{"id":102858,"date":"2026-05-07T16:23:31","date_gmt":"2026-05-07T14:23:31","guid":{"rendered":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/erinnerungen-an-das-leben-im-kriegsdeutschland-und-danach-vom-feindsender-hoeren-zum-aufbau-der-ddr\/"},"modified":"2026-05-07T16:23:31","modified_gmt":"2026-05-07T14:23:31","slug":"erinnerungen-an-das-leben-im-kriegsdeutschland-und-danach-vom-feindsender-hoeren-zum-aufbau-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/now-news.de\/de\/deutschland\/erinnerungen-an-das-leben-im-kriegsdeutschland-und-danach-vom-feindsender-hoeren-zum-aufbau-der-ddr\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an das Leben im Kriegsdeutschland und danach: Vom Feindsender-H\u00f6ren zum Aufbau der DDR"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/now-news.de\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2026\/05\/69fc7f8748fbef4c432d9fe2.png\" \/><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_1 \">\n                Horst Aden erlebte die Zeit des Zweiten Weltkrieges als Sch\u00fcler. Dank seines Elternhauses wurde er nie mit der Nazi-Ideologie infiziert. Nach Kriegsende teilte er die Hoffnung vieler Deutscher auf eine sozialistische Entwicklung \u2013 wozu er selbst in der DDR seinen Beitrag leistete, wobei er die Fehlentwicklungen des Sozialismus schon fr\u00fch erkannte.\n            <\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"Text-root Text-type_5 ArticleView-text ViewText-root \">\n<p><em><a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/242720-nach-9-mai-1945-erinnerungen\/\">Folge 1<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/242729-nach-9-mai-1945-erinnerungen\/\">Folge 2<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243171-nach-9-mai-1945-vom\/\">Folge 3<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243193-nach-9-mai-kriegswirren-und\/\">Folge 4<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243197-nach-9-mai-befreiung-in\/\">Folge 5<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243194-nach-9-mai-1945-erinnerung\/\">Folge 6<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243310-nach-9-mai-1945-ueber-nachkriegs-berlin-russisch-lernen-und-freundschaften-in-der-udssr\/\">Folge 7<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243418-nach-9-mai-1945-bayern\/\">Folge 8<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243315-nach-dem-9-mai-1945-dresden-2025-mein-leben-mit-meinen-freunden\/\">Folge 9<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243321-nach-9-mai-1945\/\">Folge 10<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243391-nach-9-mai-1945-thueringen\/\">Folge 11<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243403-nach-9-mai-1945\/\">Folge 12<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243405-nach-9-mai-1945-eindruecke\/\">Folge 13<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243416-nach-9-mai-1945-praegende\/\">Folge 14<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243313-nach-dem-9-mai-1945-stuttgart-die-nachkriegsjahre-im-westen-deutschlands\/\">Folge 15<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/243419-nach-9-mai-1945-perspektive\/\">Folge 16<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/inland\/244314-nach-einmarsch-roten-armee-in-armee-die-deutschen-haben-leben\/\">Folge 17<\/a>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/244417-nach-9-mai-1945-kriegsfruehling\/\">Folge 18<\/a><\/em><\/p>\n<p><em><\/em><\/p>\n<p><em>Von\u00a0Horst Aden, Berlin<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Im letzten Jahr der Weimarer Republik wurde ich in eine gesellschaftskritische Familie hineingeboren. Meine Mutter stammte aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Von meinem Vater wei\u00df ich nur, dass er einst bei der USPD war und nach 1945 in die KPD eingetreten, aus der er 1947\/8 wegen &#8220;negativer Kritik&#8221; wieder ausgeschlossen worden ist. Nach meiner Geburt war noch nicht einmal ein Jahr vergangen, als die Nazis an die Macht gebracht worden sind und mein Vater wegen seiner Gesinnung als Lehrer abgebaut wurde, was man in der Bundesrepublik sp\u00e4ter Berufsverbot genannt hat. So hatten meine Eltern die schwierige Aufgabe, mich vor der Verseuchung mit der Nazi-Ideologie zu sch\u00fctzen, was ihnen auch gelungen ist, zumal mich der militaristische Rummel nicht begeisterte.<\/p>\n<p>Als ich einmal mit meiner Mutter in Leipzig auf dem Br\u00fchl war, sah ich einen Mann in einem dunklen Anzug mit einem grellblendend gelben Stern auf der Brust. Das war so ersch\u00fctternd, dass ich meine Mutter danach fragte, was das bedeutet. Sie erkl\u00e4rte es mir. An kriegsvorbereitenden, propagandistisch militaristischen Veranstaltungen, wie Erbsensuppe mit Speck aus der Gulaschkanone in einer Kaserne, nahmen wir nicht Teil. Auch an der Diskriminierung anderer V\u00f6lker, wie Polen mit dem abwertenden Begriff Polacken zu bezeichnen, beteiligten wir uns nicht. Im Kindergarten wurde einmal des &#8220;F\u00fchrers&#8221; Geburtstag gedacht. Dabei wurde gesagt, dass er Kunstmaler werden wollte, und ein Bild mit roten Blumen gezeigt. Das war alles, was ich auf dieser Strecke im Kindergarten erlebt habe.<\/p>\n<p>Als ich 1939 im Alter von sieben Jahren eingeschult wurde, begann der \u00dcberfall auf Polen. Den \u00dcberfall auf die Sowjetunion erfuhr ich auf der Stra\u00dfe in der N\u00e4he meiner Schule durch eine Frau, die es einer anderen berichtete. Beide waren davon nicht gerade begeistert.<\/p>\n<p>In den ersten drei Jahren der Grundschule hatten wir einmal nat.-pol. (nationalpolitischen) Unterricht, in dem der Lehrer den Lebenslauf Martin Luthers in Bildern an die Tafel malte und wir das mit den entsprechenden Texten abzeichnen sollten. Das war national, politisch, aber nicht nazistisch. An mehr nat.-pol. Unterricht kann ich mich nicht erinnern. W\u00e4hrend des Krieges zeigten einige Mitsch\u00fcler Granatsplitter. Der Gedanke, von einem solchen scharfkantigen Splitter getroffen zu werden, war nicht gerade verlockend. Einige Sch\u00fcler begeisterten sich f\u00fcr die &#8220;Heldentaten&#8221; der\u00a0 Ritterkreuztr\u00e4ger, ohne das geringste Mitgef\u00fchl f\u00fcr ihre Opfer zu haben.<\/p>\n<p>Mein Vater versuchte aufkl\u00e4rend zu wirken. Einmal wurde er daf\u00fcr angezeigt, kam in Untersuchungshaft, wo meine Mutter, meine kleine Schwester und ich ihn einmal besuchen konnten, und wurde wegen Versto\u00dfes gegen das Heimt\u00fcckegesetz angeklagt. Er hatte das Gl\u00fcck, dass der Zeuge, der gegen ihn aussagen sollte, meinte, dass er sich an nichts erinnern k\u00f6nne, und nichts aussagte.<\/p>\n<p>Nach der Entlassung aus der Haft fand mein Vater Arbeit an der Fernschule in Bad Frankenhausen in Th\u00fcringen. Im Sommer 1942 besuchte ich meinen Vater in Bad Frankenhausen, dessen bergige, waldreiche Umgebung mir so gut gefiel, dass ich dort blieb. Im Herbst kam ich in die vierte Klasse der Grundschule mit 40 Sch\u00fclern, von denen einige mehrfach sitzen geblieben waren. An einer Au\u00dfenseite der Schule hing ein Schaukasten mit dem St\u00fcrmer, der Zeitung der SA. Darin gab es unter anderem eine Spalte, in der den Juden Verhaltensweisen unterstellt wurden, mit denen ein Volk v\u00f6llig lebensunf\u00e4hig w\u00e4re, so dass ich mich fragte, wie man so etwas \u00fcberhaupt glauben k\u00f6nne. Dass so etwas m\u00f6glich ist, ist in den letzten f\u00fcnf Jahren erst unter dem Vorwand eines angeblich \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlichen Coronavirus und jetzt aggressiven Russlands belegt worden. Beides ist leicht zu durchschauen, wenn man sich die im Internet zug\u00e4nglichen Statistiken ansieht, im ersten Fall die Sterberaten und im zweiten die Verh\u00e4ltnisse der weltweiten R\u00fcstungsproduktion. Es gibt weder ein Motiv noch die M\u00f6glichkeit daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Im zweiten Fall br\u00e4uchte man sich auch nur daran zu erinnern, dass die Sowjetunion schon 1952 den Vorschlag (die im Westen sogenannte Stalin-Note) gemacht hat, mit einem einheitlichen neutralen Deutschland einen Friedensvertrag abzuschlie\u00dfen und die Besatzungstruppen abzuziehen. Das haben die Westm\u00e4chte abgelehnt. Die sowjetischen\/russischen Truppen sind bis 1994 abgezogen. Was hatte das f\u00fcr einen Sinn, wenn sie doch an den Atlantik wollten? Umgekehrt ergibt sich ein Sinn, wenn die westlichen Truppen in Deutschland bleiben und sp\u00e4ter unter Bruch eines Versprechens nach Osten vorr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Kollegen meines Vaters an der Fernschule waren bis auf einen SA-Mann, zu dem mein Vater trotzdem ein gutes Verh\u00e4ltnis zu haben schien, nicht kriegsverwendungsf\u00e4hig (kv.). Dar\u00fcber hinaus waren sie auch keine Nazianh\u00e4nger. Eines Tages kam unser Lehrer in die Klasse und schickte einen Mitsch\u00fcler zu einem seiner Kollegen. Es war der Sohn eines Kollegen meines Vaters. Nachdem dieser den Klassenraum verlassen hatte, bot der Lehrer demjenigen, der bezeugt, dass der Vater dieses Sch\u00fclers ihn mit seinem Stock geschlagen habe, einen Viertelzentner Obst. Ein Sch\u00fcler, der viermal sitzen geblieben war, meldete sich daf\u00fcr. Da mich der Vorfall emp\u00f6rte, schilderte ich ihn meinem Vater. Es kam zum Gerichtsverfahren, wozu ich als Zeuge geladen wurde. Zu meiner Aussage wurde ich in den Gerichtssaal gerufen. Die Frage des Richters bejahte ich und wurde sofort wieder aus dem Saal gef\u00fchrt. Leider merkte ich erst dabei, dass der Richter die Frage negiert gestellt hat. Das war meine erste Bekanntschaft mit der Klassenjustiz.<\/p>\n<p>Im folgenden Jahr kam ich in die Oberschule. Unser Englischlehrer hatte den Spitznamen &#8220;Hitler auf dem Rade&#8221;, da er beim Radfahren mit ausgestrecktem Arm gr\u00fc\u00dfte. Im Unterricht war allerdings nichts davon zu bemerken.<\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v77c0g8\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<p>Wer in die f\u00fcnfte Klasse kam, wurde, ob er wollte oder nicht, Pimpf und musste mittwochs und sonnabends zum Jungvolkdienst anr\u00fccken, der aus Marschieren und Gel\u00e4ndespielen bestand. Zur Abwechslung hat man uns einmal einen Micky-Maus-Film gezeigt. Mein Vater hatte von einem Bekannten einen Radioempf\u00e4nger ohne Lautsprecher bekommen, mit wir die M\u00f6glichkeit hatten, mit einem Kopfh\u00f6rer zusammen &#8220;Feindsender&#8221; zu h\u00f6ren, was mit mindestens zwei Jahren Zuchthaus bestraft wurde. Damit konnten wir uns unter anderem \u00fcber den Frontverlauf informieren. Bis die Befreier kamen, dauerte es noch etwa drei Jahre.<\/p>\n<p>Es waren US-amerikanische Truppen, die praktisch ohne den geringsten Widerstand einmarschierten, besser gesagt auf ihren Panzern einfuhren. Dass ihrer Regierung andere Interessen hatte, als uns zu befreien, begriffen wir allm\u00e4hlich sp\u00e4ter, wenn \u00fcberhaupt. Kaum waren sie da, begannen die Pl\u00fcnderungen in den zwei Kinderheimen und einer Gastst\u00e4tte unter den Augen des US-amerikanischen Milit\u00e4rs. Die beiden Kinderheime war ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor des Kurortes, der nur nach vollst\u00e4ndiger neuer Ausstattung wieder genutzt werden konnte, aber wo sollte diese herkommen?<\/p>\n<p>Bald bekamen wir die Aufforderung, uns an einer bestimmten Stelle zur Registrierung zu melden. Uns wurden die Fingerabdr\u00fccke abgenommen und wir bekamen einen Ausweis, mit dem wir uns im Umkreis von sechs Kilometer bewegen durften. Dann hie\u00df es, dass wir Fotoapparate und Radioger\u00e4te abzugeben h\u00e4tten, was milit\u00e4risch in der Situation v\u00f6llig sinnlos war. Die US-amerikanischen Truppen wurden \u00e4u\u00dferst gut versorgt, so dass sie viele \u00dcberreste von ihren Nahrungsmitteln hatten, die sie in der N\u00e4he verbrannten und auf einem nahe gelegenen Acker vergruben. Es gab auch Soldaten, die Kindern mal einen Block Schokolade gaben. Ihren M\u00fcll luden sie prinzipiell auf Waldwegen ab.<\/p>\n<p>Ich hatte zwar nichts f\u00fcr die deutsche Wehrmacht \u00fcbrig, aber als ich gesehen habe, wie die US-Truppen die deutschen Kriegsgefangenen auf \u00fcberf\u00fcllten offenen LKWs transportierten, was an eine Blumenvase mit \u00fcber den Rand h\u00e4ngenden Blumen erinnerte, haben mir die Soldaten doch leid getan. Der Kollege meines Vaters, der bei der SA war, ist von der US-Armee nach Bad Kreuznach gebracht worden. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass er dort verhungert sei, was wir sehr bedauerten. Er war einer von den 900.000, die dort umgekommen und im Westen als Opfer sowjetischer Schweigelager umgebucht worden sind.<\/p>\n<p>Wir erfuhren auch von dem Abwurf der beiden Atombomben auf Japan. Im Juli begann der Abzug der US-Truppen, die in den 65 Z\u00fcgen mit \u00fcber 3.000 Waggons nicht nur ihre Sachen, sondern auch Beutegut hatten, wovon auch im Potsdamer Abkommen die Rede ist. Zum Beutegut geh\u00f6rten auch alle Naturwissenschaftler der Leipziger Universit\u00e4t und beispielsweise \u00fcber 90 Tonnen Silber aus dem Werk AGFA-Wolfen samt Fachleuten. \u00c4hnlich sah es auch in den Werken Carl-Zei\u00df-Jena und im Glaswerk Schott &amp; Genossen aus. Begleitet wurde dieser Abzug mit \u00fcbler Hetze gegen die Sowjets, die recht unauff\u00e4llig waren bis auf ihre Schlafges\u00e4nge, mit denen sie abends noch auf den Stra\u00dfen marschierten.<\/p>\n<p>Die \u00fcbereinstimmende Ansicht war, dass es nie wieder Krieg geben solle. Sehr oft war zu h\u00f6ren: &#8220;Hoffentlich machen die Russen mit uns nicht das, was wir mit ihnen gemacht haben.&#8221; Die Grausamkeiten hatten sich herumgesprochen. Als der Sohn unseres Wirtes in Urlaub kam, zeigte er uns zwei Fotografien mit mannshohen Leichenhaufen. Auf die Frage meines Vaters, was damit gemacht w\u00fcrde, antwortete er: &#8220;Es wird Benzin dar\u00fcber gegossen und angebrannt.&#8221; Meine Schlussfolgerung daraus war, dass Deutschland und Russland zusammen arbeiten m\u00fcssen, wozu man Sprachkenntnisse braucht.<\/p>\n<p>Im Herbst begann die Schule wieder, wo wir die meisten Lehrer, da sie sich nicht kompromittiert hatten, wiedersahen. Die durch die entlassenen Nazis entstandenen L\u00fccken wurden mit Neulehrern gef\u00fcllt, die parallel zu ihrer Lehrt\u00e4tigkeit ihr Wissen erwarben. Letzten Endes wurde es mit den Lehrpl\u00e4nen geschafft, dass die ostdeutschen Sch\u00fcler ihren westdeutschen Altersgef\u00e4hrten im Wissen voraus waren.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich hatten wir in der Oberschule noch drei Lehrerinnen aus Riga. Sie konnten alle Russisch sprechen. Bei einer von ihnen hatten wir Russisch. Das war zwar sehr gut, aber es reichte mir nicht. So habe ich mir 1947 eine russische Chrestomathie (Literatursammlung) und dazu ein gutes W\u00f6rterbuch gekauft. In der Chrestomathie las ich t\u00e4glich so viel Text, dass ich etwa 20 mir noch unbekannte Vokabeln fand. 1950 konnte ich meine ersten Gespr\u00e4che mit sowjetischen B\u00fcrgern f\u00fchren. Das war f\u00fcnf Jahre nach dem f\u00fcr die Sowjetmenschen sehr opferreichen Kriege. Sp\u00e4ter habe ich noch hunderte, eher tausende solche Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. Bei denen bin ich nicht ein einziges Mal so gedem\u00fctigt worden, wie ich das nach 1991 von gewissen westdeutschen Landsleuten erlebt habe.<\/p>\n<p>Wir hofften auf eine sozialistische Entwicklung nach dem Kriegsende. Meinen Beitrag dazu wollte ich altersgem\u00e4\u00df durch zus\u00e4tzliches Lernen liefern. Ich konzentrierte mich dabei im Wesentlichen auf die Naturwissenschaften und las dar\u00fcber hinaus Werke von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Die Schriften der ersten drei waren mir bis zum heutigen Tag von Nutzen. Den Stil der stalinschen Schriften fand ich eigenartig. 1950 war ich Zirkelleiter im FDJ-Lehrjahr zum Thema Stalinbiografie. Da erfuhr ich, dass J. Dshugaschwili (Stalin) das Tifliser Priesterseminar besucht hatte und als ich sp\u00e4ter das erste Mal eine Predigt h\u00f6rte, wurde mir klar, wodurch sein Stil gepr\u00e4gt worden war. Eine Ausnahme bildete die unter seinem Namen herausgegebene Schrift: &#8220;\u00dcber Dialektischen und Historischen Materialismus&#8221;. Da seine Politik nicht den Erkenntnissen dieser Schrift entsprach, ist stark zu bezweifeln, dass er sie geschrieben hat. Auch die Marxsche Politische \u00d6konomie spiegelte sich in seiner Wirtschaftspolitik nicht wider.<\/p>\n<p>1954 begann ich ein Physikstudium an der Karl-Marx-Universit\u00e4t Leipzig. Der Chemieprofessor Wolf war zur\u00fcckgekommen und hielt Vorlesungen. Das zerbombte Physikalische Institut war durch ein neues ersetzt worden, das allen Anforderungen gerecht wurde. F\u00fcnf Professoren betreuten die obligatorischen Fachgebiete und dar\u00fcber hinaus verschiedene wahlweise. Das war eine gewaltige Leistung, die auch der Westen f\u00fcr sich zu nutzen versuchte, w\u00e4hrend er uns gleichzeitig schadete, wo er nur konnte.<\/p>\n<p>Das &#8220;bedeutendste&#8221; Fach war der Marxismus-Leninismus. Im Laufe der Vorlesungen wurden physikalische Gesetze als b\u00fcrgerlich verunglimpft. Eines Tages kam der Dozent in den H\u00f6rsaal mit den Worten: &#8220;Der Focke (unser Mathematikdozent) besch\u00e4ftige sich mit Linsenfehlern f\u00fcnfter Ordnung, ha ha ha.&#8221; Diese Marxismus-Leninismus-Leute Stalinscher Pr\u00e4gung meinten, mit ihren Kenntnissen alle Probleme l\u00f6sen zu k\u00f6nnen und hatten es deshalb gar nicht n\u00f6tig, unseren Mathematikdozenten danach zu fragen, welchen Zweck er denn verfolge. Er arbeitete f\u00fcr die optischen Carl-Zei\u00df-Werke in Jena, die eine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr den Export hatten.<\/p>\n<p>Am Physikalischen Institut der Leningrader Universit\u00e4t hatte ich Anfang der sechziger Jahre folgendes Erlebnis: Ein Dozent kam von einer Vorlesungsreihe an der Potsdamer Universit\u00e4t zur\u00fcck und berichtete \u00fcber das oben geschilderte Verhalten der &#8220;Marxisten-Leninisten&#8221;, worauf ein anderer sagte: &#8220;Das war bei uns genauso, nur wir mussten die Atombombe bauen und seitdem k\u00f6nnen wir frei forschen.&#8221; 25 Jahre etwa und Drucks von au\u00dfen hat es bedurft, um diese Bremse zu l\u00f6sen. Wie viele andere Bremsen haben das Land behindert? Ich erw\u00e4hne nur Genetik und Kybernetik.<\/p>\n<p>1957\/58 erfuhr ich bei einem Berufspraktikum in einer Entwicklungsabteilung im Funkwerk Dresden, wie geplant wird, und schloss daraus, dass mit dieser Planungsmethode ein Wettbewerb mit dem Kapitalismus nicht zu gewinnen ist. Da die Sowjetunion viel weiter entwickelt sein sollte als die DDR, hoffte ich, dass es dort besser sei. 1960 schloss ich mein Studium ab und bekam das Angebot, zu einer Aspirantur in die Sowjetunion zu gehen. Ich nahm das Angebot gerne an und kam an die Universit\u00e4t in Leningrad. Meine Hoffnungen erf\u00fcllten sich aber nicht.<\/p>\n<p>In der Sowjetunion fand ich zwar nette Menschen, aber nicht den sozialistischen, sondern einen, der aus der Leibeigenschaft in eine andere Diktatur gekommen war, die f\u00e4lschlicherweise mit Diktatur des Proletariats bezeichnet wurde. In einem pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch best\u00e4tigte mir gegen\u00fcber 1973 ein Leiter von Gosplan (sowj. Plankommission), dass die Initiativen von Millionen unterdr\u00fcckt werden. Wie konnte es anders sein, wenn die Menschen auf die Anweisungen &#8220;des weisen F\u00fchrers und teuren Lehrers&#8221; warten mussten, ehe sie etwas tun durften. Widerspr\u00fcche durfte es im &#8220;Sozialismus&#8221; nicht geben, h\u00f6chstens nicht-antagonistische, wobei nicht erkl\u00e4rt war, was diese Wortsch\u00f6pfung bedeuten sollte.<\/p>\n<p>Es gab einen gewaltigen Widerspruch zwischen dem allgemeinen hohen Niveau der Volksbildung und der wissenschaftlichen Einrichtungen gegen\u00fcber dem stalinschen Marxismus-Leninismus, der sich bis zum Zusammenbruch der KPdSU hielt. 1957 wurde in der DDR ein Forschungsrat gegr\u00fcndet, den Walter Ulbricht sehr ernst nahm. Man sp\u00fcrte das an den Ma\u00dfnahmen. Walter Ulbricht hatte sich in jungen Jahren mit der Marxschen Politischen \u00d6konomie besch\u00e4ftigt und begriffen, dass die aus der Sowjetunion \u00fcbernommene Wirtschaftsorganisation, die bei der Planung des Nachbaus von Industrieanlagen erfolgreich war, l\u00e4ngst durch eine innovative Planung h\u00e4tte ersetzt werden m\u00fcssen. Chruschtschow hatte wohl die Absicht, das zu \u00e4ndern, und gab auch Walter Ulbricht die M\u00f6glichkeit dazu.<\/p>\n<p>1963 wurde in der DDR das neue \u00f6konomische System begonnen, bei dem die Entscheidungsgewalt dezentralisiert und denjenigen \u00fcbergeben werden sollte, die auch die erforderlichen Kenntnisse hatten. Als ich 1964 meine R\u00fcckkehr in die DDR vorbereitete, traf ich einen \u00d6konomen, mit dem ich in Leningrad oft \u00f6konomische Probleme diskutiert hatte. Er suchte f\u00fcr das Rechenzentrum der Plankommission mathematisch gebildete Mitarbeiter. Ich sagte ohne Z\u00f6gern zu, da mir schien, dass das im damaligen Moment wichtiger war als irgendwelche physikalischen Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Doch 1971 wurde die Hoffnung wieder zerst\u00f6rt. Wir wurden zusammengerufen und uns wurde mitgeteilt: &#8220;Das Neue \u00d6konomische System wird nicht fortgef\u00fchrt, die Bilanzierung ist die Hauptmethode der Planung.&#8221; Mein erster Gedanke daraufhin war: &#8220;Und das ist der Anfang vom Ende.&#8221; Walter Ulbricht, der so viel f\u00fcr die DDR getan hatte, wurde auf Anweisung Moskaus von dem Schwachkopf Erich Honecker weggeputscht, so wie Chruschtschow schon sieben Jahre fr\u00fcher mittels Breschnjew.<\/p>\n<p>Das <em>Neue Deutschland<\/em>, dass ich seit dem Verlassen meines Elternhauses 1951 abonniert hatte, habe ich nur noch auf der Suche nach informativen Artikeln durchgebl\u00e4ttert, bis ich es als Reaktion auf das <em>Sputnik<\/em>-Verbot (1988) abbestellt habe. Gl\u00fccklicherweise hatte ich die <em>Iswestija<\/em> abonniert, die unter dem Schwiegersohn Chruschtschows Adshubei ein gutes Niveau erreicht und \u00fcber die Zeit danach gehalten hat. Bis zum Ende der DDR dauerte es noch etwa 20 Jahre, die ersten Probleme der Honecker-Mittag-Wirtschaftspolitik waren schon in den siebziger Jahren zur erkennen. Die Rettungsversuche von Gorbatschow konnten mit dem stalinistischen Politb\u00fcro, das schon Chruschtschow Kn\u00fcppel zwischen die Beine geschmissen hatte, nicht gelingen.<\/p>\n<p>Geistige Faulheit, Dummheit und Anma\u00dfung von Honeckers Politb\u00fcro f\u00fchrten folgerichtig 1989 zum Niedergang der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft und zur\u00fcck in den Kapitalismus. Ich darf mir ein solches Urteil erlauben, da ich immer auf die Probleme hingewiesen und mahnende Briefe an drei Politb\u00fcromitglieder geschickt habe, und nach dem\u00a0letzten dieser Briefe nach 37 Jahren Mitgliedschaft aus der SED ausgeschlossen worden bin. In der Kreisleitung wurde mir gesagt, das die Genossen im Politb\u00fcro 30.000 solcher Briefe bekommen h\u00e4tten, allerdings nicht in welchem Zeitraum.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema &#8211;<\/strong>\u00a0<a rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/278599-haben-friedenskraefte-in-deutschland-chance-auf-vereinigung\/\">Haben Friedenskr\u00e4fte in Deutschland eine Chance auf Vereinigung? Elbe-Tag in Torgau macht es vor<\/a><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-externalVideo EmbedBlock-rumble\">\n<div class=\"VkEmbed\"><iframe class=\"lazyload\" data-src=\"https:\/\/rumble.com\/embed\/v6qq9wx\" frameborder=\"0\" width=\"853\" height=\"480\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/inland\/279381-erinnerungen-an-leben-im-kriegsdeutschland\/\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Horst Aden erlebte die Zeit des Zweiten Weltkrieges als Sch\u00fcler. Dank seines Elternhauses wurde er nie mit der Nazi-Ideologie infiziert. Nach Kriegsende teilte er die Hoffnung vieler Deutscher auf eine sozialistische Entwicklung \u2013 wozu er selbst in der DDR seinen Beitrag leistete, wobei er die Fehlentwicklungen des Sozialismus schon fr\u00fch erkannte. 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