren Schulen mit russischem Unterricht, die achtmal h\u00e4ufiger aufgel\u00f6st wurden als ukrainischsprachige Schulen. Mittlerweile gibt es in der Ukraine \u00fcberhaupt keine russischen Schulen mehr, aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Diese Situation entspricht \u00fcberhaupt nicht den sprachlichen Pr\u00e4ferenzen der Bev\u00f6lkerung. Laut der letzten Volksz\u00e4hlung der Ukraine, die \u2013 erstaunlicherweise \u2013 zum letzten Mal im Jahr 2001 stattfand, hatten viele Sch\u00fcler nicht die M\u00f6glichkeit, in ihrer Muttersprache zu lernen, da der Anteil der russischsprachigen Einrichtungen der Sekundarbildung geringer war als der Anteil der russischsprachigen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>In der Region Donezk gab es 518 russische Schulen (41,6 Prozent der Gesamtzahl); in der Region Saporoschje 180 (26,9 Prozent); im Gebiet Lugansk 451 (55,1 Prozent), im Gebiet Odessa 184 (19,7 Prozent) und in der Region Charkow 157 (16,1 Prozent). 1998 gab es in Odessa 46 Schulen (32 Prozent), in denen Russisch Unterrichtssprache war, obwohl russischsprachige Einwohner 73 Prozent der Stadtbev\u00f6lkerung ausmachten. In Gorlowka in der Region Donezk nannten 82 Prozent der Befragten im Jahr 2006 Russisch als ihre Muttersprache.<\/p>\n<p>Auch in den &#8220;ukrainischen&#8221; Regionen ist die Situation alles andere als eindeutig. In Rowno\u00a0beispielsweise, wo drei Prozent der Bev\u00f6lkerung Minderheitensprachen sprechen, waren 1996 alle russischen Schulen geschlossen worden. In Kiew gab es bis 2011 nur noch sieben russische Schulen, obwohl offiziellen Angaben der Statistiken zufolge 27,9 Prozent der Einwohner der Hauptstadt Minderheitensprachen \u2013\u00a0haupts\u00e4chlich Russisch \u2013 sprechen. Im Allgemeinen verwenden 30 Prozent der ukrainischen Bev\u00f6lkerung Minderheitensprachen, aber bis 2011 war eine Sekundarschulbildung in nur 7,57 Prozent der Schulen verf\u00fcgbar, in denen in anderen Sprachen als Ukrainisch unterrichtet wurde.<\/p>\n<figure class=\"RTImage-root\">\n<div class=\"RTImage-image RTImage-original\"><!--[if IE 9]&gt;<video>&lt;![endif]--><!--[if IE 9]&gt;<\/video>&lt;![endif]--><img decoding=\"async\" data- src=\"image\/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAJCAQAAACRI2S5AAAAEElEQVR42mNkIAAYRxWAAQAG9gAKqv6+AwAAAABJRU5ErkJggg==\" class=\"Picture-root Picture-original lazyload\" data-src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/06\/62b1ffb2b480cc25135fc186.jpg\" alt=\"\"><!-- noscript pattern --><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/just-now.news\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2022\/06\/62b1ffb2b480cc25135fc186.jpg\" alt=\"\"><\/div><figcaption class=\"RTImage-footer\"><span class=\"RTImage-caption\"><span class=\"RTImage-captionItem\">Prorussen versammeln sich am 23. M\u00e4rz 2014 auf dem Lenin-Platz in Donezk. Sie h\u00e4ngen die ukrainischen Flaggen \u00fcber dem Verwaltungsgeb\u00e4ude ab und ersetzen sie durch russische und Donezk-Flaggen. Hintergrund der Proteste war die restriktive Sprachpolitik der Maidan-Regierung nach deren Macht\u00fcbernahme.<\/span><\/span><span class=\"RTImage-source\"><span class=\"RTImage-captionItem\">Romain Carre \/ NurPhoto \/ Corbis via Getty Images<\/span><span class=\"RTImage-captionItem\"> \/ Gettyimages.ru<\/span><\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>In Wirklichkeit entsprechen die offiziellen Statistiken nicht den tats\u00e4chlich gesprochenen Sprachen. Laut einer Umfrage des American Gallup Institute entschieden sich 83 Prozent der Ukrainer daf\u00fcr, amtliche Formulare auf Russisch auszuf\u00fcllen, was laut Soziologen darauf hindeutet, dass dies ihre Muttersprache ist. Dies wird durch eine Studie von 2015 \u00fcber die im Internet verwendeten Sprachen best\u00e4tigt, die ergab, dass 59,6 Prozent aller ukrainischen Webseiten auf Russisch sind.<\/p>\n<p>Noch interessanter sind Statistiken \u00fcber die Suche im Web. Lediglich Webseiten der Regierung werden auf Ukrainisch gelesen. \u00dcber &#8220;allt\u00e4gliche&#8221; Dinge wie Reisen, Dienstleistungen, Medien, Wetter etc. liest man lieber auf Russisch. Diese Situation ver\u00e4nderte sich im Laufe der Jahre kaum. Laut Google wurden im Jahr 2020 achtmal h\u00e4ufiger Anfragen aus der Ukraine auf Russisch gestellt als auf Ukrainisch. Insgesamt bevorzugen also rund 80 Prozent der Ukrainer Russisch.<\/p>\n<p>Der italienische Forscher Nicola Porro hat auf F\u00e4lschungen in den offiziellen Daten zur Sprachsituation in der Ukraine aufmerksam gemacht. Laut <em>EuroMaidan Press<\/em> war Ukrainisch im Jahr 2012 die Muttersprache von 57 Prozent der Einwohner des Landes gewesen, w\u00e4hrend Russisch f\u00fcr 42 Prozent die Muttersprache gewesen war. Bis 2021 wurden jedoch als Daten 77 Prozent bzw. 21 Prozent genannt. Dazu notierte <em>EuroMaidan Press<\/em> stolz: &#8220;In der Zeit von 2012 bis 2016 gab es bedeutende Ver\u00e4nderungen in Bezug auf die sprachliche Selbstidentit\u00e4t.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Ist es m\u00f6glich, dass im Zeitraum von etwa zehn Jahren 20 Prozent der Bev\u00f6lkerung pl\u00f6tzlich ihre Muttersprache wechseln? Welche &#8216;Methoden zur Umerziehung&#8217; wurden dabei angewendet? Eine Muttersprache wird mit der Muttermilch aufgenommen, und ein Kind h\u00f6rt der Stimme seiner Mutter zu. Eine Mutter spricht zu ihren Kindern in der Sprache ihres Herzens. Ihre Muttersprache kann nicht ge\u00e4ndert werden&#8221;, schrieb Porro.<\/p>\n<p>Im Jahr 2012 versuchten Vertreter der Partei der Regionen des damaligen Pr\u00e4sidenten Wiktor Janukowitsch, den Status der russischen Sprache aufzuwerten. Es wurde das Gesetz \u00fcber &#8220;Die Grundlagen der Politik der Landessprachen&#8221; verabschiedet, das die M\u00f6glichkeit festlegte, Regionalsprachen als offizielle Landessprachen zu verwenden, wenn die Zahl der Muttersprachler in einer Region zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung betrug. Obwohl einige der russischsprachigen Regionen der Ukraine davon profitierten, half es vielen der russischsprachigen Menschen des Landes nicht wirklich.<\/p>\n<p>So erkl\u00e4rte beispielsweise der B\u00fcrgermeister der Hauptstadt Alexander Popow, dass &#8220;es in Kiew keine Diskussionen \u00fcber die Anerkennung des Russischen als Regionalsprache geben kann&#8221;. Dar\u00fcber hinaus degradierte dieses Gesetz Russisch vom Status einer Sprache, die in der interethnischen Kommunikation verwendet wird, zu einer gew\u00f6hnlichen Minderheitensprache.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Europ\u00e4ischen Charta in Bezug auf Russisch verdient besondere Erw\u00e4hnung. Die Ratifizierung dieses Dokuments, das eine der Bedingungen f\u00fcr die Mitgliedschaft der Ukraine im Europarat ist, stie\u00df auf beispiellosen Widerstand von Neonazi-Kr\u00e4ften. Die Werchowna Rada hatte die Charta erstmals 1999 ratifiziert, aber der damalige Pr\u00e4sident Kutschma hatte sich geweigert, die Ratifizierung zu unterzeichnen, und sie war folglich vom Verfassungsgericht f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt worden.<\/p>\n<p>Die Charta war dann am 15. Mai 2003 erneut ratifiziert worden, wenn auch nur ihre deklarativen Bestimmungen. Dennoch hatte sich das Au\u00dfenministerium der Ukraine zwei Jahre lang geweigert, die Ratifizierungsurkunde auszustellen. Daher trat es erst am 1. Januar 2006 in Kraft. Gem\u00e4\u00df dem Text des ratifizierten Dokuments erhielt Russisch denselben Status wie den einer Sprache, die nur von einigen Tausend Menschen gesprochen wird.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versuchten die ukrainischen Rechtsextremen st\u00e4ndig, die Bedeutung der Charta zu verzerren, indem sie darauf bestanden, dass sie nur gef\u00e4hrdete Sprachen sch\u00fctzen sollte. Aber selbst dieses verw\u00e4sserte Gesetz konnte den Maidan nicht \u00fcberleben. Im Jahr 2018 stellte das Verfassungsgericht der Ukraine fest, dass es nicht den Bestimmungen der Verfassung des Landes entsprach.<\/p>\n<p><strong>Vom Antlitz der Erde tilgen<\/strong><\/p>\n<p>All dies war nur der Auftakt, um den Gebrauch des Russischen in allen Lebensbereichen systematisch zu verbieten und die B\u00fcrger zu zwingen, ausschlie\u00dflich in der offiziellen Staatssprache zu kommunizieren. Das derzeit in der Ukraine geltende Gesetz \u00fcber &#8220;Die Gew\u00e4hrleistung der Funktionsf\u00e4higkeit des Ukrainischen als offizielle Staatssprache&#8221; wurde 2019 unter der Regierung des damaligen Pr\u00e4sidenten Petro Poroschenko verabschiedet. Es beinhaltet eine Reihe von Strafbestimmungen.<\/p>\n<p>Erstens wurde der obligatorische Gebrauch der Staatssprache in das Verfassungssystem der Ukraine aufgenommen. Folglich k\u00f6nnen Personen zivil- und strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden f\u00fcr<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8220;vors\u00e4tzliche Entstellung der ukrainischen Sprache in amtlichen Dokumenten und Texten, insbesondere f\u00fcr deren vors\u00e4tzliche Verwendung, unter Verletzung der Anforderungen der ukrainischen Rechtschreibung und der Standards der Staatssprache sowie f\u00fcr die Schaffung von Hindernissen und Einschr\u00e4nkungen beim Gebrauch der ukrainischen Sprache&#8221;. <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Gesetzestext sieht Bu\u00dfgelder f\u00fcr staatliche Beh\u00f6rden, Medien, politische Parteien und \u00f6ffentliche Organisationen sowie private Unternehmen vor, f\u00fcr Rechtschreibfehler und die Verwendung anderer Sprachen.<\/p>\n<p>Zweitens wurden spezielle Regierungsbeh\u00f6rden geschaffen, um Standards f\u00fcr die Staatssprache zu entwickeln und ihre Verwendung in der Praxis zu \u00fcberpr\u00fcfen. Jeder ukrainische Staatsb\u00fcrger, der in einer anderen Sprache als Ukrainisch angesprochen wird, kann eine Beschwerde beim Beauftragten f\u00fcr den Schutz der Staatssprache einreichen, den die Ukrainer treffend &#8220;Sprachenf\u00fchrer&#8221; nennen (im Sinne von &#8220;Sprachen-Hitler&#8221;). Dieser &#8220;Sprachpolizist&#8221; kann die Polizei, die Verbraucherschutzbeh\u00f6rde, die Gerichte, die Staatsanwaltschaft und andere Strafverfolgungsbeh\u00f6rden einschalten, um mit Gewalt sicherzustellen, dass eine Kommunikation nur auf Ukrainisch stattfindet.<\/p>\n<p>Drittens dr\u00fcckt der Gesetzestext die klare Absicht aus, Russischsprachige zu diskriminieren. Darauf machte auch die Venedig-Kommission <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/de.rt.com\/europa\/90714-osze-hochkommissar-lamberto-zannier-ukrainische-sprachgesetze-diskriminierend\/\">aufmerksam<\/a>. In ihren Schlussfolgerungen zu den Bildungs- und Sprachgesetzen der Ukraine stellte die Europ\u00e4ische Kommission f\u00fcr Demokratie durch Recht vier Arten von Sprachen fest: indigene Sprachen, Englisch, Sprachen nationaler Minderheiten, die Amtssprachen in der EU sind, und Sprachen von Minderheiten, die keine Amtssprachen in der EU sind.<\/p>\n<p>Laut dieser Kommission entsteht bereits auf der Ebene der Sekundarschule eine Ungleichheit \u2013 eine Hierarchie, in der indigene V\u00f6lker potenziell besser behandelt werden als nationale Minderheiten, die eine offizielle EU-Sprache sprechen. Nationale Minderheiten, die eine EU-Sprache sprechen, werden besser behandelt als andere nationale Minderheiten. Die russische Sprache verdiene hierbei besondere Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p>Laut der Venedig-Kommission ist Artikel 10 der ukrainischen Verfassung eine Schl\u00fcsselbestimmung zum Schutz von Sprachrechten und -freiheiten, bei der Russisch gesondert genannt wird. Dar\u00fcber hinaus verpflichtete sich Kiew als Unterzeichner der Europ\u00e4ischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, die als internationales Dokument Vorrang vor der Verfassung der Ukraine hat, die russische Sprache zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Auch andere harsche Ma\u00dfnahmen zu Ukrainisierung stie\u00dfen auf Kritik, etwa Sprachquoten bei Fernsehen und Radio, die vorschreiben, dass mindestens 75 Prozent der Sendungen und alle Kultur- und Massenveranstaltungen nur auf Ukrainisch abgehalten werden d\u00fcrfen. Unterdessen trat am 16. Januar 2022 eine Auflage in Kraft, dass mindestens 50 Prozent der B\u00fccher und gedruckten Medien in der Landessprache ver\u00f6ffentlicht und zu verkauft werden m\u00fcssen, was die Verlagsindustrie und die Printmedien zu zerst\u00f6ren droht.<\/p>\n<p>Der Beauftragte f\u00fcr den Schutz der Landessprache wacht dar\u00fcber , dass das Sprachgesetz eingehalten wird, auch durch Verk\u00e4ufer und Kellner. Im April 2021 ver\u00f6ffentlichte sein B\u00fcro seinen ersten Bericht, der deutlich zeigt, dass Druck auf die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ausge\u00fcbt wird. Im Dokument wird bem\u00e4ngelt, dass &#8220;selbst in ukrainischsprachigen Vorschulen Kinder oft auf Russisch oder in anderen Sprachen angesprochen werden&#8221;. In Schulen sei dieses &#8220;Problem&#8221; noch akuter. Im S\u00fcdosten des Landes wird oft sogar auf Russisch unterrichtet, w\u00e4hrend Sch\u00fcler und Lehrer sich weigern, au\u00dferhalb des Unterrichts Ukrainisch zu sprechen. In Kiew wechseln 55 Prozent der Lehrer von Zeit zu Zeit ins Russische, und vier Prozent verwenden es st\u00e4ndig im Unterricht.<\/p>\n<p>Der Radiosender <em>Stoli<\/em><em>z<\/em><em>a<\/em> (Hauptstadt) wurde am 11. Mai 2020 mit einer Geldstrafe von 54.000 Griwna (rund 1.800 Euro) belegt, weil nur 32 Prozent der von ihm ausgestrahlten Lieder auf Ukrainisch waren. <em>Radio Chanson<\/em> wurde zweimal mit einer Geldstrafe belegt \u2013 jeweils mit 86.000 Griwna (rund 2.800 Euro). Selbst regionale Radiosender wurden mit Geldstrafen belegt. <em>Mayak<\/em> in Alexandria mit 2.865 Griwna (rund 100 Euro) und in <em>Tschernowiz<\/em> mit 6.242 Griwna (rund 200 Euro).<\/p>\n<p>Der Bericht zeigt, wie schnell und streng Ukrainisch durchgesetzt wird. Nach Angaben des Ombudsmanns f\u00fcr Sprachen lernen 98 Prozent der Kinder im Vorschulalter, 99,8 Prozent der Sch\u00fcler an Berufsschulen und Gymnasien und 98,5 Prozent der Studenten an Universit\u00e4ten, Akademien und Instituten Ukrainisch. Im Jahr 2020 stieg die Zahl der ukrainischen Schulen um 272, w\u00e4hrend die Zahl der Kinder, die Ukrainisch lernten, um 200.000 zunahm, von denen 150.000 zuvor auf Russisch gelernt hatten. Allein in Kiew wurden 94 Klassen auf Ukrainisch umgestellt, w\u00e4hrend die Zahl der Russischklassen landesweit von 11.563 auf 5.421 zur\u00fcckging. Rund 78 Prozent der Theaterauff\u00fchrungen werden auf Ukrainisch aufgef\u00fchrt. Dennoch wurden das Regionale Akademische Theater in Odessa, das Puschkin-Drama-Theater in Charkow, das Musical Comedy Theater in Odessa, das Akademische Bewegungstheater in Kriwoi Rog und das Regionale Ungarische Drama Theatre in Transkarpatien mit Bu\u00dfgeldern belegt.<\/p>\n<p>Laut dem &#8220;Sprachenf\u00fchrer&#8221; waren bereits vor Inkrafttreten der Sprachquote 74 Prozent der gedruckten B\u00fccher, 65 Prozent aller E-Books und 67 Prozent der H\u00f6rb\u00fccher auf Ukrainisch. Die ukrainische Regierung kontrolliert jedoch nicht das Internet, und die Verk\u00e4ufe von B\u00fcchern auf Ukrainisch gingen zur\u00fcck, w\u00e4hrend die Zahl der Filme auf Ukrainisch von 159 im Jahr 2019 auf 34 im Jahr 2020 einbrach. Es ist offensichtlich, dass Leser und Zuschauer heutzutage stattdessen lieber online gehen.<\/p>\n<p>Aber die ukrainischen Beh\u00f6rden h\u00f6rten hier nicht auf und versuchen, das Russische im Land vollst\u00e4ndig auszurotten. Obwohl ein Verbot russischer Fernsehsender, Radiosender, Massenmedien und sozialer Netzwerke sowie des Imports von B\u00fcchern aus Russland bereits seit Langem besteht, erreichte die Kampagne nun auch russische Literatur in Bibliotheken.<\/p>\n<p>Die Direktorin des Ukrainischen Instituts f\u00fcr B\u00fccher Alexandra Kowal glaubt, dass mehr als 100 Millionen B\u00fccher mit &#8220;antiukrainischem Inhalt, mit imperialen Erz\u00e4hlungen, mit Literatur, die Gewalt propagiert, B\u00fccher mit prorussischer und chauvinistischer Politik&#8221; aus den \u00f6ffentlichen Bibliotheken entfernt werden sollten. Und in einer zweiten Stufe sollen auch B\u00fccher in russischer Sprache vernichtet werden, die nach 1991 in Russland erschienen. &#8220;Dies sollte verschiedene Genres umfassen, darunter Kinderb\u00fccher, Liebesromane und Detektivgeschichten. Obwohl ich verstehe, dass diese B\u00fccher m\u00f6glicherweise popul\u00e4r sind, ist dies eine offensichtliche Anforderung der Zeit&#8221;, sagte Kowal.<\/p>\n<p>Es ist klar, wie diese stille Konfrontation zwischen den 80 Prozent der ukrainischen Bev\u00f6lkerung, die haupts\u00e4chlich Russisch sprechen, und den fanatischen Ukrainisierern enden wird. Der 30-j\u00e4hrige intensive Druck auf die russische Sprache brachte die Menschen in der Ukrainer nicht dazu, sie weniger zu sprechen. Unklar ist nur, was diese Sprachpolitik der Ukraine mit Menschenrechten, Demokratie und europ\u00e4ischen Werten zu tun hat.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.rt.com\/russia\/556942-language-discrimination-ukraine-oppression\/\">Englischen<\/a>. <\/em><\/p>\n<p><em>Olga Sucharewskaja ist eine ehemalige ukrainische Diplomatin.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> &#8211; <a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/meinungsfreiheit.rtde.life\/europa\/88386-westen-blockiert-dringlichkeitssitzung-un-sicherheitsrates\/\">Westen blockiert Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates \u00fcber ukrainisches Sprachengesetz<\/a><\/p>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/international\/141543-russisch-in-postsowjetischen-ukraine-30-jahre-diskriminierung-meistgesprochenen-sprache\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Olga Sucharewskaja Wenn man in die Ukraine f\u00e4hrt und durch die Stra\u00dfen von Kiew, Winniza, Tschernigow oder Charkow wandelt, kann es einem vorkommen, als w\u00e4re man in Moskau oder Rostow am Don, da die Mehrheit der Menschen in diesen St\u00e4dten Russisch spricht. 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