{"id":110038,"date":"2026-09-06T13:49:03","date_gmt":"2026-09-06T11:49:03","guid":{"rendered":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/die-geschichte-hat-russland-gelehrt-grenzenlos-zu-sein\/"},"modified":"2026-09-06T13:49:03","modified_gmt":"2026-09-06T11:49:03","slug":"die-geschichte-hat-russland-gelehrt-grenzenlos-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/die-geschichte-hat-russland-gelehrt-grenzenlos-zu-sein\/","title":{"rendered":"&quot;Die Geschichte hat Russland gelehrt, grenzenlos zu sein&quot;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/now-news.de\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2026\/09\/6a971ea248fbef72c9774120.jpg\" \/><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_1 \">\n                Wie wurde der Osten zu einem Teil der politischen Kultur Russlands? Dieser Frage widmet sich das neue Buch von Timofei Bordatschow, Professor an der Nationalen Forschungsuniversit\u00e4t &#8220;Hochschule f\u00fcr Wirtschaft&#8221; (HSE) und Programmdirektor des Internationalen Diskussionsklubs &#8220;Waldai&#8221;.\n            <\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_5 ArticleView-text ViewText-root \">\n<p><em>Von Juri Wassiljew<\/em><\/p>\n<p>Mit dem &#8220;n\u00e4chstgelegenen Osten&#8221; sind das heutige Wolgagebiet, Westsibirien und Zentralasien gemeint \u2013 ein Raum ohne wesentliche topografische Grenzen und mit einer ununterbrochenen Tradition der Beziehungen zu Russland. Hinzu kommen Zusammenarbeit und Mitwirkung \u2013 mit anschlie\u00dfender Verflechtung und dem \u00dcbergang in das russische Leben als solches, unabh\u00e4ngig vom Vorhandensein oder Fehlen staatlicher und administrativer Grenzen.<\/p>\n<p>Zumindest so beurteilt Timofei Bordatschow in seiner Monografie &#8220;Pflug und Steigb\u00fcgel&#8221; die tausendj\u00e4hrige Geschichte Russlands und seines n\u00e4chstgelegenen Ostens. Dieses Buch ist eine weitere grundlegende Untersuchung der politischen Kultur Russlands im vergangenen Jahrtausend.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Aus Ihrem vorherigen Buch &#8220;Die Strategie der Moskauer Rus&#8221; ist uns in Erinnerung geblieben, dass die Nachbarn, die Russland in der Anfangsphase seiner Staatsbildung umgaben, in ihrer damaligen Form nicht mehr existieren. Kann man sagen, dass die Geschichte des uns n\u00e4chstgelegenen Ostens in vielerlei Hinsicht, wenn schon nicht mit der Geschichte der Beziehungen zu Russland gleichzusetzen, so doch durch sie bestimmt ist?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Timofei Bordatschow<\/strong><strong><\/strong><strong>(T. B.):<\/strong> Russland ist weder Teil des Westens noch Teil des Ostens. Doch der &#8220;n\u00e4chstgelegene Osten&#8221; ist Teil Russlands. Im Westen gibt es f\u00fcr uns eine deutliche zivilisatorische Grenze \u2013 trotz einer unglaublichen Vielzahl kultureller Verbindungen im weitesten Sinne. Im Osten dagegen fehlt eine solche zivilisatorische Grenze.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Das wird offensichtlich als gegeben hingenommen. Aber ist ein solches Fehlen \u00fcberhaupt von Vorteil?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Ja. Vor allem deshalb, weil die Offenheit Russlands gegen\u00fcber dem ihm n\u00e4chstgelegenen Osten eine gewisse politische Herausforderung darstellt. Wo endet unser zivilisatorischer und kulturpolitischer Raum? Im Raum Orenburg \u2013 wo die l\u00e4ngste regionale Grenze zu Kasachstan verl\u00e4uft? Oder am Amudarja bzw. im Pamir?<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Dort, wo China und sein Zivilisationsraum beginnen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Richtig. Und weiter westlich? Vielleicht am Indischen Ozean, vielleicht am Persischen Golf. Und wieder wird jemand sagen: in Orenburg.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Der &#8220;n\u00e4chstgelegene Osten&#8221; \u2013 was bringt uns dieser Begriff?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Er soll uns erkl\u00e4ren, wie etwas zugleich Ausland sein und dennoch hier pr\u00e4sent sein kann \u2013 in einem Zustand der Untrennbarkeit, als spezifisches Ph\u00e4nomen des russischen Lebens.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: &#8220;Ausland sein&#8221; \u2013 sprechen wir dabei von der heutigen Situation, nachdem viele L\u00e4nder des n\u00e4chstgelegenen Ostens zu eigenst\u00e4ndigen Staaten geworden sind? <\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Nicht nur davon. Und nicht nur von ihnen. In Russland gibt es keine V\u00f6lker und keine F\u00f6derationssubjekte, die in zivilisatorischer Hinsicht zugleich Teil der russischen und der westlichen Welt w\u00e4ren. Wir haben jedoch Regionen, die \u2013 wiederum in kulturell-zivilisatorischer Hinsicht \u2013 sowohl Teil der russischen Welt als auch Teil der gro\u00dfen Welt des Ostens sind. Das deutlichste Beispiel daf\u00fcr sind die nationalen Republiken des Wolgagebiets. Eine solche doppelte Zugeh\u00f6rigkeit gibt es bei uns weder zur chinesischen noch zur westlichen Zivilisation.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Wie l\u00e4sst sich der Prozess dieser Wechselwirkung genauer definieren? Vielleicht zumindest nach dem Ausschlussprinzip: weder Diffusion noch Aneignung noch ein &#8220;Schmelztiegel&#8221;&#8230; <\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Zu einer vollst\u00e4ndigen kulturellen Diffusion ist es in 800 Jahren \u2013 so lange reicht die Verflechtung der Staatlichkeit Russlands und des n\u00e4chstgelegenen Ostens zur\u00fcck \u2013 nicht gekommen. Beide Seiten bewahren weitgehend ihre Eigenst\u00e4ndigkeit \u2013 sowohl Russland als auch diejenigen, die mit uns unseren gemeinsamen historischen Weg beschreiten. Und ja, Russland ist ganz sicher kein &#8220;Schmelztiegel&#8221;. Alle &#8220;Zutaten&#8221; bewahren ihren einzigartigen Geschmack \u2013 seien sie russisch, tatarisch, komi-permjakisch oder kalm\u00fcckisch. Eine Symbiose gibt es nicht. Bei all dieser Pr\u00e4senz und Mitwirkung des n\u00e4chstgelegenen Ostens im russischen Leben kommt es nur selten zu einer wirklichen Absorption \u2013 also dazu, dass etwas in etwas anderem aufgeht.<\/p>\n<p>Hier ein Beispiel daf\u00fcr: Im Jahr 1552 nimmt Iwan der Schreckliche Kasan ein.<\/p>\n<p>1558 stellen Tataren bis zu einem Viertel \u2013 wenn nicht sogar mehr \u2013 der russischen Truppen, die in Livland einmarschieren (unser erster gro\u00dfer Krieg mit der westlichen Welt). Und das nur sechs Jahre nach der Einnahme Kasans.<\/p>\n<p>Und angef\u00fchrt werden sie von Schach-Ali, einem Nachfahren Dschingis Khans und Gro\u00dfneffen Achmats, des letzten Khans der Goldenen Horde, dem wir an der Ugra gegen\u00fcberstanden.<\/p>\n<p><strong>WSGLJAD: War es immer so, dass sich die Nachbarn aus dem &#8220;n\u00e4chstgelegenen Osten&#8221; so schnell an diesem Prozess der Mitwirkung beteiligten? <\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> In den meisten F\u00e4llen. Im n\u00e4chstgelegenen Osten gibt es keine starken kulturell-zivilisatorischen Hindernisse f\u00fcr die Zusammenarbeit mit Russland (als erste Stufe der Pr\u00e4senz und erst recht der Mitwirkung) \u2013 im Gegensatz zum Westen.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Gerade noch haben sie sich bek\u00e4mpft \u2013 und nun sind sie zusammenger\u00fcckt? Und das sogar f\u00fcr Jahrhunderte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Der Osten kennt keine Schemata wie &#8220;Wir werden niemals Br\u00fcder sein&#8221;. Oder umgekehrt: &#8220;Wir werden immer Br\u00fcder sein&#8221;. Es gibt einen Planeten, auf dem jemand neben jemandem lebt. Und weiterlebt. Im Falle Russlands ist es zudem besser, mit ihm zusammenzuleben. Die Umst\u00e4nde m\u00f6gen unterschiedlich sein, doch das Streben nach Zusammenarbeit und dar\u00fcber hinaus \u2013 wenn die Voraussetzungen daf\u00fcr gegeben sind \u2013 ist bei den V\u00f6lkern des n\u00e4chstgelegenen Ostens durchaus weit verbreitet.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Geh\u00f6rt der Kaukasus zu diesem zur Zusammenarbeit bereiten &#8220;n\u00e4chstgelegenen Osten&#8221;?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T.B.:<\/strong> Ich kenne mich mit der Kaukasus-Thematik nicht besonders gut aus. Das ist ein so interessantes Thema, dass man sich damit gesondert befassen m\u00fcsste. Was jedoch konkrete Beispiele angeht, so kann ich Ihnen zumindest dieses nennen: Als wir 1884 die Oase Merw an der Grenze zwischen dem heutigen Turkmenistan und Iran dem Russischen Reich anschlossen \u2013 Merw ist eine der \u00e4ltesten St\u00e4dte Eurasiens \u2013, waren an der Eingliederung der Stadt, die ausschlie\u00dflich auf friedlichem Wege und durch Verhandlungen erfolgte, ein awarischer F\u00fcrst, ein inguschischer F\u00e4hnrich und ein turkmenischer Stammesf\u00fchrer beteiligt, der auf die Seite Russlands \u00fcbergegangen war. Diese drei ehrenwerten M\u00e4nner brachten die letzte Oase in dieser Region, die Russland noch nicht kontrollierte, unter die Herrschaft Sankt Petersburgs. Die sowjetische Stadt Mary ist \u00fcbrigens genau dieses Merw.<\/p>\n<p>Eine unglaubliche Anzahl von Angeh\u00f6rigen der nordkaukasischen Aristokratie, vor allem aus milit\u00e4rischen Kreisen, wurde Teil des russischen Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Sowohl in Ihrem vorherigen als auch in Ihrem neuen Buch wird betont, dass der russische Pragmatismus nie durch Ideologie eingeschr\u00e4nkt wurde. Eine Ausnahme bildet das 20. Jahrhundert. Worin liegt dann die Anziehungskraft der russischen Zivilisation f\u00fcr eine weitere Pr\u00e4senz und erst recht f\u00fcr die Mitwirkung an ihr? Sowohl f\u00fcr besiegte V\u00f6lker \u2013 in den nachfolgenden Generationen \u2013 als auch f\u00fcr diejenigen, die sich bis zu einem gewissen Grad aus eigenem Entschluss unserer F\u00fchrung angeschlossen haben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Genau darin liegt ihre Anziehungskraft: im Fehlen ideologischer Determinanten. Russland hat niemanden jemals gezwungen, sein gesamtes Leben nach bestimmten Wertvorstellungen umzugestalten. Es hat niemals dazu gezwungen, auf die eigene Kultur zu verzichten. Russland hat nie das getan, was andere gro\u00dfe Zivilisationen \u2013 die westliche und die chinesische \u2013 mit anderen taten: deren Kulturen an die eigenen Bed\u00fcrfnisse anzupassen. Die russische politische Zivilisation hat das nie getan.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: &#8220;Gl\u00fcck ist das Fehlen von Ungl\u00fcck&#8221; \u2013 und keine positive Agenda?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Mir scheint, dass gerade in der M\u00f6glichkeit, pragmatische Beziehungen zu Russland aufrechtzuerhalten \u2013 Beziehungen, deren Sinn und Mechanismen beiden Seiten seit fast tausend Jahren vertraut sind \u2013, sehr viel von dieser positiven Agenda steckt. Zugleich enthalten pragmatische Beziehungen eine enorme menschliche Komponente. Um menschlich zu sein \u2013 also friedlich und zur allgemeinen Zufriedenheit dieselben Stra\u00dfen, Felder und W\u00e4lder unter derselben Sonne auf derselben Erde miteinander zu teilen \u2013, muss man Pragmatiker und keine Ideologen sein. Solche Beziehungen zu den V\u00f6lkern des &#8220;n\u00e4chstgelegenen Ostens&#8221; entwickelten sich immer gerade deshalb erfolgreich, weil eine solche Sicht auf die Welt f\u00fcr sie ebenso selbstverst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Immer?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Nat\u00fcrlich gab es auch schwierige Zeiten. Am schwierigsten war das 18. Jahrhundert. Nach der Gr\u00fcndung des Russischen Kaiserreichs begann man in Russland nach ideologischen Leitbildern zu suchen \u2013 etwas, das grunds\u00e4tzlich sch\u00e4dlich ist&#8230;<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: F\u00fcr den Staatsaufbau?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> F\u00fcr alles! Damals kam es zu Versuchen einer gewaltsamen Christianisierung des &#8220;n\u00e4chstgelegenen Ostens&#8221; Russlands. Es war eine schwierige Phase unserer Beziehungen, die allerdings recht schnell endete: Sie begann unter Peter I., setzte sich unter Elisabeth und noch eine Zeit lang unter Katharina II. fort \u2013 bis zum Erlass &#8220;\u00dcber die Toleranz gegen\u00fcber allen Glaubensbekenntnissen&#8221; von 1773, &#8220;damit Liebe, Ruhe und Eintracht herrschen&#8221;. Solche Schwierigkeiten gab es danach nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Beziehungen der Alten Rus zu den von ihr abh\u00e4ngigen V\u00f6lkern waren dadurch gekennzeichnet, dass von russischer Seite kein Bestreben bestand, deren Lebensweise in irgendeiner Weise umzugestalten.<\/p>\n<p>Wir sehen, dass russische Herrscher und russische L\u00e4nder bereits im 10. und 11. Jahrhundert und auch sp\u00e4ter Nomaden in ihre Dienste aufnahmen \u2013 als Teil ihrer milit\u00e4risch-politischen und allgemein politischen Organisation. So entstand das Ph\u00e4nomen der &#8220;Schwarzen Klobuken&#8221;, die sp\u00e4ter als &#8220;unsere eigenen Heiden&#8221; bezeichnet wurden. Sie lebten innerhalb der Kiewer Rus, unabh\u00e4ngig davon, ob sie das Christentum annahmen oder nicht. Und das zweihundert Jahre vor der Entstehung der Goldenen Horde.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Kaum jemand kann der Verlockung des antiken Roms widerstehen: Wir bauen Stra\u00dfen einheitlicher Breite und schmieden Schwerter einheitlicher L\u00e4nge \u2013 und die unterworfenen Gemeinschaften unterliegen erst recht der Uniformierung\u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Nun, wir haben weder solche Stra\u00dfen gebaut noch solche Schwerter gefertigt. Die Barbaren galten f\u00fcr Rom als Foederaten \u2013 halb Verb\u00fcndete, halb S\u00f6ldner \u2013 und waren bis in die bekannten letzten Zeiten des Imperiums kein Teil seines inneren Lebens. Bei uns dagegen schreibt der Chronist \u00fcber den Tod des F\u00fcrsten Isjaslaw:\u00a0&#8220;Das russische Land und die Schwarzen Klobuken weinten um ihn&#8221; \u2013 Menschen, die auf russischem Boden lebten, dem russischen Land dienten und sich an innenpolitischen Auseinandersetzungen sowie an den Fehden der russischen F\u00fcrsten beteiligten. Und sie weinten, ebenso wie das russische Land und das russische Volk, um einen russischen F\u00fcrsten, den alle liebten. Das war im 12. Jahrhundert \u2013 und dies begleitet uns bis zum heutigen Tag.<\/p>\n<p>Und hier \u00fcbrigens noch ein Beispiel aus einer Chronik. Die Chronisten formulierten \u00fcberhaupt hervorragend \u2013 vielleicht, weil sie viel Zeit hatten, vielleicht aber auch, weil sie tats\u00e4chlich daran dachten, dass man sie auch noch in 800 Jahren lesen w\u00fcrde &#8230; In der Hypatiuschronik hei\u00dft es zum Jahr 1155: Die Schlacht gegen die Polowzer ist beendet, und Juri Dolgoruki nimmt Verhandlungen mit dem Gegner auf. Dabei befiehlt er, die polowzischen Gefangenen freizulassen.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Wieder eine &#8220;Geste des guten Willens&#8221;&#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> &#8220;Wieder&#8221; ist heute \u2013 damals waren es jedoch die allerersten. Und \u00fcbrigens durchaus wirksame und pragmatische. Zu Dolgoruki kommen die Anf\u00fchrer der &#8220;Schwarzen Klobuken&#8221; \u2013 Nomaden, die als Teil der russischen Armee gek\u00e4mpft hatten \u2013 und sagen:<\/p>\n<p><em>&#8220;Wir sterben f\u00fcr das russische Land an der Seite deines Sohnes und opfern unser Leben f\u00fcr deine Ehre. Die Gefangenen aber sind unsere Beute.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Wir wissen nicht, was die Anf\u00fchrer der Nomaden Juri Dolgoruki tats\u00e4chlich sagten \u2013 und ob dieses Gespr\u00e4ch \u00fcberhaupt stattgefunden hat. Wir sehen jedoch, dass sie aus Sicht des Chronisten, eines hochgebildeten Menschen des 12. Jahrhunderts, genau so gedacht haben mussten. Er betrachtete ihr Verhalten nicht als das von Fremden, sondern als das von Eigenen \u2013 vor allem, weil sie das bestehende Koordinatensystem akzeptierten. &#8220;Im Wichtigsten sind wir dir vollkommen gleich: in der Bereitschaft zu sterben. Du bist unser Herrscher&#8221; \u2013 hier argumentieren sie wie ganz gew\u00f6hnliche russische Gefolgsleute. &#8220;Die Gefangenen aber sind unsere Beute&#8221; bedeutet: &#8220;&#8230; aber unsere Kultur ist nun einmal eine andere! Wir bewahren unsere kulturelle Eigenst\u00e4ndigkeit \u2013 vergiss das nicht, F\u00fcrst.&#8221;<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Und wie wurde das Problem gel\u00f6st? Jeder hat seine eigene Kultur, aber der Befehl des F\u00fcrsten, sie freizulassen \u2013 steht fest. Den kann man schlie\u00dflich nicht einfach zur\u00fccknehmen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Es wird angenommen, dass Juri Dolgoruki den &#8220;Schwarzen Klobuken&#8221; daf\u00fcr Geld zahlte. Er erstattete ihnen den Wert der Gefangenen, um sowohl die Loyalit\u00e4t der Nomaden als auch den Erfolg der Verhandlungen mit den Polowzern zu sichern. Beide B\u00fccher \u2013 sowohl das vorherige als auch das aktuelle \u2013 befassen sich in gewisser Weise damit, was sich in der russischen politischen Kultur ver\u00e4ndert und was unver\u00e4ndert bleibt. Letzteres macht den weitaus gr\u00f6\u00dferen Teil aus.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Was bringt uns im Alltag das Verst\u00e4ndnis der Urspr\u00fcnge der politischen Kultur Russlands?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Es gibt uns Macht. Sich selbst zu verstehen ist wichtiger als alles andere zu verstehen. Zu wissen, wie man selbst in bestimmten Situationen handelt und warum, spart viel Zeit bei der Entscheidungsfindung. Grundlegende abstrakte Dinge \u2013 wie die politische Kultur, um die es im Buch &#8220;Pflug und Steigb\u00fcgel&#8221; geht \u2013 l\u00f6sen praktische Probleme nicht unmittelbar. Die Antwort auf die Frage &#8220;Warum?&#8221; \u2013 und nicht nur &#8220;Was?&#8221; \u2013 verleiht zwar keine Kraft, aber Macht. Sie er\u00f6ffnet umfassendere M\u00f6glichkeiten, das eigene gegenw\u00e4rtige Leben zu gestalten. Das Buch dient dazu, uns selbst besser kennenzulernen und mehr \u00fcber uns selbst zu erfahren \u2013 in unserem unmittelbaren \u00e4u\u00dferen Umfeld, durch die Wechselwirkung mit unserem wichtigsten zivilisatorischen Partner, der zugleich Teil des russischen Lebens und der russischen Geschichte ist.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Wenn wir von den V\u00f6lkern des &#8220;n\u00e4chstgelegenen Ostens&#8221; innerhalb Russlands sprechen \u2013 k\u00f6nnen wir dann \u00fcberhaupt mit uns selbst interagieren? Indem wir uns selbst zugleich als unsere eigenen Partner betrachten &#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Die richtige Antwort w\u00e4re nat\u00fcrlich: &#8220;Nein, das k\u00f6nnen wir nicht.&#8221; Doch in der Praxis beginnt hier das Interessanteste. Ganz gleich, wie viele Menschen mit deutschen Nachnamen im russischen Staatsdienst t\u00e4tig waren \u2013 die germanische Welt bleibt f\u00fcr uns dennoch eine fremde Welt. Sowohl die katholische als auch die protestantische. Die tatarische Welt dagegen geh\u00f6rt f\u00fcr uns zur inneren Welt. Da die Grenzen zwischen der tatarischen Welt, der baschkirischen Welt, der Welt des turksprachigen Zentralasiens und so weiter schwer fassbar sind, betrachten wir auch L\u00e4nder, die heute zum Ausland geh\u00f6ren, als Teil unserer inneren Welt.<\/p>\n<p>Bei der kaukasischen Welt zeigen sich \u00e4hnliche Zusammenh\u00e4nge, allerdings habe ich sie weit weniger untersucht. Doch einiges spricht daf\u00fcr, dass die allgemeinen Prinzipien ihrer Pr\u00e4senz und Mitwirkung in der politischen Kultur Russlands ungef\u00e4hr dieselben sind. Im wichtigsten Bereich \u2013 der Beteiligung an den milit\u00e4rischen Angelegenheiten des russischen Staates \u2013 ist der Kaukasus trotz seiner au\u00dferordentlichen kulturellen Eigenst\u00e4ndigkeit Teil unseres kulturell-politischen Systems. Und zwar seit der Mitte des 19. Jahrhunderts \u2013 bis hin zu den aktuellen milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen im S\u00fcdwesten des Landes. Und seit seiner Eingliederung ist deutlich weniger Zeit vergangen als seit der Eingliederung der V\u00f6lker, \u00fcber die wir zuvor gesprochen haben: nur etwas mehr als anderthalb Jahrhunderte. Die tatarischen und finno-ugrischen V\u00f6lker dagegen leben seit mehr als einem halben Jahrtausend mit uns.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Zur Frage, ob das Ausland als Teil der inneren Welt betrachtet werden kann: Sie f\u00fchren ein Beispiel von Wassili Grigorjew an, einem Historiker und Orientalisten des 19. Jahrhunderts, der darauf hinwies, dass \u00fcber einen Zeitraum von hundert Jahren hinweg die Korrespondenz mit dem Kasachischen Chanat in tatarischer Sprache erfolgte. War das eine Kuriosit\u00e4t oder Ausdruck eines systemischen Ph\u00e4nomens?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Letzteres, nat\u00fcrlich. Wir waren vollkommen davon \u00fcberzeugt, dass es sich um ein und dasselbe handelte. Wir kamen zu ihnen mit derselben \u00dcberzeugung, dass sie ebenso &#8220;unsere eigenen Heiden&#8221; seien wie jene, gegen die Russland zun\u00e4chst Krieg gef\u00fchrt hatte, um sich anschlie\u00dfend mit ihnen zu vereinen und gemeinsam den historischen Weg zu beschreiten. 250 Jahre lang grenzten wir an Kasachstan und Mittelasien, ohne dort einzumarschieren. Vom 16. bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war dies weder zur Verwirklichung au\u00dfenpolitischer Ziele noch f\u00fcr das \u00dcberleben des russischen Staates notwendig. Als wir schlie\u00dflich dorthin kamen, waren wir \u00fcberzeugt, dass dieses Gebiet bald zu einem ganz normalen Teil Russlands werden w\u00fcrde. Jenes Russlands, dessen Aristokratie Kljutschewski zufolge zu 17 Prozent tatarischer und nogaischer Herkunft war.<\/p>\n<p>Zugegebenerma\u00dfen gab es ein Problem.<\/p>\n<p>Im Falle Mittelasiens betraten wir einen Raum, dessen politische Kultur eine um ein Vielfaches l\u00e4ngere Geschichte hatte als die russische.<\/p>\n<p>Dort entstand Staatlichkeit bereits in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. \u2013 noch vor Alexander dem Gro\u00dfen. Zum Inbegriff dieser Probleme wurde der Aufstand von 1916, als sich die V\u00f6lker Mittelasiens massenhaft weigerten, an den milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten des Russischen Kaiserreichs teilzunehmen. Allerdings geschah dies bereits in der Endphase des Kaiserreichs, zu einer Zeit, in der sich die Existenzformen Russlands wandelten.<\/p>\n<p><em><strong>W<\/strong><\/em><em><strong>SGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Welche Forschungsarbeiten \u00fcber unsere Beziehungen zum &#8220;n\u00e4chstgelegenen Osten&#8221; w\u00fcrden Sie denjenigen empfehlen, die sich nach der Lekt\u00fcre von &#8220;Pflug und Steigb\u00fcgel&#8221; n\u00e4her mit dem Thema besch\u00e4ftigen m\u00f6chten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Eine Liste von Publikationen zusammenzustellen, ist nat\u00fcrlich m\u00f6glich \u2013 allerdings nicht ohne M\u00fche. \u00dcber die Beziehungen Russlands zum Westen gibt es unglaublich viele B\u00fccher. \u00dcber die Beziehungen zu China \u2013 weniger, aber immer noch viele. Literatur \u00fcber die Beziehungen zum &#8220;n\u00e4chstgelegenen Osten&#8221;, der Teil des russischen Lebens ist, gibt es sie zwar, aber nur wenige. Dies l\u00e4sst sich als eine &#8220;Aberration der N\u00e4he&#8221; bezeichnen, wie Lew Nikolajewitsch Gumiljow es einst ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Oder, wie Puschkin einst sagte: &#8220;Wir sind faul und nicht neugierig&#8221;&#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Warum sollte man neugierig auf etwas sein, das ganz selbstverst\u00e4ndlich ist? Das ist nun einmal ein Bestandteil unseres Lebens, unserer politischen Kultur \u2013 warum sollten wir uns selbst bis ins kleinste Detail analysieren? Unser Interesse an uns selbst ist sehr gro\u00df, manifestiert sich jedoch auf anderen Ebenen. Wir interessieren uns weitaus mehr daf\u00fcr, &#8220;warum Russland sich so verh\u00e4lt&#8221;, als &#8220;was Russland ausmacht, wie man in diesem oder jenem Teil Russlands auf ein Pferd steigt, welche Essgewohnheiten dort vorherrschen&#8221; und so weiter. Die richtige Antwort lautet: Jeder steigt so aufs Pferd, wie es f\u00fcr ihn am bequemsten ist \u2013 und bleibt dabei Teil der russischen Kultur, w\u00e4hrend zugleich die Wechselwirkung im \u00e4u\u00dferen Umfeld des &#8220;n\u00e4chstgelegenen Ostens&#8221; gew\u00e4hrleistet wird. Von der Wolga bis zum Amudarja und ringsum.<\/p>\n<p>F\u00fcr anst\u00e4ndige Menschen liegt die gr\u00f6\u00dfte Attraktivit\u00e4t des Lebens neben einer gro\u00dfen Zivilisation oder als Teil von ihr in der Freiheit \u2013 darin, dass niemand sie zwingt, ihre Lebensweise grundlegend zu ver\u00e4ndern. Und unanst\u00e4ndige Menschen brauchen wir nicht.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Wen genau meinen Sie mit &#8220;wir&#8221;?<\/strong><\/p>\n<p><strong>T. B.:<\/strong> Ganz einfach: Russland. Russland, das immer existiert. Das immer als eine von anderen unabh\u00e4ngige soziale Organisation existiert. Der Staat ist lediglich eine konkrete Organisationsform, die sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert \u2013 auch bei uns. Die F\u00e4higkeit eines Volkes einschlie\u00dflich seiner Elite, die wichtigsten Entscheidungen selbstst\u00e4ndig zu treffen, bleibt dagegen unver\u00e4ndert. Russlands historische Erfahrung w\u00e4chst stetig. Es kommt weder zu einer Unterbrechung dieser Erfahrung noch zu einer in ihrem Ausma\u00df dramatischen \u00dcbernahme fremder Erfahrungen. Es geschieht also nicht das, was beispielsweise mit der gro\u00dfen indischen Zivilisation geschah, in der fremde Erfahrungen in sehr gro\u00dfem Umfang \u00fcbernommen wurden. Und dabei stellt sich die Frage, wer letztendlich wen beeinflusst hat &#8230;<\/p>\n<p>Methodologisch betrachtet geht es bei der Frage rund um Russland und seinen &#8220;n\u00e4chstgelegenen Osten&#8221; um Russland selbst. Darum, wie Russland sich selbst geschaffen hat \u2013 und dies weiterhin tut. Und darum, wie Russland, indem es sich selbst formt, zwangsl\u00e4ufig auch die Formen und M\u00f6glichkeiten der Beziehungen zu anderen beeinflusst \u2013 darunter zu den V\u00f6lkern seines &#8220;n\u00e4chstgelegenen Ostens&#8221;.<\/p>\n<p><em><strong>WSGLJAD<\/strong><\/em><strong>: Liegt hier der Ursprung des mittlerweile geradezu sprichw\u00f6rtlichen Satzes &#8220;Die Grenzen Russlands enden nirgendwo&#8221;? <\/strong><\/p>\n<p><strong>T.B.:<\/strong> In dieser Hinsicht \u2013 ganz sicher. Die Geschichte hat Russland gelehrt, grenzenlos zu sein.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzt aus dem <a rel=\"nofollow\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/m.vz.ru\/politics\/2026\/8\/31\/1446973.html\">Russischen<\/a>. Der Artikel ist am 31. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung &#8220;Wsgljad&#8221; erschienen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong> \u2014\u00a0<a rel=\"nofollow\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/de-rtnews.com\/russland\/64980-kasan-reiseziel-welches-mit-zahlreichen-klisches\/\">Kasan &#8211; Ein Reiseziel, welches mit zahlreichen Klischees \u00fcber Russland bricht <\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v6woyj0\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/russland\/290359-geschichte-hat-russland-gelehrt-grenzenlos\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wurde der Osten zu einem Teil der politischen Kultur Russlands? 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